Maß und Maßlosigkeit "Wir genießen trotzig"

Der Philosoph Robert Pfaller über Maß und Maßlosigkeit. Im Interview sagt er wofür es sich zu leben lohnt - für Feste. Für Alkohol, Tabak, Sex.


KulturSPIEGEL: Herr Pfaller, wofür lohnt es sich zu leben?

Pfaller: Für verschwindend kleine Dinge. Mit Freunden ein Bier trinken, in einem zärtlichen Moment die Aussicht genießen, beim Kaffee eine Zigarette rauchen, Ballspielen an einem Sommerabend. Eigentlich ganz einfach.

KulturSPIEGEL: Ist das nicht etwas wenig? Verleiht das einem Leben Sinn?

Pfaller: Die Sinnfrage stelle ich bewusst nicht. Unsere vornehmste Aufgabe ist es zu leben, wie der Philosoph Montaigne gesagt hat. Nicht für bestimmte Aufgaben, Abenteuer, Projekte. Sondern einfach zu leben. Wenn Menschen nicht gelernt haben, wofür es sich zu leben lohnt, wenn sie immer nur auf die Frage geschaut haben, wozu es sich zu leben lohnt, also das Leben einem Projekt untergeordnet haben, dann fallen sie nach dem Ende dieses Projekts in jene Depressionen, wie es sie zurzeit so verbreitet gibt. Glücklich sind wir, wenn wir mit Freunden trinken, rauchen, tanzen bis zum Umfallen.

KulturSPIEGEL: Wie unvernünftig.

Pfaller: Es wäre unvernünftig, immer vernünftig zu sein. Die Vernunft würde zu etwas Irrationalem, das die Unvernunft unerbittlich verfolgt und auslöschen will - wie es zurzeit bei extremen Rauchgegnern zu beobachten ist. Sie wollen keine erträgliche Regelung für alle, sie wollen totale Reinheit.

KulturSPIEGEL: Rauchen ist ungesund, auch für Passivraucher.

Pfaller: Statt zu fragen, wofür wir leben, fragen wir uns nur noch, wie wir möglichst lange leben. Wir mäßigen uns maßlos. Das ist das Merkmal unserer Epoche, ihr Krankheitssymptom. Die Leute werden dazu angehalten, ihr Leben als Sparguthaben zu betrachten und eifersüchtig darauf zu achten, dass ihnen niemand etwas abknapst. Das ist eine Vorsicht gegenüber dem Leben, die das Leben selber tötet. Sie führt zu einer vorzeitigen Leichenstarre.

KulturSPIEGEL: Wieso wird das Rauchen seit einigen Jahren verstärkt verteufelt?

Pfaller: Jedenfalls nicht, weil wir schlauer sind als frühere Generationen. Dass das Rauchen schädlich ist, wussten sie auch. Mehr noch: Wenn sie das nicht gewusst hätten, hätten sie niemals geraucht - weil es nämlich gerade ihre Schädlichkeit ist, die die Zigaretten erhaben macht. Heute hingegen ziehen wir den meisten Genüssen den Stachel: Bars ohne Tabakkultur, Bier ohne Alkohol, Kaffee ohne Koffein, Schlagsahne ohne Fett, virtueller Sex ohne Körperkontakt.

KulturSPIEGEL: Ohne den Stachel kein Genuss?

Pfaller: Absolut. Dinge, die uns Genuss verschaffen, sind immer mit einem Problem behaftet. Sie sind teuer wie Champagner, fett wie Sahnetorte, giftig wie Zigaretten. Das problematisch Lustvolle bricht die ökonomische Logik des Haushaltens - die Vernunft, mit unseren Kräften heute so umzugehen, dass wir morgen noch welche haben. Die unvernünftige Verausgabung beschert uns einen Triumph.



insgesamt 75 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
archie, 06.06.2011
1. Antwort
Dieser Philosoph ist einfach nur einer der Raucher, die ja bekanntlich rücksichtslos ihrem Laster frönen wollen. Als Suchtkranker relativiert er sein gefährliches Laster und strickt sich eine Philosophie dazu und diskriminiert alle gesundheitsbewußten Menschen.
Meckermann 06.06.2011
2. Rauchen
---Zitat--- Es wäre unvernünftig, immer vernünftig zu sein ---Zitatende--- Sicherlich darf man auch mal seinen Spaß haben, aber gerade beim Rauchen ist es ja meist nicht so, dass man "mal eine raucht" sondern von Zigaretten hochgradig abhängig wird. Ob es sich wirklcih lohnt, für ein bisschen Spaß Lungenkrebs zu riskieren?
opriema, 06.06.2011
3. boa
Ich habe das Interview schon in der analogen Spiegelbeilage gelesen und lange nicht mehr so einen Stuß gelesen! Der Typ predigt Sex, Drugs and Rock´n´Roll und sieht aus wie ein Beamter. Hauptsache labern.
heineborel 06.06.2011
4. Diskriminierung...
Zitat von archieDieser Philosoph ist einfach nur einer der Raucher, die ja bekanntlich rücksichtslos ihrem Laster frönen wollen. Als Suchtkranker relativiert er sein gefährliches Laster und strickt sich eine Philosophie dazu und diskriminiert alle gesundheitsbewußten Menschen.
kann ich in dem Artikel nicht erkennen... "Fürchte nicht den Tod, sondern das schlechte Leben" bedeutet ja nicht, dass jetzt alle anfangen sollen zu rauchen, trinken, rumhuren... Wer ohne Zigaretten glücklich ist: herzlichen Glückwunsch. Es geht dem werten Herren wohl eher um solche Leute, die zwar wollen aber sich nicht trauen, weils ja so ungesund ist... Was ich aus dem Artikel mitnehme ist eher: jedem das Seine, und das hat nun wirklich nichts mit Diskriminierung zu tun!
heineborel 06.06.2011
5. darum geht es doch gerade...
Zitat von MeckermannSicherlich darf man auch mal seinen Spaß haben, aber gerade beim Rauchen ist es ja meist nicht so, dass man "mal eine raucht" sondern von Zigaretten hochgradig abhängig wird. Ob es sich wirklcih lohnt, für ein bisschen Spaß Lungenkrebs zu riskieren?
... dass soll dann jeder für sich selbst entscheiden!!!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© KulturSPIEGEL 6/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.