Margarete Stokowski

SPD im Schulz-Taumel Die ausgehungerte Partei

Bedürftigkeit ist keine gute Grundlage für eine Beziehung. Trotzdem stürzt sich die SPD auf Martin Schulz wie ein langjähriger Single auf einen heiratswilligen Partner. Was lieben die Genossen so an ihm?
SPD-Sonderparteitag in Berlin

SPD-Sonderparteitag in Berlin

Foto: Michael Kappeler/ dpa

Ich würde mich gern in Martin Schulz verlieben. Ernsthaft. Also verlieben im politischen Sinne: meine Hoffnung in ihn setzen, von seinen Reden elektrisiert werden, aufbrechen zu etwas Neuem. Es klappt nicht. Ich habe mir stundenlang Schulz-Reden auf YouTube angeguckt, das Schulz-Zug-Lied  auf Repeat gehört und das Schulz-Zug-Spiel  gespielt. Mein Körper ist bereit, aber der Funke springt nicht über. Ohne eine einzige emotionale Regung starre ich im SPD-Onlineshop auf den Pappaufsteller von Martin Schulz , 180 mal 60 Zentimeter, 49,90 Euro, lieferbar ab Anfang April. Nichts. Nicht obenrum, nicht untenrum, und dazwischen auch nicht. Warum?

Als in Kanada der Hype um Justin Trudeau losging, haben sich hierzulande ja einige gefragt, wer in Deutschland ähnlich viel Begeisterung auslösen könnte. Aber niemand wäre auf diese Mischung aus Mathelehrer und Wurstverkäufer gekommen, für den sie jetzt applaudieren, weil er sagt: "Ich möchte, dass der einzelne Mensch Respekt bekommt", obwohl das doch irgendwie klar ist, eigentlich.

Die Euphorie anderer Leute ist ja von außen oft schwer nachzuvollziehen, egal, ob es sich um die erste Kinderkacke, um Katzenfotos oder Kanzlerkandidaten handelt. Die einen rufen: "Ja, schau doch nur!", und die anderen denken: "Aha." 13.000 Leute sind seit Jahresanfang in die SPD eingetreten, dreizehnfuckingtausend. Irgendwo habe ich in einem der vielen Schulz-Hype-Berichte eine Frau davon schwärmen hören, dass es ja so günstig sei, in die SPD einzutreten, aber günstig ist auch H-Milch von Aldi, und für die klatscht niemand.

Etwas scheint faul am Schulz-Jubel. Die gesamte SPD wirkt zurzeit wie diese Leute, die jahrelang unfreiwillig Single waren, die in zunehmender Verzweiflung auf der Suche waren, und die dann eines schönen Frühlings plötzlich, emotional völlig ausgehungert und nur durch das Probe-Abo einer Partnerbörse beflügelt, jemanden finden, der diesmal wirklich der Richtige ist und der sie auf einem weißen Pferd respektive Schulz-Zug ins Land ihrer Träume geleiten wird, von dem sie dann aber auch ununterbrochen sprechen. Und der allen Umstehenden schon sehr bald gehörig auf den Sack geht, weil zwar vieles im Leben durchs Teilen schöner wird, aber Notgeilheit nicht.

Eine Umleitung namens Martin

Dabei ist an Martin Schulz im Grunde nichts so völlig verkehrt. Verdächtig sind nur die, die verzückt erbeben, wenn er davon spricht, dass er da sein will für die "hart arbeitenden Menschen, die sich an die Regeln halten". Das soll es sein? Fleißbienchen für Leistung und Regelkonformität? Ist es das, was die Leute euphorisiert? Der Arbeitslose, der vormittags bei Rot über die Straße geht, weil eh kein Auto kommt, wird vom Schulz-Zug überrollt, er erfüllt die Kriterien nicht, Glück auf.

Der Spruch, den sie sich bei der SPD auf die Schilder schreiben, ist wenig überzeugend. "Jetzt ist Schulz", was ist denn das für ein Statement? So sexy wie "Der Nächste bitte" im Wartezimmer beim Hautarzt.

Schulz sei so menschlich, heißt es, so authentisch. Er sei ein einfacher Mann, der auch die harten Seiten des Lebens kennt. Aber das trifft auf die allermeisten Männer zu. Wer menschliche Männer sehen will, die auch die harten Seiten des Lebens kennen, muss nicht auf Martin Schulz warten, sondern kann auch U-Bahn fahren oder vielleicht einfach in den Spiegel gucken. Vielleicht ist es ja genau das. Schulz ist so greifbar. Die Brille, der Dialekt, der Name. Tausende deutsche Frauen müssten im Falle einer Hochzeit nicht mal über eine Namensänderung nachdenken, weil sie eh so heißen, und die Männer, die Schulz zujubeln, sehen vielleicht einfach sich selbst in Schulz oder ihren Bruder, aber keine Konkurrenz. Sie alle sind vielleicht nicht unbedingt berauscht von Schulz, sondern von sich selbst, über eine Umleitung namens Martin.

Und das ist natürlich dann doch wieder rührend. Neulich war in einem "SPIEGEL"-Porträt über Matthias Schweighöfer zu lesen, wie er beim Hören seines eigenen Songs in Verzückung gerät: "Ist das schön! Fuck! Unglaublich! Wahnsinn! Toll! Oh Gott!" Ist das nicht genau das, was die SPD gerade tut? Sich heftig selber lieben? Ach, ich würde es niemandem ausreden wollen. Hände waschen und weiter geht's.

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