Rassismus im Alltag Die stille Mehrheit kann mich mal

In der Masse ist der Aufschrei laut, wenn es um Hetze geht. Doch wenn's drauf ankommt, ist der Einzelne allein. Ein Gefühl, das unsere Autorin kennt. So könnte es auch Mesut Özil gegangen sein.
Mindestens 20.000 Menschen demonstrierten in München gegen den Rechtsruck in Deutschland.

Mindestens 20.000 Menschen demonstrierten in München gegen den Rechtsruck in Deutschland.

Foto: Andreas Gebert/ dpa

"Hau hier ab, du Scheißkanake!" Ich starrte ungläubig in das wutverzerrte Gesicht des Mannes, der hinter mir an der Kasse stand und plötzlich begonnen hatte zu schreien. Mich anzuschreien. Ein sonniger Montagnachmittag. Der Rewe in Berlin-Mitte war vollgepackt mit Menschen. "Ich bin Deutscher, ich darf hier stehen! Du Scheißausländerin, geh zurück, wo du herkommst, Türkei, Spanien, mir scheißegal!" Ich wollte gerade meine Einkäufe aufs Band legen. Der Mann war jung, vielleicht Mitte dreißig. Seine Freundin stand stumm daneben. Alle anderen Kundinnen und Kunden in der Schlange hinter uns auch. "Du kommst nur her, um unsere Arbeitsplätze zu klauen und Hartz IV zu klauen, du Scheißkanake!" Er schrie weiter.

Auch als der Mann begann, mit Flaschen, die neben der Kasse aufgetürmt waren, nach mir zu werfen, taten die Menschen, die um uns herum und hinter uns standen - nichts. Ich bekam Angst und musste schließlich aus dem Laden rennen. Er lief mir hinterher. Als ich mich umdrehte, sah ich, wie seine Freundin ihn festhielt.

Zur Autorin

Gilda Sahebi, arbeitet als Journalistin und Projektleiterin des "No Hate Speech Movement" .

Das war sie wohl, die berühmte "stille Mehrheit", die damals um uns herum im Supermarkt stand und zuschaute, wie eine Frau angegriffen wurde, weil sie offensichtlich nicht aus der Vereinigung zweier blonder, blauäugiger Deutscher abstammte. Vielleicht waren die Menschen, die zuschauten, innerlich empört darüber, was sie sahen. Vielleicht fanden sie falsch, was der Angreifer sagte und tat. Vielleicht hatten sie Angst. So gerechtfertigt ihnen ihre Gründe in jenem Moment scheinen mochten - mir war das alles egal. Das Gefühl, das ich noch fünf Jahre nach diesem Erlebnis habe, ist: Wenn es darauf ankommt, bist du allein.

Niemand stellte sich vor Özil

Das könnte auch das Gefühl sein, das Mesut Özil dazu gebracht hat, sich zu dem extremen Schritt zu entscheiden, aus der deutschen Nationalmannschaft auszutreten. Als es darauf ankam, sich hinter ihn zu stellen und ihn vor all den offen rassistischen Angriffen, auf Twitter und Facebook, aber auch von der "Bild"-Zeitung, zu schützen, blieben sie stumm: Nicht das Nationalteam, nicht der DFB, auch kaum jemand in der Politik stellte sich öffentlich vor den Fußballer. Mich wundert es nicht, dass Özil aus der Mannschaft herausgetreten ist. Mich wundert, dass er bei all den rassistischen Attacken der vergangenen Wochen und Monate so lange dringeblieben ist.

Am Sonntag sind Zehntausende Menschen in München demonstrieren gegangen, gegen Hetze, Ausgrenzung, Rassismus. Das ist gut. Das ist wichtig. Nur: Das reicht nicht. Um es mal ganz polemisch zu sagen: Die Mitte-Berliner, die im Supermarkt um uns herum standen und nichts taten, würden sich wahrscheinlich auch auf eine Demo stellen und "Es hat sich ausgehetzt" rufen. Allgemeine Solidaritätsbekundungen sind wichtig. Direkte, unmittelbare Solidarität noch wichtiger. Es ist Zeit, mehr zu tun. Es ist Zeit, nicht mehr still zu sein. Es ist Zeit, sich zu engagieren. Es ist Zeit zu zeigen, dass Deutschland 2018 ein anderes Deutschland ist als vor 80 Jahren. Es ist Zeit, die Zivilgesellschaft zu stärken. Es ist Zeit, laut zu sein.

Hätten sich die Teamkollegen so, wie sie es in der schwedischen Mannschaft getan haben, hinter Mesut Özil gestellt - ich glaube nicht, dass er die Mannschaft verlassen hätte. Für mich persönlich bleibt nach meiner Begegnung mit dem Rassisten vor fünf Jahren: Der Mann verließ den Supermarkt im Bewusstsein, alles richtig gemacht zu haben. Mit seinem Handeln lediglich dem Willen der stillen Mehrheit Ausdruck verliehen zu haben. Ich erinnere mich nicht mehr daran, wie der Mann aussah, der mich angriff. Ich werde aber nie das Gesicht der Kassiererin vergessen, die nichts sagte. Ich werde mich für immer daran erinnern, wie die zwei Männer aussahen, die an der Kasse direkt hinter uns standen und stumm blieben.

Die stille Mehrheit macht sich mitschuldig an dem, was zurzeit passiert, wenn sie weiterhin still bleibt. Die stille Mehrheit kann mich mal, denkt man sich an solchen Tagen. Wenn sie still ist, bringt es überhaupt nichts, dass sie die Mehrheit ist.

Video: Zivilcourage - Hinschauen statt weglaufen

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