Massenvergewaltigungen in Ruanda "Man muss den Kindern die Wahrheit sagen"

Generation Genozid: Hutu-Milizen vergewaltigten und schwängerten 1994 in Ruanda Tausende Tutsi-Frauen. seen.by sprach mit dem Fotografen Jonathan Torgovnik, der die Frauen und ihre Kinder 15 Jahre danach in bewegenden Bildern porträtiert.

Frage: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Mütter mit ihren Kindern zu fotografieren?

Torgovnik: Angefangen hat alles im Jahr 2006. Ich reiste damals für eine Geschichte des Magazins "Newsweek" nach Ostafrika. Anlass war der 25. Jahrestag der Entdeckung der ersten HIV-Infektion. Es ging darum, wie Vergewaltigungen und HIV als Kriegswaffen eingesetzt wurden. Eine Frau erzählte uns von den vielen brutalen Vergewaltigungen, die sie erlitten hat und dabei infiziert wurde. In dem Interview erwähnte sie aber auch, dass sie von den Vergewaltigungen schwanger geworden war und einen Jungen geboren hatte. Da wurde mir klar, dass es kein Einzelschicksal sein konnte, sondern ein weit verbreitetes Phänomen sein musste. Für mich war dieses Interview das schrecklichste Erlebnis, das ich jemals hatte. Ich war sehr schockiert und beschloss, wiederzukommen, um das Thema weiterzuverfolgen.

Frage: In welcher Situation sind die Frauen und Kinder heute?

Torgovnik: Meine Recherche ergab, dass mindestens 20.000 Kinder aus Vergewaltigungen während des Genozids stammen. Es gibt heute also eine ganze Generation von Kindern in Ruanda, die mit dieser gemischten Identität und mit sehr komplexen Beziehungen zu ihren Müttern aufwachsen. Das betrifft natürlich ebenso die Mütter, die unter den Folgen dessen leiden, was sie durchgemacht haben. Sie sind auf mehreren Ebenen traumatisiert: In ihren Erinnerungen durch das, was sie erlebt haben, aber auch jeden Tag aufs Neue durch das Stigma der Vergewaltigung, mit HIV infiziert zu sein und darüber hinaus noch ein Kind der feindlichen Miliz geboren zu haben. Sie sind wirklich isoliert, denn Vergewaltigung gilt in Ruanda als schwere Schande. Sie leben allein und bekommen keine Hilfe.

Frage: Was hat die Frauen dazu bewogen, Ihnen gegenüber ihr Schweigen zu brechen?

Torgovnik: Ich bin öfter nach Ruanda zurückgekehrt und konnte ihr Vertrauen gewinnen. Ich habe ihre Geschichten aufgezeichnet und die Frauen mit ihren Kindern zusammen fotografiert. Sie möchten, dass die Welt von ihrem Schicksal erfährt. Ihr Gefühl ist, dass sich niemand für sie interessiert und sich kümmert, dass niemand von dieser Katastrophe weiß. Aber ich musste ihnen versprechen, nichts innerhalb von Ruanda zu veröffentlichen. Sie wollen nicht, dass die Leute in ihren Gemeinden davon erfahren - auch wenn es bereits viele wissen.

Frage: Sie haben immer die Frauen gemeinsam mit ihren Kindern fotografiert. Wie ist das Verhältnis der Frauen zu ihren Kindern?

Torgovnik: Sehr vielschichtig. Viele Frauen haben an Selbstmord gedacht, als sie ihre Schwangerschaft bemerkten. Sie meinten, aus dem was sie erlebt hatten, könne kein menschliches Wesen entstehen, sondern nur ein Monster. Doch wussten sie nicht, wie sie es anstellen sollten und wollten das Kind dann nach der Geburt aussetzen oder es töten. Man weiß nicht, wie viele Frauen es tatsächlich getan haben. Die Reaktionen sind sehr gemischt. Einige sagen geradeheraus, dass sie ihre Kinder nicht lieben. Anderen sind ihre Kinder egal. Und einige lieben ihr Kind wirklich sehr, weil der Rest der Familie ermordet wurde und es das einzige ist, was ihnen geblieben ist. Sie leben für dieses Kind.

