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02. Januar 2008, 14:11 Uhr

Merkel-Dokumentation

Kanzlerin der Unschärfe

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Taktisch gewieft, politisch kaum zu fassen. Die aufwändige ARD-Dokumentation "Merkels Macht" zeigt die Kanzlerin als Kontrollfreak. Auch die Filmemacher bekamen Merkels Vorsicht zu spüren.

Berlin - Es gibt ein vielsagendes Motiv, mit dem die Autoren Stephan Lamby und Michael Rutz ihre Dokumentation über "Merkels Macht" beginnen. Die Kanzlermaschine rollt auf den nächtlichen Flughafen von Neu-Delhi, durch ein Flugzeugfenster erfasst die Kamera für einen Augenblick Angela Merkel. Halb verdeckt ist ihr Kopf zu sehen, von der Kabinenbeleuchtung hell angestrahlt. Prüfend blickt sie für einen Augenblick nach draußen, dem Zuschauer fast direkt in die Augen.

Bundeskanzlerin Merkel: Kontrolle der Bilder
DDP

Bundeskanzlerin Merkel: Kontrolle der Bilder

Es ist eine Aufnahme, die illustriert, was der Film über 45 Minuten beweisen möchte: Hier ist sie, die erste Kanzlerin dieser Republik. Sie mag nah scheinen - und doch bleibt sie auf Distanz.

Lamby und Rutz kennen sich aus mit den Großen in der Politik. Ein Jahr haben sie die Kanzlerin begleitet. Es war kein einfaches Unterfangen. Lamby hat viele aus der ersten Reihe gefilmt: Helmut Kohl, Joschka Fischer und natürlich Merkels Vorgänger Gerhard Schröder. Der war genau das Gegenteil der Kanzlerin - er liebte die Kamera, inszenierte sich über Ikonografien. Merkel hingegen meidet die Bilder. Sie ist ihnen ausgesetzt, wie alle in der Medienmaschine. Doch hat sie ihre ganz speziellen Erfahrungen mit dem Medium gemacht, oft wurde sie unvorteilhaft gezeigt. Daraus hat sie gelernt, sehr schnell, sehr effektiv.

"Ich gelte, ich galt ja schon immer als vorsichtig, insofern kann ich gar nicht vorsichtiger geworden sein", sagt sie ganz am Ende des Films. Es ist ein Statement, das den Film begleitet, ihn in seinen Möglichkeiten begrenzt. Lamby und Rutz konnten vieles nicht zeigen - ein Umstand, den sie nicht verschweigen. So sieht der Zuschauer gleich zu Beginn leere Sessel in der Kanzlermaschine. Merkel will keine Aufnahmen aus dem Flugzeug, heißt es aus dem Off. Was hätte Schröder daraus gemacht, denkt sich da der Betrachter? Staatsmännisch sinnierend aus dem Fenster geblickt, die Wolkendecke unter sich, den nächsten Auftritt mental vorbereitend.

Das aber hat Merkel nicht geliefert. Fast möchte man sagen: zum Glück. Würde es zu ihr passen? Kaum. Es ist ja keine Scheu vor Bildern, die Merkel vorsichtig gemacht hat. Es ist ihr Wissen, was mit ihnen angestellt werden kann. Dabei wäre genau das eine Betrachtung im Film wert gewesen: Dass versucht wurde und wird, Merkel mit Bildern geradezu kaltzustellen. Auch Merkel beherrscht mittlerweile die Kunst der Selbstdarstellung: In Indien berührt sie einen behinderten Jungen in einem Kinderheim, rückt ihn dabei sanft in Richtung der klickenden Kameras. Bilder fürs Fotoalbum.

Galerie der guten Impressionen

Die Zeiten der unschönen Aufnahmen sind fürs erste gebannt. Wir sehen Merkel lächelnd in Heiligendamm, ernst in Brüssel, ganz ernst im russischen Samara mit Wladimir Putin, plaudernd mit dem Dalai Lama und geschäftsmäßig mit Franz Müntefering im Kanzleramt. Es werden die Konflikte der jüngsten Zeit noch einmal rekapituliert, Menschenrechte in Russland und China, die internationalen Misstöne, die sie daraus ergeben haben, die Oettinger-Rede zum Tode von Hans Filbinger, schlussendlich die Debatte um den Mindestlohn, der Ärger mit der SPD. Es ist ein Schnelldurchlauf durchs Jahr.

Doch ein Blick auf den Menschen Merkel gelingt dabei nicht; man sieht nur die Fassade. So mangelt es dem Portrait vor allem an einem: an Bildern, die aus der Reihe tanzen. Der "Bild"-Kolumnist und frühere Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Hugo Müller-Vogg, sagt, was so viele in der Union über Merkel denken: "Sie ist ein Kontrollfreak". Das "Grundmisstrauen" sei zum Teil auf ihre Herkunft als Ostdeutsche zurückzuführen, sagt er.

Ihre beiden Vertrauten, Eva Christiansen und Beate Baumann, Medienberaterin die eine, Büroleiterin die andere, werden zwar gezeigt - reden durften sie aber nicht. Merkel untersagte dies. Doch ist ihr vorzuwerfen, dass sie sich im möglichst guten Licht sehen will? Welcher Politiker tut das nicht?

Weil die Bilder so wenig hergeben, wirkt der Film mitunter so statisch wie die Kommentare von Politikern und Beobachtern. Erstaunlich ist dabei, dass die CDU-Politikerin selbst ihren Gegnern kaum böse Worte entlocken kann. Liegt das an ihrem Stil, die Dinge in der Schwebe zu halten und sich damit auch selbst?

Merkel, so scheint es, reizt noch nicht einmal zu emotionalen Ausbrüchen. Jungen Demonstrantinnen und Demonstranten vom G-8-Gipfel in Heiligendamm wird die Schlagzeile "Bild ernennt Merkel zur Miss World" präsentiert. Einer sagt das Erwartbare. Sie sei nichts anderes als eine "Marionette", doch eine junge Frau merkt an: "Ich denke schon, dass sie ein ernsthaftes Anliegen hat, dass sie versucht, was zu drehen."

"Man kann sie nicht packen"

Am Ende der Dokumentation hat der Zuschauer zuhauf Zeitzeugen gehört und ist doch kaum schlauer als zuvor. Ja, Merkel ist eine Taktikerin der Macht. Ja, sie versteht es, sich unter den starken Männer in der Union und in der Großen Politik zu bewegen. Ja, sie kann Teilerfolge als Durchbrüche verkaufen. "I am a fan of Angela Merkel", sagt US-Präsident George W. Bush gleich zu Beginn und seine Augen blitzen dabei ironisch, als wüsste er, dass manche in Deutschland damit ihre Probleme haben. "She is very clever", lobt Tony Blair, Großbritanniens Ex-Premier. Am meisten schätze er, wie sie die "leicht arroganten Kerle im Griff hat", so Linksfraktionschef Gregor Gysi über ihre CDU/CSU-Kollegen.

Es sind durchweg Worte der Bewunderung, die diese Kanzlerin politischen Freunden und Gegnern und Beobachtern entlockt. Selbst da, wo sie schweige, verfolge sie "knallharte Machtinteressen", bemerkt Renate Künast, die mit Merkel ein gutes Verhältnis pflegt. Die Fraktionschefin der Grünen bringt es auf einen kurzen Nenner: "Man kann sie nicht packen".

Dabei lächelt Künast. Und das sieht irgendwie sehr bewundernd aus.


"Merkels Macht - auf den Spuren der Kanzlerin", Mittwochabend in der ARD, 21.45 Uhr

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