Medienwelt 2015 Vorwärts und nicht vergessen

Science-Fiction-Autoren, Trendforscher und andere Visionäre werfen auf dem Zukunftskongress forward2business in Halle an der Saale einen Blick in die medientechnologische Zukunft. Was wird uns das Jahr 2015 Schönes bescheren?

Von Helmut Merschmann


Filmszene aus Raumpatrouille Orion: "Science-Fiction hat enormen Nutzen"
DPA

Filmszene aus Raumpatrouille Orion: "Science-Fiction hat enormen Nutzen"

Es gab schon einmal bessere Zeiten, sich die Zukunft auszumalen. Vor hundert Jahren machte eine ganze Generation besessener Visionäre mit ihren radikalen Zukunftsentwürfen von sich reden. In Literatur, Architektur, Kunst und Musik entstanden leidenschaftliche Visionen, viele von ihnen sind noch immer nicht eingelöst.

Und manche Gesellschaftsutopien waren ihrer Zeit so weit voraus, dass sie sich an der schnöden Wirklichkeit erst gar nicht messen lassen mussten. Vorteil vieler historischer Visionen war ihre zeitliche Distanz. Sich 1895 eine "Zeitmaschine" auszudenken, war für Herbert George Wells ungefähr so riskant wie die heutige These vom schrumpfenden Universum - eben schlecht zu überprüfen.

Im sachsen-anhaltinischen Halle sieht das anders aus. Dort kommen ab Mittwoch Manager und Visionäre aus Musik, Werbung und Film sowie Zukunftsforscher und Entwickler der Automobil-, Computer, Handy- und Mode-Industrie zusammen, um auf dem forward2business-Zukunftskongress die drängenden Fragen ihrer jeweiligen Zunft zu erörtern. Man will das Jahr 2015 antizipieren und die bis dahin fälligen Branchentrends vorstellen. "Wir bieten Raum für kreative Ideen, neue Kooperationen und visionäre Businessmodelle der Zukunft", verspricht Organisator Sven Gábor Jánszky.

Zehn-Jahres-Prognosen mögen in der Medienindustrie nicht ganz so verfänglich sein wie ein Vierjahresplan in der Politik. Doch einigermaßen unerschrocken wirkt das Unterfangen schon angesichts der an gescheiterten Visionen eben nicht gerade armen Medienindustrie. Zudem müssen sich die Hallenser Zukunftsvisionen eine Überprüfung gefallen lassen. Die Gefahr, dass einige Kongressteilnehmer ihre eigenen Prognosen überstehen und das Jahr 2015 erleben werden, ist durchaus realistisch.

Wer zuletzt klingelt, den bestraft das Leben

Quo vadis, Medienbranche? Was wird uns die Zukunft bringen? Werden wir in zehn Jahren noch Filme im Kinosessel sehen, Musik im CD-Laden kaufen und Computergames im Discounter? Oder haben sich bis dahin unsere Seh- und Hörgewohnheiten und somit der Konsum insgesamt radikal verändert, als Folge des sich abzeichnenden digitalen Umbaus der gesamten Entertainment-Branche? Lange gezögert hatte man dort, viel zu lange, angstvoll den Blick auf das Internet gerichtet. Erst nachdem die CD-Absatzzahlen so weit gesunken waren, dass man Neuerscheinungen den Raubkopierern gleich hätte schenken können, kam den Musikmanagern die Idee, ins verpönte Medium zu investieren. Jetzt sehen alle ihr Heil im Internet-Download, im Netzradio und im Run auf Mobile Media.

Coldplay-Album "x&y": Erst aufs Handy, dann als CD

Coldplay-Album "x&y": Erst aufs Handy, dann als CD

Wohin die Reise geht, haben viele erst begriffen, als die Indie-Band Coldplay im April die erste Single ihres am Montag erschienenen neuen Albums "x&y" zunächst als Klingelton veröffentlichte. Nur zu Promotionszwecken, versteht sich. Seitdem gibt es kein Halten mehr bei der Ausdifferenzierung von Zielgruppen und Absatzkanälen, selbst im Alternativ-Bereich. Wer zuletzt klingelt, den bestraft das Leben.

Ohnehin sind Handys gegenwärtig Medium Nummer eins und die ersten Mobiltelefone mit Gigabyte-Speicher für MP3-Musik gelangen gerade in den Handel. Da scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Musik-Download ausschließlich über die mobilen Funkzwerge abgewickelt wird.

Mobilität - aber auch Individualisierung lauten auf dem forward2business-Kongress die verheißungsvollen, wenngleich nicht ganz neuen Stichwörter. Sie machen vor dem Filmkonsum nicht halt. Erste Erfahrungen mit Online-Videotheken und Film-Downloads geben zur berechtigten Hoffnung Anlass, dass Zuschauer künftig ihre Lieblingsfilme betrachten wollen, wann immer sie Lust dazu verspüren. Die ersten Videotheken könnten bald in ICE-Zügen eröffnen, wo es genügend Zeit totzuschlagen gibt. Das heimische Wohnzimmer verwandelt sich alsbald in eine Stimmungszentrale, die mittels farbigen Lichts persönliches "Mood-Management" betreibt. Filme schaut man einfach unterwegs und zwischendurch auf dem Notebook oder PDA.

Der Nutzen von Science-Fiction

Die Werbebranche hat mit der Zukunft so ihre liebe Not. Wenn der Konsument ständig unterwegs ist und Werbeblöcke am digitalen Videorecorder überspringt oder womöglich teuer arrangiertes Product-Placement einfach ausradiert, lässt sich ihm schlecht habhaft werden. Rettung verspricht unter anderem die Neuropsychologie, die mittels Kernspintomografen die Kundenbedürfnisse und Kaufentscheidungen analysieren will. Neuromarketing nennt sich dieser Blick unter die Schädeldecke des Käufers, wo man dessen geheime Wünsche anzutreffen hofft, die sich im Idealfall mit denen des Werbetreibenden überschneiden.

Dagegen lenkt Karlheinz Steinmüller den Blick lieber in die Vergangenheit. Der Science-Fiction-Autor und Zukunftsforscher, der den Eröffnungsvortrag auf dem Kongress hält, findet dort wertvolle Hinweise, gerade in der Literatur. "Im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen hat Science-Fiction einen enormen Nutzen", berichtet Steinmüller. "Szenarien aus Jahrzehnte alten Romanen spiegeln sich heute ganz besonders im Games- und Videobereich wider. Schon mehrmals haben Science-Fiction-Autoren der Entertainment-Branche perfekte Ideen geliefert." Individuelle Musik und künstlich geschaffene Stars zählen für den Diplomphysiker und promovierten Philosophen zu den unabdingbaren Megatrends.

Als alter Hase im Zukunftsgeschäft, der Studien im Auftrag von Unternehmen und Ministerien angefertigt hat, kennt Steinmüller allerdings auch die Unwägbarkeiten. Die Zukunft bleibt ein unbekanntes Land und verläuft nie so, wie man sie plant. "Je leichter etwas in der Zukunft zu erkennen ist, desto geringer ist der intellektuelle und kommerzielle Nährwert", lautet sein Credo.

Ob die Referenten in Halle mit ihren Visionen und Strategien richtig liegen, wird die Zukunft zeigen. Man sieht sich immer zwei Mal im Leben, spätestens 2015.

Der Kongress in Halle, den SPIEGEL ONLINE als Medienpartner unterstützt, wird auch als kostenpflichtiger Livestream online übertragen. Preis: einmalig 10 Euro.



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