Maß und Maßlosigkeit "Wir genießen trotzig"

3. Teil: "Vorbilder fehlen uns, wir sind von Extremen umgeben."


KulturSPIEGEL: Die Oberschicht lebt ihre Sexualität lustvoller aus?

Pfaller: Es gibt so etwas wie die Klasse italienischer Ministerpräsidenten, die Flavio-Briatore-Klasse auch, in der es zumindest zum guten Ton gehört, so zu tun, als habe man permanente Exzesse.

KulturSPIEGEL: Wobei Berlusconi und Briatore auch nicht gerade glamourös sind, ebenso wenig wie Charlie Sheen. Der wird medial als Irrer vermittelt.

Pfaller: Charlie Sheen ist kein Typ wie Steve McQueen oder Paul Newman. Er ist zu extrem, ein Freak, ein Zerrbild. Wir haben heute generell keine Stars mehr, die als erotische Vorbilder taugen, die Sex so glamourös verkörpern, dass wir sagen können: Jetzt hatten wir einen tollen Moment, es war wie bei Michel Piccoli und Romy Schneider.

KulturSPIEGEL: Was ist mit dem Boom der Kochshows und Kochbücher? Sind sie nicht ein Zeichen für eine genussfreundliche Gesellschaft?

Pfaller: Mit den Kochbüchern ist Ähnliches passiert wie mit den Sextoys. Das waren früher Dinge, die man im Verborgenen gehalten hat, hinter der Bühne. Die Effekte hat man den Auserwählten geboten, die auf die Bühne kamen: den Gästen, die zum Essen eingeladen waren, oder den Sexpartnern, die wir überraschen wollten. Heute zeigen wir alles exhibitionistisch her, aber Sex haben wir eher selten, und die Küche bleibt auch kalt. Dazu passt, dass heutige Kochbücher grafisch aufwendig gestaltet und stilisiert sind, sie haben eine ganz andere Funktion als die nüchternen Kochbücher vom Typ "Man nehme". Sie sind Vermittler eines Lebensgefühls, nicht so sehr Werkzeuge einer Praxis. Zumal die meisten auf Spitzenleistungen verweisen, so wie die Kochshows mit ihren Starköchen. Früher hatte man ein Repertoire an einfachen, wiederholbaren Gerichten, an denen man Freude haben konnte. So etwas wie ein gut gekochtes Rindfleisch mit einer Kohlrabi-Sauce. Heute ist alles extrem verfeinert und lässt sich schwer nachkochen.

KulturSPIEGEL: Der Spanier Ferran Adrià, der Erfinder der Molekularküche, ist für das Kochen, was Charlie Sheen für den Sex ist?

Pfaller: Der Effekt kann ähnlich sein. Weil wir unbewusst denken: Wenn's überhaupt Sex gibt, dann gleich so was, na, dann lassen wir's lieber bleiben. Was Michel Piccoli und Romy Schneider vorgeführt haben, das war vielleicht auch drei Stufen über dem, was Normalmenschen wollten oder konnten, aber es war noch ein nachvollziehbares Ideal. So wie der Skilehrer auch immer drei Zacken besser fährt als der Skischüler, aber er fährt doch so, dass der Skischüler hinterherfahren und sich vorstellen kann, ihm mit ein bisschen Übung nahezukommen. Solche Vorbilder fehlen uns, wir sind von Extremen umgeben.

KulturSPIEGEL: Extrem ist auch das Phänomen der Komatrinker - und es ist alles andere als asketisch.

Pfaller: Wenn wir uns über Alkohol hermachen, dann wie Kinder, deren Eltern ausgegangen sind und vergessen haben, den Schnapsschrank zuzusperren. Dann saufen wir uns die Birne weg, auch weil wir es uns nicht vorstellen können, dass irgendwer uns diesen Genuss gönnt - darin besteht das Asketische. Wir müssen exzessiv genießen, weil wir trotzig genießen - und weil wir mit einem schlechten Gewissen genießen, das wir betäuben müssen.

KulturSPIEGEL: Beobachten Sie den kulturellen Trend zur Askese auch auf dem Feld der Kunst selbst?

