Generationszuschreibungen Die Verkleisterung des Verstandes

Was bezwecken Menschen, die von "meiner Generation" sprechen? Solche Verallgemeinerungen jazzen ein schlichtes Weltbild zu großen Thesen hoch. Kleiner Trick, um das zu vermeiden: zumindest ab und an differenzieren.

RTL-Show "Alt gegen Jung - Das Duell der Generationen" (2010)
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RTL-Show "Alt gegen Jung - Das Duell der Generationen" (2010)

Eine Kolumne von


Guten Morgen, ich möchte heute mit Ihnen über den kleinen, täglichen Quatsch reden. Im Unterschied zu den sonstigen, weltverändernden Texten an dieser Stelle, Texten, die Diktatorinnen zu Fall bringen, Handlungen transnationaler Art gefrieren lassen und so weiter.

Reden wir heute über Verallgemeinerungen. Die vieles erleichtern. Leute sagen zum Beispiel: "Ich hasse Insekten." Damit meinen sie Kakerlaken und Moskitos, vielleicht auch Spinnen. Es schließt aber auch puschlige Bienen und Hummeln ein und pittoreske (ein Wort, das ich schon immer mal verwenden wollte) Schmetterlinge. Leute sagen auch: "meine Generation". Besonders gerne sagen sie das, wenn sie sich in irgendeiner verquasten Art als Sprachrohr ihrer Generation begreifen.

Jedes Mal, wenn ich also lese, dass jemand von "meiner Generation" schreibt oder spricht, zieht sich bei mir kurz mein Inneres so zusammen, als schriebe ich mit einem dicken Filzstift, den die Angehörigen einer anderen Generation vermutlich als "Edding" bezeichnen würden, auf Papier. "Alter", denke ich, "denk mal nach".

Deine Generation - das ist wer genau? Ein paar hundert Millionen Spackos, die im - was denn - gleichen Jahr geboren wurden wie du? Oder im gleichen Jahrzehnt? Oder gilt als Generationsabstand noch der Zyklus einer möglichen Mutterschaft? Von krassen neun Jahren hin zu was? 50 plus, dem Alter, in dem heute geboren wird? Was für ein Alleinstellungsmerkmal! Vielleicht ergibt sich die Generationszugehörigkeit auch daraus, mit welchem iPhone jemand aufgewachsen ist, ohne das Gerät zu verstehen, oder ob er oder sie nur einen Plattenspieler nicht verstanden hat?

Sie sprechen von ihrer Generation und meinen, mit welcher Musik jemand sozialisiert wurde. Mit, sagen wir: Roy Black oder Snoop Dogg. Die Masse jener, die beide nicht mögen, ist leider draußen. Sorry, sie haben es nicht zu einer Generationszugehörigkeit geschafft. Eine Generation ist politisch oder unpolitisch, total technikaffin - oder ist das alles nur absoluter Irrsinn? Wird die Generationenfrage von der nachwachsenden Schar neuer Journalistinnen kreiert, die ein einfaches Weltbild zu einer allgemeingültigen These pimpen wollen? Und was zum Teufel willst du, Mensch, uns jetzt eigentlich mitteilen? Dass exakt deine Generation, also kürzen wir es auf seinen wahren Sinn runter, dass exakt du die Welt besser verstehst, weil du jünger oder älter als alle anderen bist?

Dieses Generation A gegen Generation B ist immer ein Zeichen absoluter Verkleisterung des Verstandes. Und unmodern ist es auch. Ein Kampfbegriff aus einer Zeit, in der wir noch keine Geflüchteten als Feindbild hatten oder Schwarze, oder Frauen oder Juden. Damals, als man noch irgendwas gegeneinander aufhetzen musste, und sich Zielgruppen aus Gründen der Scham, des Anstands und des Verstands verboten.

So, und was machen wir jetzt damit? Was tun wir mit dieser Nachlässigkeit des Geistes, die als Bagatelle doch vergrößert werden kann auf Ebene des Bullshits, der auf der Erde gerade passiert?

Nun, die einzige Ermächtigung, die wir haben, ist die über unseren Verstand. Der kleine Trick, Verallgemeinerungen zu erkennen und zu vermeiden, fängt damit an, nicht mehr in Die Männer, Die Frauen, Die Ausländer, Der weiße Mann, Die schwarze Frau, Die Linken, Die Rechten zu denken. Man könnte ab und zu differenzieren. "Die Menschen und die Toastbrote". Ich versuche das.

Es ist schwer, aber es hilft, um nicht ohnmächtig Massen gegenüberzusehen. Stattdessen sieht man sich einzelnen Idiotinnen gegenüber. Diese Regel nicht zu verallgemeinern gilt fast immer. Außer bei Nazis.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 78 Beiträge
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Seite 1
Lykanthrop_ 02.02.2019
1.
Eine herrliche Kolumne, von der wunderbaren Frau Berg. Da kann Frau nur zustimmen, mit ganzer Kraft und ohne gezeter, Danke.
Sensør 02.02.2019
2.
"Meine Tierart" ist meine Lieblingsverallgemeinerung. Die Tierart Mensch ist gegenüber allen anderen Tieren gewaltig egoistisch und zerstörerischig.
dione_gutzmer 02.02.2019
3. Super Kolumne!!!
Das ist die beste Kolumne, die ich von Sibylle Berg je gelesen habe. So gut geschrieben wie inhaltlich super. Sollte ich mal meinen Arbeitskolleginnen zu lesen geben, vielleicht hilft das ja, wenn die sich das nächste Mal darüber aufregen, dass es im Wartezimmer beim Kinderarzt zu laut war wegen der (Zitat) "Kanakenkinder".
kirschlorber 02.02.2019
4. Herr Jauch
Der Herr Jauch auf dem Titelbild gehört zur Generation "Pauker"
Nordstadtbewohner 02.02.2019
5. Ich muss Frau Sibylle recht geben
"Was bezwecken Menschen, die von "meiner Generation" sprechen?" Das ist so einfach wie simpel: Diese Menschen benutzen andere Menschen als "Verstärker" der eigenen Meinung/ des eigenen Standpunktes. Ob sie jemand dazu legitimiert sind, für andere zu sprechen, tritt leider heutzutage völlig in den Hintergrund. Menschen, die von "meiner Generation" reden, benutzen häufig auch "wir", "uns", "unsere Gesellschaft" bzw. "Das hat in unserer Gesellschaft nichts verloren!" oder "wir alle" usw., sie meinen aber eigentlich nur sich selbst und ihresgleichen. Ich finde, das hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen und stößt mir mittlerweile übel auf.
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