"Menschen bei Maischberger" Allein in der Krabbelgruppe

Zwei Monate nach der Geburt ihres Sohnes plauderte sich Sandra Maischberger zwar eher unstrukturiert durch ihre Talkshow, entlockte ihren Gästen dabei aber durchaus erhellende Beiträge zum Thema Frau und Kinder.

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So onkelig, so trutschig und so egomanisch wie ihre Stellvertreter und Stellvertreterinnen den schönen Sendeplatz am späten Dienstagabend in Beschlag genommen hatten, musste die Rückkehr von Sandra Maischberger aus der Babypause einfach ein Erfolg werden. Nach Erich Böhme, Ulrich Wickert, Alice Schwarzer und deren von jeder journalistischer Neugier befreiten Gastgebereinsätze hatte die Profi-Talkerin gestern leichtes Spiel – und konnte sich sogar ein gehöriges Maß an Selbstreferentialität leisten: Sprechen wir doch einfach mal über den "Mythos Mutter", mag sich die frisch gebackene Mutter (oder vielleicht auch nur ihr Redaktionsteam) bei der Vorbereitung zur Sendung gedacht haben.

Moderatorin Maischberger: Echtes Krabbelgruppenfeeling
DPA

Moderatorin Maischberger: Echtes Krabbelgruppenfeeling

Zwar versuchte Maischberger gleich zum Einstieg jeden Verdacht von Egozentrik abzuwiegeln, indem sie auf die ARD-Themenwoche "Kinder sind Zukunft" verwies, die man mit dem gewählten Talkshowschwerpunkt eben um einen weiteren Aspekt bereichern wolle. Doch das Thema bekam bei der quasi frisch aus dem Wochenbett gepurzelten Moderatorin nun mal eine ganz eigene Note, und daran war überhaupt nichts Verwerfliches. Im Gegenteil: Bekenntnisse wie "Man kriegt ein Kind und liest nur, was man alles falsch machen kann" oder "Vergessen wir mal Studien" brachten eine gewisse Lässigkeit in die Diskussion, die seit den Krippenplänen von Familienministerin von der Leyen mit staatstragender und oft erdrückend moralischer Schwere geführt wird.

Fünf Frauen und einen Mann, der eine Rolle ausfüllt, die man allgemein dem anderen Geschlecht zugedenkt, hatte sich Maischberger geholt. Da war zum Beispiel die 83-jährige Kostümbildnerin Ruth Hess anwesend, die sich allein erziehend um ihre Ur-Enkelin kümmerte oder Hiltrud Hartwig, die als SOS-Kinderdorf-Mitarbeiterin Kinderfrust und -freude auch ohne leiblichen Nachwuchs erlebt. Außerdem hatte man den Journalisten Christian Nürnberger eingeladen, der wie in jeder anderen Talkshow zuvor auch, als "Mann von Petra Gerster" vorgestellt wurde – der aus dieser umgekehrten Diskriminierung aber recht locker Kapital zu schlagen versteht, indem er immer wieder als männliche Mutter mit unkonventionellen Wortmeldungen in die laufende Debatte grätscht.

Wie viel Mutter verträgt ein Kind?

Sicher, nicht immer verlief die Auseinandersetzung konzentriert. Man sprach dies und jenes an, dachte aber nicht alles zu Ende. "Hat Deutschland einen Mutter-Komplex?" wollte Maischberger zum Beispiel mit Verweis auf die Nationalsozialisten und deren ideologisch verbrämtes Familienmodell wissen, doch darauf fiel leider keinem der Anwesenden etwas ein. Streckenweise herrschte echtes Krabbelgruppenfeeling, große Fragen entwanden sich den Diskutierenden wie die Kleinen bei ihren ersten Bewegungsversuchen. Als besorgte Mütter hauten sich die Gäste widersprechende Studien um die Ohren und plapperten afrikanische Sprichworte nach, was das Streitgespräch auf der Stelle treten ließ.

