Meisner bei Beckmann Der Kardinal und die Kondome

Mit der katholischen Kirche ist das wie mit dem Wetter. Da geht einem der Gesprächsstoff nie aus. Reinhold Beckmann interessierte vor allem die irdische Seite: Wie das Essen im Vatikan so ist, und dann ist da ja auch noch die Sache mit dem Zölibat.

Von Michaela Zin Sprenger


Der Papst ist 80 geworden, und welches Thema eignet sich da besser, um dieses Ereignis zu würdigen als Sex und die Frauenrolle in der katholischen Kirche? Das bringt Quote, das ist kritisch - da kann Moderator Reinhold Beckmann zeigen, dass er gerne unbequeme Fragen stellt. Und wie gerissen er das eingefädelt hat: Erst die Gäste einlullen, und dann über die Sünde plaudern.

Talkgast Kardinal Meisner: "Also, wie ich den Papst kenne"
NDR/Morris Mac Matzen

Talkgast Kardinal Meisner: "Also, wie ich den Papst kenne"

Dabei fing die Sendung langweilig, aber zumindest nicht völlig platt an. Die Langeweile wich, dafür kam schon mal Plattheit vor. Zunächst widmete sich Beckmann Kardinal Joachim Meisner - und Papst Benedikt. Wie er denn als Mensch sei und was man einem Papst schenke, wollte Beckmann wissen. Alles ganz harmlos. Meisner setzt an: "Also, wie ich den Papst kenne" - und Meisner kennt ihn gut, er darf "Du" zum Heiligen Vater sagen - hat der Pontifex nur fromme Wünsche. Der Kölner Kardinal hat ihm deswegen auch ein besonderes Geschenk gemacht: Ein Video mit himmlischen Gesängen aus der Feder Mozarts. Ein echtes Survival-Paket. Denn für den Fall, dass Papst Benedikt "in den Tiber springen" wolle, solle er sich das Video ansehen und dann sei alles wieder gut, erläutert Meisner. Beckmann reagierte gebührend: "Haha, in den Tiber springen."

Nach eine bisschen Geplänkel und allgemeinem Kirchen-Smalltalk über den Vatikan und im Allgemeinen ("Ist das Essen da immer noch so deftig, wie zu Zeiten von Papst Johannes Paul II?"), kommt die galante Überleitung: "Wissen Sie Kardinal Meisner, wir sind völlig abgekommen von ihrer eigenen Geschichte." Der Kardinal lässt sich nicht bitten und erzählt von seiner Kindheit in der Diaspora (weitgehend nicht katholisch erschlossenes Gebiet), gesteht, dass er nicht immer bibelfest war und redet vor allen Dingen über seine Mutter, die für ihn noch vor dem Papst kommt. Schließlich hat sie ihn und seine Brüder großgezogen und hart dafür gearbeitet.

"Warum wollen Sie, dass Frauen heute zu Hause bleiben. Ihre Mutter hat doch auch gearbeitet?", lenkt Beckmann das Thema auf die aktuelle Familiendiskussion. "Meine Mutter hat aus der Not eine Tugend gemacht", erläutert der Kardinal. Sie habe arbeiten müssen. Im Übrigen sei er gar nicht gegen Krippenplätze. Sie sollten nur eine Alternative sein, aber nicht die Regel werden. Schließlich sei es auch wissenschaftlich erwiesen, dass Kinder, die mindestens drei Jahre bei ihrer Mutter blieben, bessere Chancen hätten, "Stützen der Gesellschaft" zu werden. Auch gegen Väter in der Mutterrolle habe er nichts.

Bischof Walter Mixa nahm er in Schutz. "Der Begriff der Gebärmaschinen kommt aus dem Feminismus", betont er. Ein feministisches Lehnwort sozusagen, das der Bischof nur mal benutzt habe. Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) sei er durchaus dankbar, dass sie das Thema Familie so in die Öffentlichkeit gerückt habe. "Sie muss sich aber korrigieren lassen." Das sagt er gleich zwei Mal.

Dirty Talk zum Papstgeburtstag

Nachdem das Thema Mutter, Kinder und Familie zu Ende war und sich die Runde um drei Gäste erweitert hatte, ging es zum nächsten kritischen Thema: das Zölibat. Ob ihr nicht manchmal was fehlen würde, fragte Beckmann Ordensschwester Jordana, die pädagogische Leiterin eines Bethanien-Kinder- und Jugenddorfes ist. Die 38-Jährige lässt durchblicken, dass das nicht ganz so einfach sei. Kardinal Meisner spricht in Gleichnissen und gibt zu Bedenken, dass sich ein Mann in der Ehe automatisch auch gegen alle anderen Frauen entscheide, und so sei das eben auch mit der Kirche. Ordensschwester Teresa Zukic sagt, dass Gott sie ausfülle. Der Papst-Biograf Peter Seewald gibt zu Bedenken, dass ein Zölibat auch in anderen Religionen üblich sei: Dem Dalai Lama sage ja auch niemand, dass er ein schreckliches Leben führe. Zudem gebe es auch genügend Menschen in Deutschland, die auch ohne Priester zu sein, zölibatär lebten.

Auf Sex folgte Aids. Warum die Kirche denn gegen Kondome sei, wollte Beckmann wissen und war sichtlich froh, als die beiden Schwestern einräumten, dass sie Verhütung zum Schutz gegen den HI-Virus befürworteten. Seewald dagegen zog eheliche Treue vor. Beckmann, der selber mal in Südafrika war, redete sich darauf in Rage, und erzählte etwas von "sozialen Strukturen", die es zwar in Europa gebe, aber nicht in Afrika, und von betrunkenen Männern. Das führt offenbar zwangsläufig zu ungeschütztem Sex. Für seine Ausführungen erntete er von Meisner hochgezogene Augenbrauen und den Hinweis, dass es in Europa mit der Treue auch nicht so gut bestellt sei. Der Wille ist halt eben überall stark und das Fleisch überall schwach.

Kein Wunder, dass bei so viel heiterem Geplauder die Zeit wie ihm Flug verging. "Eigentlich wollten wir noch so viele Themen besprechen: Sinnsuche, frustrierte Gesellschaft." Eigentlich müsse Kardinal Meisner wieder kommen. Meisner antwortet in Rätseln: "Alles, was in dieser Welt möglich ist, kann auch passieren." Stimmt. Das gilt auch für Naturkatastrophen, die sieben Plagen oder andere eher unschöne Dinge. Kann alles passieren, und man muss es einfach über sich ergehen lassen - wenn es dem Herrn gefällt.



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