Medienexperte von Lojewski "Der ZDF-Chefredakteur ist angezündelt"

Dass sich Roland Koch in Personalfragen beim ZDF einmischt, sei eine Unverfrorenheit, sagt Günther von Lojewski. Der Erfinder des "heute journal" analysiert im SPIEGEL-ONLINE-Interview das Vorgehen des CDU-Ministerpräsidenten - und den Schaden, den der Politiker anrichtet.


SPIEGEL ONLINE: Herr von Lojewski, muss man eigentlich einer politischen Partei angehören, um es im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu etwas zu bringen?

Journalist von Lojewski: "Nicht verbrannt, aber angezündelt"
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Journalist von Lojewski: "Nicht verbrannt, aber angezündelt"

Von Lojewski: Nein, muss man nicht. Es spricht aber auch nichts dagegen - jedenfalls so lange ein Journalist nicht zum Parteibuch-Halter wird. Aber das galt genauso schon vor 20 oder 30 Jahren. Nur kennen viele, die sich heute darüber aufregen, die Geschichte nicht so gut.

SPIEGEL ONLINE: Gerade wird im ZDF heftig über die Vertragsverlängerung für Chefredakteur Nikolaus Brender gestritten - und der hessische Ministerpräsident Roland Koch findet als stellvertretender Vorsitzender des ZDF-Verwaltungsrats, dass er da ein Wörtchen mitzureden hat. Wieso eigentlich?

Von Lojewski: Das kann ich nicht sagen. Ich halte es aber für eine Unverfrorenheit, wie hier ein Ministerpräsident eine Personalentscheidung für sich einzufordern versucht. Herr Koch ist ja gerade erst dank fremder Hilfe und wegen der Fehler des politischen Konkurrenten im Amt bestätigt worden und sollte momentan eigentlich Wichtigeres zu tun haben.

SPIEGEL ONLINE: Es gab den konkreten Vorwurf von Herrn Koch, die Nachrichten des ZDF hätten Zuschauer verloren, was Brender zu verantworten habe.

Von Lojewski: Das "heute journal" ist zweifelsfrei das beste Nachrichtenmagazin, das wir in Deutschland haben. Und wenn jetzt ein Politiker der CDU beklagt, dass die Quoten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks insgesamt sinken, hat er zwar Recht, seine Partei ist dafür aber mit verantwortlich. Die Konkurrenz durch die privaten Sender, die ja auch ihre Quote wollen, haben ja nicht zuletzt die Unionsparteien zu verantworten, die sich Anfang der achtziger Jahre massiv dafür eingesetzt haben. Jetzt muss die Politik auch die Konsequenzen akzeptieren.

SPIEGEL ONLINE: Koch argumentiert aber, es ginge ihm ums Allgemeinwohl, nicht um politisches Kalkül.

Von Lojewski: Das Allgemeinwohl ist ziemlich eindeutig definiert: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat staatsfern zu sein. Und nirgendwo im Staatsvertrag des ZDF steht, dass Personalentscheidungen sich nach dem Willen von Parteien zu richten haben. Wenn Politiker in der Vergangenheit anderer Meinung waren, hat das Bundesverfassungsgericht immer dagegen entschieden. Das gilt im übrigen genauso für Versuche, ARD und ZDF über die Festlegung der Rundfunkgebühren in bestimmte Sachzwänge zu drängen, die die Politik gar nicht unmittelbar beeinflussen darf.

SPIEGEL ONLINE: Aber um mal bei der Realität zu bleiben: Im ZDF-Fernsehrat gibt es sogenannte "Freundeskreise", die man für sich gewinnen muss, um in leitender Position tätig werden zu dürfen. Was hat das denn noch mit Staatsferne zu tun?

Von Lojewski: Das ist schwierig, ja. Aber das ZDF ist lange gar nicht schlecht damit gefahren. In fast 50 Jahren hat der Sender gerade mal seinen vierten Intendanten, weil es zwischen den Parteien ein stillschweigendes Einvernehmen gegeben hat. Die zwei wichtigsten Direktorenposten wurden stets mit fähigen Programmmachern besetzt, die jeweils einer anderen Partei nahe stehen. Diese Farbenwechsel hat es immer gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt das denn, dass Politiker glauben, sich die Posten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk aufteilen zu können?

Von Lojewski: In Deutschland ist Rundfunk Ländersache. Die Politiker gehören zu den Vätern der Landesrundfunkgesetze und leiten daraus womöglich einen gewissen Machtanspruch ab. Bisher hat noch jeder Ministerpräsident versucht, die Landesrundfunkgesetze in seinem Land zu seinen Gunsten zu novellieren, um sich zum Beispiel in den Gremien ihres Landessenders eine Mehrheit zu verschaffen. Da haben es Christsoziale nicht anders gehalten als Sozialdemokraten.

SPIEGEL ONLINE: Bei Intendantenwahlen - wie zuletzt beim NDR - werden immer wieder Namen möglicher Kandidaten gezielt an die Öffentlichkeit gegeben, um sie dadurch zu "verbrennen", zu diskreditieren. Was ist das für ein merkwürdiges Konzept?

