Matton-Ausstellung in Jena Kunst der Kiste

Es sind akribische Guckkästen, Miniaturwelten im Puppenkistenformat: Zum ersten Mal wird das eigentümliche Werk des Künstlers Charles Matton in Deutschland ausgestellt. "Orte zur Aufbewahrung der Erinnerungen" nannte der Schöpfer seine Mikrokosmen.
Matton-Werk "Das Atelier Cesars II" in Jena: Magier der Wirklichkeit

Matton-Werk "Das Atelier Cesars II" in Jena: Magier der Wirklichkeit

Foto: Jan-Peter Kasper/ ZB

Der Maler Francis Bacon aß gerade ein Sandwich. Kauend blickte er in das Schaufenster der berühmten Buchhandlung La Hune am Pariser Boulevard Saint Germain, als er dort in der Auslage plötzlich sein Atelier erblickte. Kein Foto, sondern eine perfekte dreidimensionale Nachbildung seines Arbeitsplatzes mit dieser chaotischen Zusammenballung aus Leinwänden, Zeitungsausschnitten, Tuben, verspritzter Farbe und beklecksten Lappen.

Bacon war beeindruckt. Was ihm wie eine Vision erschien, war eine Arbeit des Künstlers, Illustrators und Filmemachers Charles Matton (1931-2008). Sie verwies damals, 1991, auf eine Matton-Schau in der benachbarten Académie des Beaux-Arts. Jetzt ist diese Bacon-Box zusammen mit 15 weiteren Modellkisten und 50 Fotografien des Künstlers in Jena ausgestellt und damit sein eigentümliches Werk erstmals in Deutschland zu entdecken.

Vermutlich ist Mattons Leidenschaft für Räume früh entstanden. Er war der Sohn eines Fabrikanten, der die Familie mit seiner Spielleidenschaft mehrmals finanziell ruinierte, so dass sie zwischen noblen Bürgerhäusern und ärmlichen Matratzenlagern hin- und herziehen musste. Nach dem Krieg führte der Vater in Monte Carlo ein Hotel mit 140 Zimmern. Dort lernte Matton eine platinblonde schwedische Wasserski-Meisterin kennen, die er mit kaum 20 Jahren heiratete.

Die Kritiken waren gnadenlos

In den Fünfzigern begann Matton als Maler zu arbeiten. Eine erste Ausstellung 1960 in Paris wurde zwar von dem Künstler César, der Autorin Françoise Sagan und der Schauspielerin Simone Signoret besucht - die Kritiken aber waren gnadenlos.

Matton führte den Misserfolg auf die damalige Dominanz der abstrakten Kunst zurück, während er malend der Wirklichkeit nachspürte. Zwanzig Jahre lang stellte er nicht mehr aus, sondern arbeitete unter einem Pseudonym als Illustrator für das US-Magazin "Esquire". In den späten sechziger Jahren begann er, Filme zu drehen, etwa "Rembrandt" (1999) mit Klaus-Maria Brandauer in der Titelrolle.

Die ersten Boxen fertigte er 1985. Gedacht als Vorstufen zu gemalten Interieurs, wurden sie schnell seine interessanteste und eigenständigste Ausdruckform. 1987 stellte er diese Miniaturwelten im Puppenkistenformat zusammen mit Fotos und Malerei erstmals aus. Und endlich kam der Erfolg: Vor dem Palais de Tokyo bildeten sich Schlangen und die Ausstellung wurde um drei Monate verlängert.

Hunderte akribische Guckkästen

In den folgenden Jahren entstanden an die hundert dieser akribischen Guckkästen: das Arbeitszimmer Freuds mit den unzähligen kleinen Skulpturen seiner Antikensammlung. Ein Badezimmer, dessen falscher Spiegel das Fenster zeigt, das eigentlich hinter dem Betrachter liegen müsste. Die Gänge eines imaginären Grand Hotels mit Säulen, Sesseln und einer herumliegenden "Frankfurter Allgemeinen". Das Schlafzimmer einer unordentlichen Frau. Und mit dem "Dachboden Sacher-Masochs" eine Lust- und Leidensinszenierung um einen gefesselten Mann mit heruntergelassener Hose.

Manche dieser Boxen sind vielleicht zu anekdotisch, zu preziös geraten, so etwa die Klavierkiste mit den projizierten Filmbildern von Mattons Debussy spielendem Sohn.

Wirklich interessant aber ist das Spiel der Realitätsebenen. Es entfaltet sich innerhalb der Boxen: Oft weiß man nicht genau, wird eine Person dargestellt oder eine Skulptur. Dazu kommt das Spiel der Spiegel, der Zeichnungen und Fotografien in ihnen. Und den Fotografien, die neben den Boxen gezeigt werden, ist oft kaum anzusehen, ob sie einen realen Raum wiedergeben oder ob sie Details der Box abbilden.

Wasserfall aus Acryl

An den Bühnen seiner Imagination arbeitete Matton zwischen sechs Wochen und einem halben Jahr. Viele Details sind aus Pappe, Papier oder Stoff penibel gearbeitet oder aus einer Mischung von Harz und 75 Prozent Marmorstaub gegossen. Die winzig kleinen Bilder an den Wänden der Interieurs hat er selbst gezeichnet. Perfekte Spiegeleffekte erweitern den "Weinkeller" und die "Bibliothek zu Babel (Hommage an Borges)" ins Unendliche. Ein Wasserfall ist aus transparentem Acryl gegossen, das Gras um ihn herum bilden die feinen Borsten eines Staubwedels.

"Orte zur Aufbewahrung der Erinnerungen" nannte Matton diese Mikrokosmen. Er hat in ihnen die zeitlose Essenz dessen konzentriert, was er in der vergänglichen Welt liebte: die Denker, die Künstler, die Bücher, den Wein, die Frauen, die Lust. Ihr spezieller, fast zärtlicher Bezug zur Wirklichkeit tritt hervor, wenn man sie mit dem ebenfalls dreidimensionalen, aber stärker obsessiven späten Rätselwerk Marcel Duchamps ("Étant donnés") oder den abstrakteren und bildhafteren Boxen Joseph Cornells vergleicht.

Die Jenaer Präsentation gibt einen guten Eindruck von Mattons Kunst der Kiste, auch wenn man sie in kühleren oder umgekehrt geheimnisvolleren Räume lieber sähe als in den properen Kabinetten der Kunstsammlung.

Wer es nicht nach Jena schafft, der kann den Spuren Mattons auch in Paris nachgehen. Im legendären Café de Flore, wo auch Francis Bacon einkehrte, als er nebenan in der Buchhandlung sein Atelier entdeckte, ist eine andere Box dauerhaft installiert. Sie zeigt - wie könnte es anders sein bei diesem Magier der Wirklichkeit - eben das Café, in dem sie steht.

Charles Matton, Kunstsammlung Jena, bis zum 21. Februar 2010
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