"Illner"-Talk über Anschlag in Halle "Der Feind ist Menschenhass. Man darf ihm keine Bühne geben"

Die Gäste gaben sich nicht mal Mühe, ihre Entmutigung zu verbergen: Maybrit Illner diskutierte über den Anschlag in Halle, und fast alle in der Runde waren sich einig - man hätte das alles wissen können.

Moderatorin Illner (3.v.l.) mit ihren Gästen: "Anschlag in Halle - tödlicher Judenhass in Deutschland"
Jule Roehr/ZDF

Moderatorin Illner (3.v.l.) mit ihren Gästen: "Anschlag in Halle - tödlicher Judenhass in Deutschland"

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Ein wenig überraschend war's dann schon. Nach zwei Tagen, in denen eine Regierungsparteivorsitzende und Verteidigungsministerin den Anschlag in Halle für ein "Alarmzeichen" hielt und ein Bundespräsident ihn für "unvorstellbar"; in denen der ARD-Terrorismusexperte erklärte, der Täter habe sich im Internet "vergiftet", sei letztlich ein ganz normaler Mörder, dass er damit in einem Dönerimbiss weitermachte, habe wirklich nichts zu bedeuten; nach zwei solchen Tagen also war mit allem zu rechnen - in der ersten Polittalksendung nach den rechtsextremen Morden am Mittwoch. Weil wir uns daran gewöhnt haben, dass diese Runden auf Krawall gebürstet besetzt sind.

War aber nicht so. Kein Parteienproporz bei "Maybrit Illner", keine AfD, nicht das übliche Fragezeichen hinterm Sendungstitel "Anschlag in Halle - tödlicher Judenhass in Deutschland". Keiner, der "Aber die Gewalt der Linken!" rief. Keine Nebelkerzengefechte. Keiner, der Analysen à la "Alarmzeichen", "unvorstellbar", "im Internet vergiftet", "der Dönerimbiss war Zufall" in den Raum stellte.

Stattdessen eine Seltenheit bei einem solchen Format: Die Gäste gaben sich mit ihrer Fachexpertise nicht einmal mehr Mühe, die allumfassend entmutigende Lage zu verbergen. Alle aufrichtig bestürzt, manche wirkten kurz, als seien sie den Tränen nah.

Den einen schien dieser Abgrund schon lange klar. Stephan J. Kramer, seit 2015 Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes und davor Generalsekretär des Zentralrats der Juden, sagte: "Meine Arbeitshypothese war: Wir haben rechtsterroristische Strukturen, wir sehen sie nur noch nicht." Die Reaktion: Er übertreibe.

Sebastian Fiedler, Bundesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, befand: "Wir sitzen hier immer nur zusammen, wenn etwas passiert ist. Das ist die bittere Wahrheit." Schon allein ein Gesetz, um die Abstimmung der Polizisten zwischen den Ländern zu erleichtern, sei seit Jahren in der Mache. Hinzu komme der Personalmangel bei all den nötigen Aufgaben.

Die Grünenpolitikerin Marina Weisband, Mitglied der jüdischen Gemeinde, erklärte: "Wir sagen seit Jahren, dass wir uns nicht sicher fühlen."

Und für alle, die es ganz deutlich brauchen, sagte Elmar Theveßen, Terrorismus-Spezialist des ZDF: "Die Zeichen sind seit 2011 an der Wand." Er bezog sich damit auf das Pamphlet des norwegischen Rechtsterroristen Anders Breivik. "Seitdem ist dieses Gedankengut in unsere Gesellschaften eingewandert. Auch Teile der AfD haben diese Ideologie adaptiert und befeuert." Theveßen erklärte damit en passant auch: Wer alleine tötet, handelt nicht alleine. Und nein, ein Amoklauf wegen "psychischem Knacks" sei dies nicht.

Nur für den CDU-Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff, wirkte es fast wie eine neue Erkenntnis: "Was haben wir zugelassen, was bagatellisieren wir?" Man habe den Täter einfach "nicht auf dem Schirm gehabt", der Anschlag stecke ihm, Haseloff, "in den Knochen", wohl "bis an mein Lebensende".

Kann sich irgendjemand an eine solch betroffene Runde nach den NSU-Morden erinnern? Eben. Diese Mischung aus "Wir sehen den Abgrund seit Jahren" und "Oh, ist ja wirklich so schlimm" erinnert verblüffend an die Reaktionen auf die Klimakrise.

Und wie immer, wenn etwas passiert ist, ging es um zweierlei: Grund und Lösung. Lösungen waren am Donnerstagabend allerdings nur in der Variante "entmutigend" zu haben. Weil die Gründe, siehe oben, schon so lange klar sind. Dafür analysierten Weisband, Theveßen und Kramer die Lage so hellsichtig, dass man sie jenen als Berater wünscht, denen die Sache offenbar mehr Mühe bereitet. Damit keiner mehr glaubt, das Internet sei schuld.

"Wir scheitern schon daran, sprachliche Gewalt zu verhindern"

Hier, für die Karteikarten: Die terroristische Ideologie bestehe aus einem "Dreiklang aus Rassismus, Antisemitismus, Antifeminismus", so Weisband. "Gegen alle, die für anders erklärt werden", ergänzte Theveßen und zitierte eine Tafel im KZ Flossenbürg. Aber: "Wir scheitern schon daran, sprachliche Gewalt zu verhindern", sagte Weisband, "im Internet, im Parlament, in Sendungen wie diesen". Und so setzte sie selbst aufs Verbindende, gegen das Beharren, Antisemitismus sei vor allem muslimisch: "Ich bin nicht mehr bereit, dass Minderheiten gegeneinander ausgespielt werden."

Was fehlte also?

Etwa die Frage, wie es um die rechtsextremen Netzwerke in und mit Polizei, Bundeswehr, Verfassungsschutz und Ex-Verfassungsschutzchef Maaßen bestellt ist.

Was fehlt also, wollte auch Illner wissen.

"Bildung, Bildung, Bildung", sagte Verfassungsschutzchef Kramer. Und dann erinnert man sich daran, dass das Bundesfamilienministerium künftig nur einen Bruchteil der bisherigen Demokratie-Projekte fördern will.

"Ich hätte heute gerne auch über Julian Reichelt [Chefredakteur der "Bild"-Zeitung - Anm. d. Red.] gesprochen, der den Täter auf die Titelseite gepackt hat", so Fiedler. "Und so dafür sorgt, dass wir bald den nächsten Täter haben." Oder wie Marina Weisband sagte: "Der Feind ist Menschenhass. Man darf ihm keine Bühne geben."

Und dann schaut man auf die Gästeliste des ZDF-"Morgenmagazins" vom Freitag. Thema: Der Anschlag in Halle. Mit dabei: AfD-Mann Jörg Meuthen.



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