Maß und Maßlosigkeit "Wir genießen trotzig"

2. Teil: "Es wäre unanständig, anständig zu bleiben."


KulturSPIEGEL: Und Kopfschmerzen am nächsten Tag. Wenn nicht gar ein kürzeres Leben.

Pfaller: Ja, aber ein besseres Leben. Wir sollten nicht den Tod fürchten, sondern das schlechte Leben.

KulturSPIEGEL: Was macht uns so vernünftig?

Pfaller: Zum einen die Politik. Im Ziel der maßlosen Mäßigung treffen sich Neoliberale und Linke. Sie machen gemeinsame Sache, aus unterschiedlichen Motiven: Der Neoliberalismus zerstört bürgerliche Räume und die Solidarität in den Sozialversicherungen, er macht Menschen für ihre Krankheiten selbst verantwortlich. Die Linke steckt fest in einer Nach-68er-Emanzipationserzählung: Sie empfindet den Menschen als frei, wenn er nicht fremdbestimmt ist, wenn er ganz er selbst sein darf, wenn er möglichst wenig vom anderen mitbekommt. Keinen Rauch zum Beispiel.

KulturSPIEGEL: Viele verzichten freiwillig, nicht weil sie politisch dazu gezwungen werden.

Pfaller: Ja, weil bei ihnen etwas anderes an die Stelle der Lust tritt: Selbstachtung. Menschen, die asketisch sind, empfinden sich fast immer als höherwertig. Sie denken, sie seien klüger als andere und ihnen moralisch überlegen. In unserer Gesellschaft, in der die Klassendifferenzen härter werden, in der viele von Abstiegsängsten erfasst sind, ist das extrem attraktiv. Soziale Distinktion wird wichtiger. Nehmen Sie die Vegetarier, die derzeit so im Trend liegen: Die einen machen es, um gesünder zu sein; die anderen machen es, weil sie sich so besser fühlen als andere - denn sie schauen, so meinen sie, nicht nur auf ihr Schnitzel, sie haben den Klimawandel und das Fortbestehen der Menschheit im Blick.

KulturSPIEGEL: Aber doch zu Recht. Muss das schöne Leben ein verantwortungsloses Leben sein?

Pfaller: Es geht um die Verantwortung gegenüber dem guten Leben. Die Klimapanik passt zu unserer Todesfurcht, die größer ist als die Furcht vor dem schlechten Leben. Es wird ständig so getan, als wenn es entsetzlich wäre, wenn die Menschheit als Gattung ausstürbe. Mein Vorgänger hier am Lehrstuhl, der Philosoph Rudolf Burger, hat einmal sehr klug festgestellt: Es ist nicht trauriger, wenn wir alle zugleich sterben, als wenn wir alle nacheinander sterben.

KulturSPIEGEL: Ist ein fetter Fleischklops wirklich der Inbegriff von Genuss? Und kann ein Biosaft nicht genauso lecker sein wie ein Jahrgangssekt?

Pfaller: Triumphale Freude empfinden wir nur, wenn wir ein zwiespältiges Kulturelement in ein großartiges verwandeln. Wenn wir uns das versagen, sind wir im profanen Leben gefangen. Dann können wir nicht mehr feiern. Feiern können wir nur mit Dingen, die eine ungute, nicht auf Dauer verträgliche Eigenschaft haben.

KulturSPIEGEL: Weil sie den Alltag durchbrechen.

Pfaller: Genau, der Alkohol bei einem Fest schlägt eine Kerbe in die Zeitlinie. Mit Mineralwasser kann man den Tag nicht markieren, an dem das eigene Fußballteam den historischen Sieg gegen den Stadtrivalen errungen hat. Und den Geburtstag eines Erwachsenen kann man nicht mit Multivitaminsaft feiern. Es wäre unhöflich, nicht mit ihm anzustoßen, wenn gefeiert wird. Es wäre unanständig, anständig zu bleiben. Unsere Kultur zwingt uns in solchen Situationen zur Verausgabung - zu der wir von allein nicht fähig wären.

KulturSPIEGEL: Man muss die Feste feiern, wie sie fallen, heißt es im Sprichwort.