Von Lojewski: Das ist gar nicht so merkwürdig, sondern Teil des politischen Spiels. Es mag unanständig sein, aber bei der Besetzung von Hochschulpräsidenten und Theaterintendanten läuft es genauso. Auch Brender wird jetzt - zwar nicht verbrannt - aber doch "angezündelt" sein. Das Problem ist, dass in der Diskussion über seine Person Interna veröffentlicht werden, die eigentlich nicht in die Debatte hinein gehören. Selbst wenn er im Amt bleibt, wird ihn das nicht ganz unbeschädigt lassen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso kocht die Diskussion jetzt so hoch? Dieselbe Problematik gab es doch schon vor einigen Jahren, als Fernsehspiel-Chef Hans Janke im ZDF Programmdirektor hätte werden sollen, dann aber aus Parteiproporzgründen Thomas Bellut eingesetzt wurde.

Von Lojewski: Zuerst einmal: Bellut war für den Sender ja keine schlechte Lösung. Die Öffentlichkeit im aktuellen Fall wurde auch von Leuten hergestellt, die Brender unterstützen wollen. Es spielt ja auch eine Rolle, wo die Medienjournalisten, die das Thema spielen, selbst stehen - wobei ich finde, dass wir Journalisten uns nicht überschätzen sollten und das Medium, das uns zur Verfügung steht, nicht all zu oft für solche Interessen strapazieren dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Hat das denn wirklich einen Einfluss aufs Programm: ob jemand dem linken oder dem rechten Lager zugerechnet wird?

Von Lojewski: Ganz sicher nicht in Einzelentscheidungen - das würde ja permanent auffallen. In Grundstrukturen glaube ich schon, weil es sehr wohl einen Unterschied macht, wie jemand ein Programm dauerhaft gestaltet.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich der momentane Konflikt Ihrer Meinung nach lösen?

Von Lojewski: Jetzt wird sich zeigen müssen, wie unabhängig die Gremien des ZDF tatsächlich sind - und wie stark der Intendant ist. Wenn er sich für Herrn Brender entschieden hat und der Ansicht ist, dass Brender als Chefredakteur gute Arbeit leistet, spricht nichts dagegen, dass dessen Vertrag verlängert wird. Das muss auch der Politik klar vermittelt werden. Andernfalls wird auch Herr Schächter beschädigt. Es ist schlimm, dass Koch das nicht sieht. Dem Sender, in dessen Verwaltungsrat er sitzt, tut er mit seinen Anstrengungen jedenfalls gerade keinen guten Dienst.

Das Interview führte Peer Schader



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Seite 1
Stramonium, 20.02.2009
1.
Zitat von sysopDie unionsnahe Mehrheit im ZDF-Verwaltungsrat will den Vertrag von Chefredakteur Brender nicht verlängern - jetzt begehren prominente Journalisten des Senders gegen die politische Beeinflussung auf. Wie gefährdet ist die journalistische Unabhängigkeit?
Es gab sie noch nie.
Rainer Daeschler, 20.02.2009
2.
Früher vermied man es in der Politik etwas öffentlich zu tun, was einem den Vorwurf der Einflussnahme auf die Presse einbringen könnte. Heute betrachtet man die als Vorrecht, die es in den entsprechenden Gremien auszuüben gilt.
Strobl09, 20.02.2009
3.
Naja mit demokratischen Grundprinzipien hat die Union es noch nie so genau gehalten.
markus-poppen-blox 20.02.2009
4.
da kommt wieder die bösartige intrigante machenschaften des herrn koch raus. wenn ich mir so anschaue, wie z.b. auch bei uns hier gewisse posten mit cdu nahen personen (z.b. beliebte gastwirtschaften) besetzt werden. das gab´s doch früher auch schon so ähnlich.
Hubert Rudnick, 20.02.2009
5. Parteinahme in den Medien
Zitat von sysopDie unionsnahe Mehrheit im ZDF-Verwaltungsrat will den Vertrag von Chefredakteur Brender nicht verlängern - jetzt begehren prominente Journalisten des Senders gegen die politische Beeinflussung auf. Wie gefährdet ist die journalistische Unabhängigkeit?
---------------------------------------------- Die Parteinahme in den Medien ist nichts neues, es wurde schon immer praktiziert und bei ein igen Journalisten, und Verantwortlichen ist es besonders deutsch zu merken. Allerdings wurde das ZDF auch als ein Gegenstück zur ARD gegründet, damit man die Politik der CDU propagandieren konnte. Es wird mal Zeit, dass in den Chefetagen ein neuer journalistischer Wind weht und die Küngellei mit den Politikern aufhört, es stinkt schon zum Himmel. Aber es ist nicht nur beim ZDF so, auch bei der ARD sollten sich mal die Verantwortlichen überlegen, wie man die journalistischen Aufgaben wieder gerecht werden kann. Hubert Rudnick
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