Mehr Humor in der Politik Nehmt euch nicht so ernst

Politik ist langweilig und macht schlechte Laune. Das muss aber nicht sein. Nirgends steht geschrieben, dass der Spaß bei ernsten Themen aufhört. Ein paar Leute zeigen, wie es auch anders geht.

Ingo Senftleben: Es ist kein Naturgesetz, dass wichtige Themen keinen Spaß machen dürfen
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Ingo Senftleben: Es ist kein Naturgesetz, dass wichtige Themen keinen Spaß machen dürfen

Eine Kolumne von


Der Aufschrei ist groß nach den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen, weil so viele die AfD gewählt haben. Dabei geht leider unter, wie langweilig und öde der gesamte Wahlkampf wieder war. Die Trübseligkeit der Politik gipfelt für mich im Brandenburger Spitzenkandidaten der CDU, Ingo Senftleben. Wenn ich dem besten Pferd im Stall der Potsdamer Konservativen zuhöre, schlafe ich fast ein. Doch wenn Sie mich fragen, können sich nur noch populistische Parteien einschläfernde Redner leisten, weil die dahingeleierten Kriegserklärungen schon für die nötige Anspannung sorgen. Alle anderen sollten sich mehr Mühe geben.

Im Wahljahr 2019 zeigt sich, dass die etablierten Parteien offenbar noch immer nicht realisiert haben, mit wem sie konkurrieren. Das sind nämlich gar nicht die Rechtsradikalen.Der größte Konkurrent im Wettbewerb um Aufmerksamkeit ist die Unterhaltungsindustrie - das Privatfernsehen, Netflix, YouTube und alles, was sonst so Spaß macht. Die meisten Leute driften nicht nach rechts, sie driften ab.

Laut "Armuts- und Reichtumsbericht" von 2019 haben 59 Prozent der Deutschen kein großes Interesse am politischen Geschehen. Vielleicht sind es sogar mehr - wer gibt schon gerne zu, dass einem Politik egal ist? Die Gleichgültigkeit zeigt sich auch in der hohen Wahlverweigerung. In Brandenburg haben beispielsweise trotz der deutlich gestiegenen Wahlbeteiligung immer noch mehr Wahlberechtigte nicht gewählt (823.000), als CDU, SPD, Linke und Grüne zusammen (801.000).

Interessanterweise gibt es kaum Studien zur Frage, woher die bürgerliche Wurstigkeit kommt. Aber mit Sicherheit dürfte ein Grund sein: Weil Politik langweilig ist und schlechte Laune macht. Die Zeiten, in denen Nachrichten immer noch besser waren als gar keine Unterhaltung, als "Tagesschau" und "Aktuelle Kamera" noch zum Pflichtprogramm gehörten, sind vorbei. Heute gibt es rund um die Uhr Actionfilme, spannende Serien, lustige Tiervideos und Kommentare in den sozialen Medien. Wer will da noch langweiligen, humorlosen Typen zuhören, die sich selbst bierernst nehmen und verschwurbelte Sätze von sich geben? Es gibt viel bessere Möglichkeiten, die freie Zeit zu nutzen. Das finden zumindest alle meine Freunde, die sich nicht beruflich mit Politik befassen müssen.

Ein Ausweg: mehr Typen wie Philipp Amthor

Statt nach rechts zu schielen, sollten es die etablierten Parteienlieber mal mit Politainment versuchen - mit Politik, die unterhält. Das wird aber schwierig, solange die meisten Politiker*innen so wirken, als würden sie zum Lachen in den Keller gehen. Haben sie etwa Angst, dass sie es sich mit den Bürger*innen verscherzen? Ha ha. Aber mal im Ernst: Humor gefährdet nicht die Demokratie. Es ist kein Naturgesetz, dass wichtige Themen keinen Spaß machen dürfen.

Ein paar Lichtblicke gibt es ja schon. Ich bin zum Beispiel ein heimlicher Fan von Philipp Amthor. Natürlich nicht von seinen Standpunkten - die sind vorsintflutlich. Wer die Gleichstellung von Frauen und Homosexuellen für nebensächlich hält und irritierende "Moslem"-Witze reißt, den kann man politisch nicht ernst nehmen.

Mir gefällt etwas anderes: Er wirkt, als hätte er einfach Spaß an der Politik. Der Jungstar der Christdemokratie ist ein spannender Typ.

Ein verstaubter, konservativer Mann, gefangen im Körper eines jungen Politikers. Der umgekehrte Helge Schneider der CDU. Er lächelt, lacht und kichert und hat offenbar keine Angst vor Peinlichkeiten.

