Stefanie Reinsperger als "Medea" in Wien Biedermeyer-Drama in Drag

Das Wiener Volkstheater überlädt Grillparzers "Medea" als Ehedrama, Familientragödie und Flüchtlingstory. Viel spannender ist da die Frage: Geht Publikumsliebling Stefanie Reinsperger nach Berlin?


Im Grunde eine gute Idee: Frei nach der US-Philologin Judith Butler, anhand der klassischen Bühnenfigur Medea zu zeigen, wie konstruiert unsere Geschlechterbilder sind. Wie man zur Frau gedrillt wird, ob man nun in das Schema passt oder nicht. Da steht also der Wiener Publikumsliebling Stefanie Reinsperger als Medea auf der Bühne des Volkstheaters in einem roten Samtkleid, das mit allerlei Tüll behängt wurde, zwängt sich in glitzernde High Heels und bekommt von Kreusa (Evi Kehrstephan), die in ihrem weißen Hosenanzug ein wenig wie Melania Trump aussieht, und es auf Medeas Mann abgesehen hat, Unterricht, wie sie sich zierlich präsentieren soll. Die Stimme nicht zu laut, der Schwung beim Walzertanzen nicht zu ausufernd. Bürgerlich zivilisiert. Alles in Maßen.

Dabei ist Reinsperger genau das Gegenteil davon, maßlos in ihrer Energie, raumgreifend in ihrer Körperlichkeit. Volkstheater-Intendantin Anna Badora inszeniert diese Szene ein bisschen wie aus der Crossdresser-Filmkomödie "Charleys Tante", Reinsperger wirkt wie in Drag, aber der Witz zündet nicht, alles an diesem Abend ist zu bieder, zu brav, zu kurz gedacht.

Zwischen Jason (eigentlich wie immer ein begnadeter Komiker: Gábor Biedermann) und Medea hakt es mit der Chemie. Man versteht die Amour fou zwischen den beiden nicht, kann nicht nachvollziehen, warum sie einst Feuer und Flamme waren. Regisseurin Badora nimmt sich zu wenig Zeit, die wechselhafte Beziehung der beiden auszuloten. Obwohl Franz Grillparzers 1819 geschriebenes biedermeierliches Ehedrama im Grunde psychologisch sehr genau gearbeitet ist.

Aber Badora hetzt durch die Story, in kurzen Rückblenden zeigt sie die zentralen Stellen aus der gesamten Trilogie "Das goldene Vlies", wie Medea schon von ihrem Vater instrumentalisiert wurde, wie sie Jason kennenlernte, Vater und Bruder für ihre Liebe verriet. Familientragödie, Ehedrama, Flüchtlingsstory mit durchaus aktuellen Bezügen und Emanzipationsgeschichte - Badora möchte einfach viel zu viel erzählen und tippt dabei alles nur kurz an.

So bleiben die Figuren schematisch. Erdrückt vom Stoff, gelingt es nicht einmal Stefanie Reinsperger, zu strahlen. Sie flüchtet sich in Manierismen. Erst gegen Ende, wenn Medea im Off ihre beiden Söhne ganz still getötet hat, und sie wieder auf die Bühne tänzelt, auf den Schultern ihre toten Kinder, blitzt auf, was alles möglich gewesen wäre, hätte sich Badora mehr auf das Wesentliche konzentriert und nicht so sehr auf pathosbeladenes Deklamationstheater gesetzt.

Der Tratsch dürfte wahr sein

Wenn nach dem müden Abend trotzdem mehr als herzlich geklatscht wurde, liegt das sicherlich auch daran, dass Reinsperger noch einmal ordentlich gefeiert werden musste. Es ist kein Geheimnis, dass das Wiener Publikum heftig in seine Akteure verknallt ist. Darstellerinnen und Darsteller stehen in der Hierarchie deutlich über der Regie, mitunter werden Schauspieler sogar beim Schlussapplaus vor den Regisseuren und ihren Ideen in Schutz genommen.

In Wien herrscht jedenfalls gerade Aufregung: Seit ein paar Wochen hält sich hartnäckig das Gerücht, die junge Schauspielerin würde Oliver Reese ans Berliner Ensemble folgen. Weder das Volkstheater noch Reinsperger haben das bestätigt, aber gleichzeitig haben sie es auch nicht dementiert, was eher dafür spricht, dass der Tratsch wahr ist.

Dabei ist Reinsperger gerade der neue Wiener Star - und in Salzburg wurde sie soeben als die neue Buhlschaft im "Jedermann" präsentiert. Wie Birgit Minichmayr oder Nicholas Ofczarek reiht sich Reinsperger ein in die österreichische Tradition der Naturgewalten auf der Bühne. Schauspieler, die eine Wucht sind und wie ein Orkan über die Zuschauer hereinbrechen.

Badora ist es gelungen, Reinsperger, die am Burgtheater engagiert war, zu sich ans Volkstheater zu holen. 2015 hat die gebürtige Polin Badora das angestaubte und chronisch unterdotierte Haus übernommen und frischen Wind in die Wiener Theaterlandschaft gebracht. Mag sie als Regisseurin noch so durchschnittlich sein, als Intendantin ist sie eine geniale Besetzung. Das Volkstheater wagt deutlich mehr als früher, legt einen spannenden Spagat zwischen Experimenten und traditionelleren Formaten hin. Auch, wenn dieser biedere Abend es nicht vermuten lässt, das Volkstheater ist zurzeit die spannendste Bühne in Wien. Ob mit oder ohne Reinsperger, das wird sich erst zeigen.


Medea. Volkstheater Wien, nächste Vorstellungen am 26. und 27.11. sowie 6., 15., 21. und 29.12.

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