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Medienpreis für Mohammed-Karikaturist So ändern uns die Zeiten

"Europa ist ein Ort, in dem ein Zeichner so etwas darf", sagt Angela Merkel. Ach ja? Vor fünf Jahren wurde Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard von Presse und Politik verfemt und gescholten - nun bekommt er einen Preis für sein Verdienst um die Meinungsfreiheit. Henryk M. Broder ist erstaunt.

Am Mittwochabend ging für die Muslime der Fastenmonat zu Ende und für die Juden begann das Jahr 5771. Und genau in der kurzen Stunde zwischen Ramadan und Rosch Haschana wurde in Potsdam Geschichte geschrieben: Der dänische Zeichner Kurt Westergaard wurde mit dem M100 Medienpreis geehrt; die Auszeichnung wird seit 2005 von einem Verein vergeben, dem die Chefredakteure der führenden europäischen Zeitungen und Magazine angehören. Es ist sozusagen der "Club of Rome" des Journalismus.

Die Festrede wurde von Angela Merkel gehalten, die Laudatio auf den Preisträger sprach Joachim Gauck. Beide feierten Westergaard als einen Vorreiter der Meinungsfreiheit, der "Spuren in der Geschichte" hinterlassen habe. "Egal, ob wir seine Karikaturen für nötig oder hilfreich halten", erklärte die Kanzlerin, "Europa ist ein Ort, in dem ein Zeichner so etwas darf." Die Preisverleihung an Westergaard, sagte Gauck, sei ein "Appell an alle, standhaft, wertorientiert und mutig zu bleiben".

Es waren zwei Stellungnahmen, wie sie nicht klarer und eindeutiger hätten sein können: für die Freiheit und gegen den Fundamentalismus, für die Werte der Aufklärung und gegen kulturellen Relativismus. Merkel las ihre Rede vom Blatt ab, Gauck sprach überwiegend frei, unter anderem auch den Satz: "Es erfüllt mich mit Abscheu, wenn in den Feuilletons unser Eintreten für Freiheit als hegemoniale Politik des Westens diffamiert wird." Merkel stellte fest: "Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass die Scharia über dem Grundgesetz steht (...) Kein kultureller Unterschied kann die Missachtung der Grundrechte rechtfertigen."

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Medienpreis für Westergaard: Späte Ehre für verfemten Karikaturisten

Foto: dapd

Die etwa 200 geladenen Gäste hörten und staunten. War das dieselbe Kanzlerin, die soeben ein kritisches Buch mit den Worten "wenig hilfreich" kommentiert und damit den ersten Schuss in der Sache Sarrazin abgefeuert hatte?

Um zu ermessen, was am Mittwochabend im Raffaelsaal des Schlosses Sanssouci passiert ist, muss man fünf Jahre zurückblenden. Am 30. September 2005 druckte die dänische Tageszeitung "Jyllands Posten" zwölf Mohammed-Karikaturen von zwölf dänischen Cartoonisten ab, darunter eine des damals 70-jährigen Kurt Westergaard, der den Propheten mit einem Turban auf dem Kopf gezeichnet hatte, in dem eine Bombe tickte. Die Karikaturen blieben zunächst weitgehend unbemerkt, bis eine Gruppe dänischer Imame dafür sorgte, dass sie in der arabisch-islamischen Welt verbreitet wurden, ergänzt durch einige Zeichnungen, die nicht in "Jyllands Posten" erschienen waren, unter anderem auch eine, die den Propheten als einen Hundeliebhaber der besonderen Art zeigte. Woraufhin Millionen Muslime in aller Welt ihrer Empörung freien Lauf ließen.

Dänische Fahnen wurden verbrannt, dänische Vertretungen angezündet und vandalisiert. Aber auch außerhalb der arabisch-islamischen Welt fielen die Reaktionen heftig aus. Während Islamisten in London gegen die Beleidigung des Propheten demonstrierten ("Kill those who insult Islam!"), nannte der damalige britische Außenminister Jack Straw die Veröffentlichung der Karikaturen "unnötig, unsensibel, respektlos und falsch". Keine britische Zeitung hatte es gewagt, auch nur eine der zwölf Karikaturen nachzudrucken, dafür versprach der "Observer": "Erhöhte islamische Sensibilität ist etwas, dem wir in Zukunft werden Rechnung tragen müssen", der "Daily Telegraph" äußerte angesichts der Krawalle vor seiner Tür "Respekt vor dem Islam, dieser reinsten und abstraktesten aller monotheistischen Religionen, und auch die "Times" schrieb sich ihre Zurückhaltung schön: "Das ist kein Appeasement, sondern verantwortlicher Umgang mit dem Recht auf freie Rede."

