Andreas Borcholte

Mesut Özil und die "Bild" Ein Jammer, aber echt

Ein deutscher Fußballnationalspieler beklagt Rassismus und wirft hin. Und was macht das größte Boulevardblatt des Landes? Wirft ihm einen "Jammer-Rücktritt" und Selbstgerechtigkeit vor. Ignoranter geht es kaum.
Nationalspieler Mesut Özil

Nationalspieler Mesut Özil

Foto: Michael Probst/ dpa

Gleich sechs Redakteure, darunter "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt, erklären ihren Lesern am Montag Mesut Özils "Jammer-Rücktritt… ... und seine wirre Abrechnung mit Deutschland!". In einem Punkt des langen Textes  haben die "Bild"-Schreiber recht: Die dreiteilige, zuvor über die sozialen Medien veröffentlichte Rücktrittserklärung des Nationalspielers Özil ist in der deutschen Fußballgeschichte einzigartig. In seinem Statement hatte der 29-Jährige sich nach langem Schweigen zu seinem umstrittenen Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan geäußert sowie die Respektlosigkeit und den Rassismus in den Medien, der Öffentlichkeit und beim Deutschen Fußball-Bund in der Zeit danach kritisiert.

Ein deutscher Fußballspieler mit türkischen Wurzeln, der mit der DFB-Elf Weltmeister wurde und zu den Schlüsselspielern der Mannschaft gehört, erklärt seinen Rückzug aus dem Team, weil er sich rassistisch und respektlos behandelt fühlt? Das ist tatsächlich ohne Beispiel - und eine sehr dunkle Stunde für Deutschland, das sich spätestens seit der "Sommermärchen"-WM 2006 für ach so weltoffen und tolerant hielt. In diesem politischen und medialen Albtraumsommer 2018 kommt einem diese Euphorie und Selbstgewissheit sehr, sehr lange her vor.

Denn einzigartig erscheint einem aber auch die aggressive Geringschätzung, mit der vor allem die "Bild"-Zeitung auf Özils erschütterndes Bekenntnis reagiert. Unstrittig ist ja: Özils Begründung für sein Treffen mit dem Autokraten Erdogan samt Foto erscheint fragwürdig und unbefriedigend. Man kann von einem Spitzensportler wie Mesut Özil erwarten, dass ihm die Implikationen eines solchen Bildes kurz vor der Parlaments- und Präsidentenwahl in der Türkei und dem Beginn einer Weltmeisterschaft, an der er für Deutschland teilnimmt, bewusst sind. Bei allem Respekt vor seiner Erziehung und seinen Gefühlen für seine türkische Herkunft. Darüber, und vor allem über das katastrophale Agieren des DFB und seiner Funktionäre in den Wochen danach, muss man reden. Aber nicht so herabwürdigend, manipulativ und hasserfüllt, wie es die "Bild" heute tut.

Denn wie die "Bild"-Redakteure in ihrer sogenannten "Analyse", beinahe jeden Satz, jede Aussage Özils diskreditieren, mit rhetorischem Schaum vor dem Mund immer wieder "kompletten Unfug", "pures Selbstmitleid" oder "Starrsinn pur" einwerfen und dem Sportler ein Weltbild vorwerfen, das "gefährlich nah an Erdogan" sei, das ist infam. Besonders von Özils Medienschelte scheint sich das Blatt provoziert zu fühlen. "Keine große Medienmarke kritisierte je seine Herkunft. Eine Dreistigkeit gegenüber den freien Medien seiner Heimat, denen Özil pauschal und ohne jeden Beleg Rassismus vorwirft", heißt es im Text.

Jammern kann man diese Tirade nicht nennen, so fair muss man sein, aber was Starrsinn und Selbstgerechtigkeit betrifft, können es die "Bild"-Leute locker mit ihrem vermeintlichen Gegner aufnehmen. Im Gegensatz zu den Medienleuten scheint Özil nicht vergessen zu haben, wie in den vergangenen Wochen nahezu jede Negativmeldung über die Nationalmannschaft mit seinem Konterfei bebildert wurde. Wie immer wieder gestichelt wurde, dass er zu dem Erdogan-Foto beharrlich schwieg. Oder wie der despektierliche Kommentar von Lothar Matthäus ("Özil fühlt sich nicht wohl im DFB-Trikot") genüsslich auf die Titelseiten gehoben wurde.

Auch die rassistische Hetze in den sozialen Medien und im Stadion, die Özil beklagt, wurde unter anderem von der "Bild" dokumentiert, allerdings zumeist im verzerrenden Tenor, dass sich der Spieler mit den Fans angelegt oder sich "gezofft" habe. Der "Bild-Blog" hat die Schlagzeilen der "Bild" und anderer Medien in den vergangenen Wochen verfolgt (hier  und hier  nachlesen). Und auch an diesem Montag ging es munter weiter mit der Diffamierung Özils, der sich nach dem Ärger, den sein Statement in Deutschland hervorgerufen hat, mit "guter Laune" in Singapur zeige. Natürlich eine Frechheit! Ein "Bild"-Hintergrundbericht enthüllt den "Kosmos Özil" mit der Headline "Er pilgerte nach Mekka und liebt eine Miss Türkei". Wenig subtile Botschaft: Dieser Typ ist keiner von uns! Und dann schreibt er seine Message auch noch auf Englisch, nicht auf Deutsch. Geht ja gar nicht!

Diese gegen alles Fremde und Andersartige, gegen Weltläufigkeit und Internationalität gerichtete Kleingeistigkeit glaubte man spätestens nach "Sommermärchen" und Weltmeisterschaft überwunden zu haben.