Matusseks EM-Finale Deutschland, ein Lustspiel

Komödien im Minuten-Format, Experimente am Ball: Namhafte Regisseure und Film-Autoren zeigen in ihren Videoblogs exklusiv auf SPIEGEL ONLINE, wie sie den Tag des EM-Finales erlebten - eine Bestandsaufnahme von Schlachtenlärm und politischen Befindlichkeiten, von Voodoo und Jubel.


Einer der berühmtesten deutschen Episodenfilme der Geschichte ist "Deutschland im Herbst" - Regisseure und Autoren nahmen 1977 die RAF-Terrorismus-Hysterie und die Tode in Stammheim zum Anlass, um über das politisch zerrissene Deutschland nachzudenken. Über 30 Jahre später gab es einen neuen Anlass, diesmal friedlicher, heiterer, freundlicher - das Finale der Fußball-Europa-Meisterschaft : "Deutschland im Sommer".

Filmemacher Hark Bohm ("Der Fall Vera Brühne"), Leander Haußmann ("Sonnenallee"), Wolfgang Becker ("Good bye, Lenin"), sowie der Autor Thomas Brussig ("Helden wie wir") haben den Tag in Bildern und Filmsequenzen für SPIEGEL ONLINE eingefangen und über Patriotismus und Marienverehrung, deutsche Eichen, untergegangene Hymnen und das Verschwinden des Balles experimentiert - und zwar mit dem Guerilla-Werkzeug des Bloggers, der digitalen Hand-Kamera.

"Das Kino", so Regisseur Tom Tykwer, als er Alexander Kluge den "Deutschen Filmpreis" übergab, "ist ins Internet gewandert", in die kleinen Formate, in die guerillahafte Unübersichtlichkeit von Millionen von Bilderproduzenten.

Wie schon das deutsche "Sommermärchen" der WM vor zwei Jahren, hat der Fußball auch diesmal die Nation zusammengebracht, hat Nachbarn zu public und private viewings zusammengeführt und Emotionen freigesetzt: Niedergeschlagenheit, Jubel, gelassene Heiterkeit - all das haben die Autoren dieser Filme eingefangen und übersetzt in eigene Bilder.

Einige Sequenzen lassen sich durchaus als Anspielungen oder komische Travestien auf "Deutschland im Herbst" lesen.

Wolfgang Becker: Voodoo im Untergrund

Wolfgang Becker hat, satirisch und überbordend komisch, die investigative Reportage geliefert und die Schlacht selbst, den Lärm, die schiere Emotion. Er beginnt vor der Prekariats-Fassade des sozialen Wohnungsbaus und steigt mit seiner Kamera in den Untergrund, um einem "Skandal" nachzurecherchieren, und, dort unten, umwerfend komisch auf eine krude Voodoo-Mischung aus Technik und Marienverehrung zu treffen.

Leander Haußmann: Papa als Patriotist

Leander Haußmann diskutiert in seiner "homestory" mit seinem Sohn politische Differenzen - wie es damals Rainer Werner Fassbinder mit seiner Mutter tat. Haußmann allerdings tut es komödiantischer. Er spielt den biertrinkenden Fußball-Patrioten, und überlässt seinem Sohn Philipp den romantischen Protest, den sympathisch sprachlosen Widerstand.

Thomas Brussig: Zwischen Eichen und Kofferbombern

Thomas Brussig zeigt auf seiner "Deutschland-Reise" ein Land zwischen Eichen und Kofferbombern. Er irrt durch Nürnberg, auf der Suche nach deutscher Geschichte - wie einst Hannelore Hoger in Alexander Kluges "Deutscher Herbst"-Episode, sitzt mit dem Fußballtrainer Hans Maier vor dem Fernseher und sucht in der Nacht nach dem verlorenen Finale nach dem Autokorso.

Hark Bohm: Der Ball treibt

Hark Bohm schließlich zitiert aus seiner eigenen Film-Topografie: Er zeigt die Elbe, liefert eine zarte Meditation über einen Fußball, der - immer wieder stockend - zu Haydns Kaiserquartett im Fluss seine Bahn findet, vorbei an idyllischem Uferblumen, aber auch an Stacheldraht, der durchaus wie ein Zitat der Verhaue von Stammheim aus "Deutschland im Herbst" wirkt.

Alle Filme zusammen sind Mosaik-Steine eines mal melancholischen, mal gutgelaunten, oft ironischen Bildes, das an diesem Tag Deutschland heißt - weit weltoffener und multikultureller und entspannter als jene Dokumente aus den düsteren Tagen im Deutschen Herbst vor über 30 Jahren. Deutschland im Sommer - ein Lustspiel.



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