S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Verschlankt den Schwachsinn

Wie wäre es denn mal mit Tiefe? Blöde Headlines, Buzzfeed-Geschrei, tanzende Sacknasen auf allen Kanälen - ein Plädoyer für anständigen Journalismus.

Wir müssen unbedingt alle würdevoller altern. Sofort. Das stand, glaube ich, so ähnlich in einer Zeitschrift. Die gibt es noch. Die Zeitschriften halten sich, es werden immer mehr, viele handeln von Fleisch, vom Gärtnern, von Mode, die Menschen mögen das.

Wer altert würdevoller?

Der Mann natürlich. Madonnas Ex-Freund Tony Ward. Mitte 50. Er. Sie auch. Der Mann altert natürlich krass würdevoll, vermutlich muss er auch nicht in jeder Zeitung ein hämisch kommentiertes Faltenfoto von sich sehen. Es werden auch oft seine Genitalien abgebildet, die altern besser.

Schwamm drüber. Die Leute mögen so was. Fleisch eben, und blöde Headlines. Die Zeitungen hingegen - Dauerkrise, Alarmzustand. Vielleicht gibt es bald eine Artikel-Flatrate, wie bei Amazon mit den Büchern. Darum müssen wir das alles neu machen. Sofort.

Mehr, schneller, weiter

Irgendwie kennt man diese Hektik von Fernsehanstalten, die panisch ihre Programme verjüngen. Ohne darüber nachzudenken, ob die jüngeren Menschen überhaupt noch fernsehen, oder ob - egal. Es wird nie gut, wenn keine Zeit zum Nachdenken ist. Oder wenn man sie sich nicht nimmt. Weil einem das Wasser gefühlt bis zum Hals steht. Die Entscheidungen, die in den Fernsehanstalten, in den Medienhäusern, in allen Bereichen, die sich seit 20 Jahren (!) einer großen Wandlung unterziehen, getroffen werden, zielen auf: mehr.

Mehr Arbeit für meist schlechter bezahlte Mitarbeiter. Journalisten sollen recherchieren, ihre Artikel schreiben, redigieren, auf Social Media bewerben. Am besten, sie machen grad noch ein YouTube-Video und verlinken auf Facebook. Die Autoren genauso. Die Schauspieler vermutlich auch, die Regisseure, Theaterleute. Beutet euch aus, vermarktet euch, weil uns nichts einfällt. Weil wir an den alten Strukturen nichts ändern wollen, ihr wisst schon, ihr süßen Selbstausbeuter. Die Konzernleitung, die Chefetage, die Aktionäre, wir müssen unsere Autos auch irgendwo putzen lassen, und ihr könnt dafür bezahlen, dass ihr einen Traumjob habt.

Wie ich kürzlich (langsam werde ich zu Alice Schwarzer und verweise nur noch auf meine eigenen steilen Thesen) erwähnte - innehalten, neu denken ist nicht. Dass es vielleicht in der Zeit der kompletten Reizüberflutung, des "Huffington Post"- und Buzzfeed-Geschreis, der Groschenromane und dämlichen Spielshows mit schiefen Fußböden und tanzenden Sacknasen ein Bedürfnis nach Ruhe geben könnte, nach Verschlankung des Schwachsinns und nach dem anachronistischen Trend zur Tiefe, fällt keinem ein.

Hurra, wir gründen noch eine Online-Bude, in der irgendwer über irgendwas schreibt, Hauptsache er macht ein Video dazu. Statt mal was ganz Verwegenes zu wagen wie: eine sehr feine Online- oder Print- oder beides, oder vollkommen egal: Zeitschrift, in der Experten langatmig Dinge erklären, von denen noch nie einer gehört hat. Das könnte ja noch interessant sein. Das könnte ja noch irgendwem irgendetwas beibringen - nix da. Mehr, schneller, weiter, Zielgruppe, virales Marketing. Statt zu überlegen, wie man einen Gegenentwurf zur kapitalistischen Verblödungsbeschleunigung entwickeln könnte, machen alle einfach mit. Und können dabei nur verlieren.

Kennen Sie unsere Newsletter?
Foto: SPIEGEL ONLINE
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.