Ich glaube auch, dass die Grünen nicht nur wegen ihren Themen so erfolgreich sind, sondern weil sie die Einzigen sind, die gute Laune verbreiten. Annalena Baerbock strahlt auf jedem Bild, als scheine ihr die Solarenergie aus dem Hintern. Und Grünen-Veranstaltungen sehen aus wie eine intergenerationelle Sause.

Annalena Baerbock
Hannibal Hanschke/ REUTERS

Annalena Baerbock

Ich will mehr gute Laune und unkonventionelle Typen in der Politik. Doch dafür müssen sich die Parteien locker machen und öffnen. Sie müssen ihre Rekrutierungswege überdenken und nicht nur die fleißigen Langweiler*innen fördern, die ausreichend Sitzfleisch bei der mühsamen Ochsentour im Ortsverein bewiesen haben.

An die Medien: AfD-Politiker grillen kann Spaß machen

Dass wir mehr Spaß im Politikbetrieb brauchen, gilt übrigens auch für den Journalismus. Nirgends steht geschrieben, dass Nachrichten staubtrocken sein müssen oder Talkshows nur den Unterhaltungswert eines Blumentopfes haben dürfen. Aber auch hier gibt es Vorreiter: Mein Lieblings-Talk läuft auf NTV und heißt "So! Muncu!", weil er moderiert wird von Satiriker Serdar Somuncu. Ausgerechnet hier habe ich zum ersten Mal gesehen, wie man einen AfD-Politiker richtig grillt - das war interessant und unterhaltsam zugleich.

Überhaupt machen Satiriker*innen gerade vor, wie gut Politainment funktioniert. Die "Heute Show" erntet zu Recht blendende Einschaltquoten. Und ohne "Die Anstalt" wüsste ich wenig über die Misere bei der Deutschen Bahn oder deutsche Waffenexporte. Es hilft, über Dinge zu lachen - ganz besonders, wenn sie zum Heulen sind.

Halten wir also fest: Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut. Und in der Politik geht es nicht nur um Inhalte, sondern auch um eine gute Show und die Suche nach Supertalenten. Oder, übersetzt für die CDU: Mehr Helge Schneider, weniger Helmut Kohl, das wäre schön.



insgesamt 44 Beiträge
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achneedochnicht 05.09.2019
1. Volker Lammert
Genau aus dem Grund, sehe ich mir gern alte Bundestagsdebatten an.
jonath2010 05.09.2019
2. Die AfD grillen
Ich lese Frau Atamans Kolumne ein Viertel weit, dann die Hälfte, dann das dritte Viertel und komme aus dem Staunen nicht heraus: Keine verbalen Prügel für die AfD. Dann aber kommt das letzte Viertel und der obligatorische Schienbeintritt gegen die AfD darf halt nicht fehlen: "AfD-Politiker grillen kann Spaß machen." Und wie sagte kürzlich der Bundespräsident? "Treibt bitte nicht das Land auseinander. An diese Verantwortung muss jeder denken." Ja, Frau Ataman, mit AfD-Bashing wird das nichts.
uweee85 05.09.2019
3. die lachen...
doch sowieso die ganze zeit nur, den ernst der lage haben die doch nicht erkannt und immer gibts die grinsebackenfotos - "nehmt eure berufung verdammt nochmal ernst!" müsste es heißen!!
Runkelreinhard 05.09.2019
4. Oder
Carolin Kebekus statt Angela Merkel. Da würde ich die dem Wort zum Jahresende (oder wie das heißt) garantiert lauschen.
urbanism 05.09.2019
5. 100% Zustimmung...
100% Zustimmung Frau Ataman. Das liegt m.E. aber auch daran das es an der Polarisierung der etablierten Parteien scheitert. Selbst die Grünen haben sich zurückgenommen mit so Aussagen wie "Veggie Days und ähnlichen" weil Sie Angst haben den Wähler zu vergraulen. Mal ganz abgesehen von CDU/CSU und SPD die aufgrund der Groko sich perse schon nicht mehr weh tun. Linke und FDP reiben sich in internen Führungskämpfen auf und vergessen dabei ihre Wählerklientel oder sind in Schockstarre, aus Angst die verbliebene 5% der Wähler auch nicht mehr zu mobilisieren. Also was bleibt noch gegen die AfD? Nichts! Wenn einem Herr Senftleben am Sonntag als erstes Resumé der Wahl einfällt, dass die amtierende Regierung abgewählt wurde, dann frage ich mich nur, so verblendet kann doch kein Politiker mehr durch die Welt gehen in Zeiten der AfD und der Frustration bei vielen Wählern?!
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