Pfaller: Die Künstler sind heute die Musterknaben der Gesellschaft. Das liegt unter anderem daran, dass man leichter zu Geld kommt, wenn man den Kuratoren und Kulturpolitikern sachliche Projekte unterbreitet, die mit Sekundärliteratur durchdacht sind und ein wichtiges Anliegen promoten.

KulturSPIEGEL: Wie verändert das die Kunst?

Pfaller: In den Achtzigern sah es auf einer Documenta aus wie in einer katholischen Kirche. Es gab viel buntes Zeug, vieles war kindisch und lustig. Heute gleicht eine Documenta einer protestantischen Kirche. Es ist viel Text zu lesen, die Objekte sind sperrig und nicht besonders lustvoll. Dafür geht es bei ihnen immer um ein wichtiges Anliegen, irgendetwas wird gerettet, irgendeine Minderheit oder eine bedrohte Pflanzensorte. Die Menschen haben offenbar mehr Bedürfnis, sich moralisch gut zu fühlen, als ihren Geschmack zu verfeinern oder sich zu amüsieren.

KulturSPIEGEL: Und wie amüsiert sich der Philosoph Pfaller? Leben Sie privat das, was Sie beruflich predigen?

Pfaller: Nun ja, in meiner idiotischen Privatexistenz als Bourgeois habe ich ein Nebenhöhlenproblem und darf kaum rauchen, nur in feierlichen Ausnahmemomenten. Wichtig ist mir aber, dass man sich nicht von seinem Privatinteresse leiten lässt, wenn es darum geht, ob der Staat etwas verbietet. Man muss das, da es eine politische Frage ist, als Citoyen diskutieren und darf nicht die eigene Allergie über das Allgemeinwohl stellen.

Das Interview führte Tobias Becker



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archie, 06.06.2011
1. Antwort
Dieser Philosoph ist einfach nur einer der Raucher, die ja bekanntlich rücksichtslos ihrem Laster frönen wollen. Als Suchtkranker relativiert er sein gefährliches Laster und strickt sich eine Philosophie dazu und diskriminiert alle gesundheitsbewußten Menschen.
Meckermann 06.06.2011
2. Rauchen
---Zitat--- Es wäre unvernünftig, immer vernünftig zu sein ---Zitatende--- Sicherlich darf man auch mal seinen Spaß haben, aber gerade beim Rauchen ist es ja meist nicht so, dass man "mal eine raucht" sondern von Zigaretten hochgradig abhängig wird. Ob es sich wirklcih lohnt, für ein bisschen Spaß Lungenkrebs zu riskieren?
opriema, 06.06.2011
3. boa
Ich habe das Interview schon in der analogen Spiegelbeilage gelesen und lange nicht mehr so einen Stuß gelesen! Der Typ predigt Sex, Drugs and Rock´n´Roll und sieht aus wie ein Beamter. Hauptsache labern.
heineborel 06.06.2011
4. Diskriminierung...
Zitat von archieDieser Philosoph ist einfach nur einer der Raucher, die ja bekanntlich rücksichtslos ihrem Laster frönen wollen. Als Suchtkranker relativiert er sein gefährliches Laster und strickt sich eine Philosophie dazu und diskriminiert alle gesundheitsbewußten Menschen.
kann ich in dem Artikel nicht erkennen... "Fürchte nicht den Tod, sondern das schlechte Leben" bedeutet ja nicht, dass jetzt alle anfangen sollen zu rauchen, trinken, rumhuren... Wer ohne Zigaretten glücklich ist: herzlichen Glückwunsch. Es geht dem werten Herren wohl eher um solche Leute, die zwar wollen aber sich nicht trauen, weils ja so ungesund ist... Was ich aus dem Artikel mitnehme ist eher: jedem das Seine, und das hat nun wirklich nichts mit Diskriminierung zu tun!
heineborel 06.06.2011
5. darum geht es doch gerade...
Zitat von MeckermannSicherlich darf man auch mal seinen Spaß haben, aber gerade beim Rauchen ist es ja meist nicht so, dass man "mal eine raucht" sondern von Zigaretten hochgradig abhängig wird. Ob es sich wirklcih lohnt, für ein bisschen Spaß Lungenkrebs zu riskieren?
... dass soll dann jeder für sich selbst entscheiden!!!
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