Pfaller: Was aber auch bedeutet, dass man sie sonst eben nicht feiern darf. Nur ein feierndes Kollektiv kann ein Gebot an die Individuen richten, keine Spielverderber zu sein. Deshalb erscheint der Einzelne, der einem auf der Straße rauchend entgegenkommt, auch so verwahrlost. Er raucht in seinem Alltag, nicht als Unterbrechung des Alltags. Er raucht ohne Kulturgebot. Das ist trist.

KulturSPIEGEL: Zigaretten sind verpönt, keine Frage, aber ist unsere Kultur asketisch? Was ist mit dem allgegenwärtigen Sex?

Pfaller: Es gibt den schönen Satz des Philosophen Max Scheler, der schreibt, wir sind umgeben von lauter lustigen Dingen, die angeschaut werden von lauter traurigen Menschen, die nichts damit anzufangen wissen. Also: Es sind nicht die Genussmittel, die knapp geworden sind, sondern die Ressourcen, die Menschen brauchen, um die Genussmittel als lustvoll zu empfinden.

KulturSPIEGEL: Wieso bietet der Markt den Sex dann überhaupt an?

Pfaller: Im Spielfilm wird er uns kaum noch angeboten, er ist in Talkshows und andere Reality-Formate abgewandert. Dort wird der Sex vorgeführt, aber nicht glamourös, sondern mit einer abstoßenden Note, mit einem mahnenden Fingerzeig. Die Drohung heißt: Wenn ihr euch nicht zusammennehmt, sitzt ihr morgen selbst bei den Unterschichtlern im Rudelbums-Container. Es ist heute für breite Mittelschichten immer mit der Gefahr der Deklassierung verbunden, sich freizügig zu zeigen.



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archie, 06.06.2011
1. Antwort
Dieser Philosoph ist einfach nur einer der Raucher, die ja bekanntlich rücksichtslos ihrem Laster frönen wollen. Als Suchtkranker relativiert er sein gefährliches Laster und strickt sich eine Philosophie dazu und diskriminiert alle gesundheitsbewußten Menschen.
Meckermann 06.06.2011
2. Rauchen
---Zitat--- Es wäre unvernünftig, immer vernünftig zu sein ---Zitatende--- Sicherlich darf man auch mal seinen Spaß haben, aber gerade beim Rauchen ist es ja meist nicht so, dass man "mal eine raucht" sondern von Zigaretten hochgradig abhängig wird. Ob es sich wirklcih lohnt, für ein bisschen Spaß Lungenkrebs zu riskieren?
opriema, 06.06.2011
3. boa
Ich habe das Interview schon in der analogen Spiegelbeilage gelesen und lange nicht mehr so einen Stuß gelesen! Der Typ predigt Sex, Drugs and Rock´n´Roll und sieht aus wie ein Beamter. Hauptsache labern.
heineborel 06.06.2011
4. Diskriminierung...
Zitat von archieDieser Philosoph ist einfach nur einer der Raucher, die ja bekanntlich rücksichtslos ihrem Laster frönen wollen. Als Suchtkranker relativiert er sein gefährliches Laster und strickt sich eine Philosophie dazu und diskriminiert alle gesundheitsbewußten Menschen.
kann ich in dem Artikel nicht erkennen... "Fürchte nicht den Tod, sondern das schlechte Leben" bedeutet ja nicht, dass jetzt alle anfangen sollen zu rauchen, trinken, rumhuren... Wer ohne Zigaretten glücklich ist: herzlichen Glückwunsch. Es geht dem werten Herren wohl eher um solche Leute, die zwar wollen aber sich nicht trauen, weils ja so ungesund ist... Was ich aus dem Artikel mitnehme ist eher: jedem das Seine, und das hat nun wirklich nichts mit Diskriminierung zu tun!
heineborel 06.06.2011
5. darum geht es doch gerade...
Zitat von MeckermannSicherlich darf man auch mal seinen Spaß haben, aber gerade beim Rauchen ist es ja meist nicht so, dass man "mal eine raucht" sondern von Zigaretten hochgradig abhängig wird. Ob es sich wirklcih lohnt, für ein bisschen Spaß Lungenkrebs zu riskieren?
... dass soll dann jeder für sich selbst entscheiden!!!
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