Interessanterweise streute gerade Christian Nürnberger, der zweifelsfrei krabbelgruppenerfahrene Muttermann, eine paar neue provokante Thesen ins gefühlige Talk-Tohuwabohu. So grantelte er durch seinen vollkommen unmütterlichen Vollbart heraus, dass der Aspekt der Wirtschaftlichkeit, der bei der zurzeit tobenden Krippenplatzdiskussion immer wieder als herzlos abgetan wird, vielleicht durchaus zum Wohl der Kleinen sei: "Dem Kind werden wichtige Dinge entzogen, wenn es überbehütet bei einer Hausfrau aufwächst." Auch dieser Punkt muss tatsächlich einmal vollkommen unpolemisch angesprochen werden: Wie viel Mutter verträgt eigentlich ein Kind? Erzieht man seinen Nachwuchs bei Dauerpräsenz nicht gar zu Egomonstern, die es gewohnt sind, dass immer jemand kuscht, wenn nur ordentlich auf die Tränendrüse gedrückt wird?

Sandra Maischberger, die am Dienstagabend ihre berufliche Karriere relativ schnell wieder weiterverfolgte und mit durchaus gesundem Eigennutz durch eine nicht immer vorbildlich aufgeräumte Talkrunde führte, dürfte das wohl nicht passieren. Hat sie doch einen Job, der sie allzu überflüssiger Grübelei ablenkt. Und nach den in öder Egomanie absolvierten Talkshows ihrer Stellvertreter gilt ja sowieso: Mutter ist die beste.



insgesamt 2 Beiträge
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Hartmut Dresia, 18.04.2007
1. Einspruch - ein Lob für Alice Schwarzer
"So onkelig, so trutschig und so egomanisch wie ihre Stellvertreter und Stellvertreterinnen den schönen Sendeplatz am späten Dienstagabend in Beschlag genommen hatten, ... Nach Erich Böhme, Ulrich Wickert, Alice Schwarzer und deren von jeder journalistischer Neugier befreiten Gastgebereinsätze ..." Das lässt sich über die Sendung mit Alice Schwarzer nun wahrlich nicht sagen. Im Gegensatz zur mundgerechten, immer etwas flachen und unengagierten Kost der Sandra Maischberger, hat die Sendung von Alice Schwarzer gezeigt, was öffentlich-rechtliches Fernsehen leisten kann: Diskussion auf hohem, zeitgerechten Niveau, kompetent und engagiert moderiert. Sie hat es verstanden, den Zusammenhang von Sprache und Kultur transparent zu machen. Indem sie einen Berliner Porno-Raper mit betroffenen Menschen konfrontierte, wurden kulturelle Defizite unserer Jetztzeit sonnenklar (vergl. auch Mut der Verzweiflung oder Verwahrlosung der Sprache? (http://www.magazin.institut1.de/)). Extraklasse (Alice Schwarzer) statt Durchschnitt (Sandra Maischberger)!
Reformhaus, 26.12.2009
2.
Zitat von Hartmut Dresia"So onkelig, so trutschig und so egomanisch wie ihre Stellvertreter und Stellvertreterinnen den schönen Sendeplatz am späten Dienstagabend in Beschlag genommen hatten, ... Nach Erich Böhme, Ulrich Wickert, Alice Schwarzer und deren von jeder journalistischer Neugier befreiten Gastgebereinsätze ..." Das lässt sich über die Sendung mit Alice Schwarzer nun wahrlich nicht sagen. Im Gegensatz zur mundgerechten, immer etwas flachen und unengagierten Kost der Sandra Maischberger, hat die Sendung von Alice Schwarzer gezeigt, was öffentlich-rechtliches Fernsehen leisten kann: Diskussion auf hohem, zeitgerechten Niveau, kompetent und engagiert moderiert. Sie hat es verstanden, den Zusammenhang von Sprache und Kultur transparent zu machen. Indem sie einen Berliner Porno-Raper mit betroffenen Menschen konfrontierte, wurden kulturelle Defizite unserer Jetztzeit sonnenklar (vergl. auch Mut der Verzweiflung oder Verwahrlosung der Sprache? (http://www.magazin.institut1.de/)). Extraklasse (Alice Schwarzer) statt Durchschnitt (Sandra Maischberger)!
Klassiker der öffentlich-rechtlichen Wiederholungen.
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