Frage: Wissen die Kinder von ihrer komplizierten Herkunft?

Torgovnik: Den meisten Kindern, die halb Tutsi halb Hutu sind, sieht man die Herkunft physisch auch an. Das bereitet natürlich Probleme und stigmatisiert sie. Man sagt ihnen, dass ihre Väter Mörder waren. Die meisten Mütter haben ihren Kindern aber bisher noch nichts über die Umstände ihrer Zeugung erzählt. Irgendwann müssen sie ihnen die Wahrheit sagen. Die Kinder sind jetzt 14 Jahre alt und stellen Fragen.

Frage: Sie haben eine Organisation gegründet, die betroffene Frauen und Kinder unterstützen soll. Wie muss man sich diese Hilfe vorstellen?

Torgovnik: Die Organisation kümmert sich bei den Kindern um eine weiterführende Schulausbildung und hilft den Müttern mit medizinischer Versorgung und psychologischem Beistand. An vielen Orten könnten die Frauen zwar Hilfe erhalten, aber sie nehmen sie nicht in Anspruch, weil sie ihre Erlebnisse nicht offenbaren möchten. Wir erklären ihnen also, dass sie bei uns Hilfe bekommen, ohne dass sie ihre Geschichten preisgeben müssen.

Frage: Zuhören ist sicher wichtig, aber was können Sie konkret unternehmen?

Torgovnik: Mein Hauptziel ist eine weiterführende Schulausbildung. Wenn man die Mütter fragt, was ihre größte Hoffnung ist, dann ist es die Zukunft ihrer Kinder. Als erstes sagen sie oft Heiraten, aber das ist meistens ironisch gemeint. Leben bedeutet für sie, sich täglich durchkämpfen zu müssen, von einem auf den nächsten Tag zu leben. Sie sagen: "Für uns ist Zukunft ein abstraktes Wort." Alle wünschen ihren Kindern eine vernünftige Ausbildung. Mich hat das verwundert, weil es sehr arme Frauen sind, ärmer noch als andere in Ruanda. Sie haben sich keine Kleider oder mehr Nahrung gewünscht, sondern sie erkannten den Wert, den eine Ausbildung für ihre Kinder haben könnte. Sie wissen, wenn ihre Kinder zur Schule gehen, können sie Fähigkeiten entwickeln, die es in der Zukunft überlebensfähig machen. Die Idee für diese Organisation kam also eigentlich von den Müttern selbst.

Frage: Was gibt den Frauen die Kraft, mit dem Alptraum zu leben?

Völkermord in Ruanda

Torgovnik: Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Aber ich habe sie als die stärksten menschlichen Wesen erlebt, die mir je in meinem Leben begegnet sind. Ich bewundere ihre Kraft, ihre Belastbarkeit und ihre Schönheit.

Frage: Die Auseinandersetzung mit diesem Thema hat sicher auch bei Ihnen Spuren hinterlassen. Was haben Sie von den Frauen gelernt?

Torgovnik: Ich glaube, dass das ganze Projekt mein Leben verändert hat. Als Fotograf und als Mensch. Ich habe viel Zeit mit den Frauen verbracht, habe gesehen wie sie überleben und sich um ihre Kinder kümmern. Sie haben trotz der tiefen Verletzungen ein Lächeln im Gesicht. Ich setze mich für sie ein, weil sie eine Stimme brauchen, der die Welt zuhört. Einmal hat eine der Frauen nach dem Interview und den Aufnahmen zu mir gesagt, dass dieser Tag für sie wie ein Geburtstag war. Warum? Weil in den 15 Jahren nach dem Völkermord noch nie jemand zu ihr gekommen ist, um sie zu fragen, wie es ihr ginge. Die Tatsache, dass ein Fremder mit einem großen Auto sie besuchte, um mit ihr zu sprechen, hat ihr sogar innerhalb der Gemeinde zu mehr Ansehen verholfen.

Das Interview führte Anna Wander, seen.by


Ausstellung: "Intended Consequences: Rwandan Children Born of Rape": 5. März bis 7. Mai 2009 in New York, Aperture Gallery. Dazu erscheint auch ein Buch mit 60 Farbabbildungen und Interviews auf 136 Seiten. ( www.aperture.org )

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