Auch Kanzlerin Merkel äußerte sich zunächst gar nicht und dann sehr konziliant: "Ich kann verstehen, dass da religiöse Gefühle verletzt wurden. Aber daraus eine legitime gewalttätige Reaktion abzuleiten wäre völlig inakzeptabel", sagte Merkel im Februar 2006 auf der Münchner Sicherheitskonferenz.

"Deeskalation fängt zu Hause an"

"Jyllands Posten" und vor allem Kurt Westergaard, da waren sich die Kommentatoren einig, wollten "nur provozieren", koste es, was es wolle. Jene über hundert Menschen, die bei den Demos ums Leben kamen, wurden nicht den muslimischen Fanatikern, sondern "Jyllands Posten" angelastet. Günter Grass sprach von einer "bewussten und geplanten Provokation eines konservativen dänischen Blattes", das er bei anderer Gelegenheit als "rechtsradikal" bezeichnete, und nannte die gewalttätigen Ausschreitungen der Muslime eine "fundamentalistische Antwort auf eine fundamentalistische Tat", womit er das Abfackeln von Botschaften auf eine Stufe mit dem Anfertigen von Karikaturen stellte.

Fritz Kuhn, damals Fraktionschef der Grünen im Bundestag, sagte in einem Gespräch mit der "Welt", es müsse nun geredet werden "über das Verhältnis der Meinungsfreiheit zu der Verantwortung, die daraus erwächst", denn: "Manche fühlen sich durch die Karikaturen stigmatisiert. Mich haben sie an die antijüdischen Zeichnungen der Hitler-Zeit vor 1939 erinnert."

Kuhns Parteifreundin Claudia Roth rief zur "Besonnenheit statt Kulturkampf" auf und postulierte: "Deeskalation fängt zu Hause an"; ihre Mahnung richtete sie an die Adresse der Medien, nicht der Krawallmacher. Altkanzler Gerhard Schröder, zu Besuch beim Dschiddah-Wirtschaftsforum in Saudi-Arabien, bezeichnete die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen als "großen Fehler" und rief die Europäer zu "größerem Verständnis für die Gefühle der Muslime" auf. Der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter forderte den Westen dazu auf, "alle Provokationen (zu) unterlassen, die Gefühle von Erniedrigung und Demütigung hervorrufen. Wir sollten die kulturelle Identität der islamischen Länder mehr achten... Für die Muslime ist wichtig, als ebenbürtig anerkannt und gewürdigt zu werden."

Ein Appell an sich selbst?

Auch "Bild"-Kolumnist Franz-Josef Wagner fühlte sich dem beleidigten Propheten schon zu Lebzeiten solidarisch verbunden: "Wenn wir sterben, wollen wir weiterreisen. Als Christ, als Muslim, als Buddhist - ich will weiterreisen und nicht verlacht werden wie Mohammed", klagte er in dem Blatt. Inzwischen schreibt er Liebesbriefe an Kurt Westergaard und solidarisiert sich mit dem Karikaturisten, der Anfang dieses Jahres beinahe einem Mordanschlag zum Opfer gefallen wäre.

So ändern uns die Zeiten. Für Joachim Gauck Grund genug, die Frage in den Raum zu stellen: "Könnte es sein, dass einige von Ihnen einen Appell an sich selbst richten?" Das sei aber nur eine "rhetorische Frage", sagte er gleich hinterher.

"What a difference a day makes, 24 little hours", heißt es in einem alten Song. Manchmal dauert es auch ein wenig länger, fünf Jahre, bis aus einem Brandstifter, einem Übeltäter und einem Freizeit-Artisten, der einen Tiger zu erziehen versucht, ein Vorreiter der Meinungsfreiheit wird, dem sogar die Kanzlerin applaudiert. Er werde "diesen Tag niemals vergessen", sagte Kurt Westergaard in seiner Dankesrede. Am Donnerstagabend trat Thilo Sarrazin in Potsdam auf. Erst mal noch ohne die Kanzlerin.

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