Ferda Ataman

Özil und Rassismus Integrierte Mitbürger machen Stress

Toll! Die aktuelle Debatte um Özil zeigt, dass wir schon viel weiter sind, als wir dachten. Denn die Integrierten sind so integriert, dass sie sogar mitreden, wer zu Deutschland gehören soll und wer nicht.
Nazan Eckes überreicht Mesut Özil 2010 den "Integrations-Bambi"

Nazan Eckes überreicht Mesut Özil 2010 den "Integrations-Bambi"

Foto: Michael Hanschke/ dpa

Mesut Özil müsste jetzt einen Integrations-Bambi bekommen. Damals, 2010, als er den albernen Preis tatsächlich bekam, war mir schleierhaft, wofür. Jetzt aber hat er eine echte integrationspolitische Bombe gezündet und geht vermutlich in die Geschichtsbücher ein. Seit Jahren hat nichts und niemand die Integrationsdebatte so angeheizt, wie dieser wortreiche Abschied. Er, der Vorzeigetürke der deutschen Nation, zeigt Deutschland den Stinkefinger: Ihr wollt mich nicht, also will ich euch auch nicht.

Die Stimmung unter den Kanakisierten, sie brodelt. Schon länger. Und Özil, der undankbare, freche Junge mit Migrationshintergrund, er tut noch mehr: Er "schwingt die Rassismus-Keule" ("Bild") - wie zum Hohn auch noch auf Englisch -, rechnet mit dem Deutschen Fußball-Bund ab und zieht die Tür hinter sich zu. Spielt doch alleine weiter. Historisch.

Klar, bei vielen Lesern schlägt gleich der Erdogan-O-Meter aus, und die Keule schwingt zurück: Der Özil hat sich mit dem türkischen Diktator auf einem Bild gezeigt, das geht nicht, das macht man nicht! Stimmt. Na und? Lothar Matthäus  und Gerhard Schröder haben dem russischen Alleinherrscher Wladimir Putin auch die Hand getätschelt, Sigmar Gabriel hat dem türkischen AKP-Außenminister  sogar bei sich zu Hause Tee serviert. Angela Merkel schließt Deals mit der türkischen Regierung. Und, und, und. Moralisch ausgebürgert wurde deswegen niemand von ihnen.

Lothar, Gerhard, Sigmar und Angela müssen sich das Deutschsein eben nicht erst verdienen. Der Mesut schon. Er steht in der ewigen Bringschuld. Und gegen die protestieren jetzt eine Menge neuer Deutscher, nicht nur mit türkischen Namen .

Ziviler Ungehorsam, ein Zeichen für Integration

Das tolle an der aktuellen Integrationsdebatte ist, dass sie zeigt, dass wir schon weiter sind, als wir denken. Sie handelt eben nicht von Sprachproblemen und Ehrenmorden wie vor 30, 40 Jahren, als nur weiße Deutsche bestimmen konnten, worüber wir öffentlich streiten. Jetzt geht es auch um die harten Integrationsfragen: Wer bestimmt, wer dazu gehört? Wer darf sagen, was richtig und was falsch ist? Das ist der Stoff, aus dem Einwanderungsländer gemacht werden.

Die richtigen Konflikte tauchen erst dann auf, wenn die Integration geklappt hat, erklärt Politikprofessor Aladin El-Mafaalani in seinem neuen Buch "Das Integrationsparadox" , das im August erscheint. Darin schreibt er, die erste Generation der Einwanderer halte die Füße still und nehme Benachteiligungen eher hin, anders als die nächsten Generationen. Die schimpften mehr über Diskriminierung, obwohl sie vermutlich weniger erlebten. Weil ihre Ansprüche steigen. Ziviler Ungehorsam, ein Zeichen für Integration.

El-Mafaalani findet, dass die Integration der Menschen mit Migrationshintergrund heute so fortgeschritten sei wie nie. Nur: Je weiter die Mihigrus in der Gesellschaft ankommen und aufsteigen, desto mehr wollen sie. Sie wollen mitreden, dazugehören und gleiche Behandlung. Und noch schlimmer: Sie wollen selbst entscheiden, wann sie Deutsche sind oder die Bindestrich-Identität einsetzen. So wie Özil, der halt manchmal den Türken raushängen lässt.

Deutschland ist megamultikulti

Nicht allen fällt es leicht, die Deutungshoheit über wichtige Fragen mit Mihigrus zu teilen. Manche finden immer noch, wer länger hier ist, darf mehr bestimmen. In einer Studie (hier das pdf ) stimmten 40 Prozent der Befragten dem Satz zu: "Wer schon immer hier lebt, sollte mehr Rechte haben, als die, die später zugezogen sind". Die Umfrage ist von 2014. Inzwischen könnten es mehr geworden sein.

Wir müssen also darüber reden, dass viele Menschen "Etabliertenvorrechte"  fordern - so heißt das in der Wissenschaft. Klingt harmlos, ist es aber nicht: Die Idee, wer zuerst hier war, darf mehr, verstößt gegen die Werte unserer Verfassung. Und sie ist, man kann es nicht anders sagen, völkischen Ursprungs. Denn oft ist mit "schon immer hier" nicht nur das eigene Leben gemeint. "Für viele Deutsche ist es anscheinend enorm wichtig für die eigene Identität, dass ihre ganzen Vorfahren zufällig im Bundesgebiet gepoppt haben", schreibt die Künstlerin und Aktivistin Noah Sow zur Özil-Debatte in ihrem Blog .

Es ist an der Zeit klarzustellen, dass Etabliertenvorrechte in einer globalisierten Welt nicht funktionieren - mal abgesehen davon, dass sie menschenrechtlich zum Himmel stinken. Und es ist Zeit, sich der Realität zu stellen: Die deutsche Gesellschaft ist nicht multikulti, sie ist megamultikulti. Jedes dritte Kind wächst in einer Einwandererfamilie auf. Und noch mehr werden es mit Deutschen "of color", mit denjenigen, die statistisch gar nicht sichtbar sind.

"Wenn Menschen gut integriert sind, machen sie nicht mehr, was man ihnen sagt", sagt Soziologe El-Mafaalani . Das erklärt wohl, warum Özil sich nicht für Erdogan-Gate entschuldigt. Özil schuldet Deutschland nichts. Er lebt vor, wie Hyperintegration geht.