"Metallic Sleep" Balanceakt zwischen Pop und Kunst

Hip-Hop-Rhythmen, Teenager-Hysterie und das Lichtermeer von Los Angeles: Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt eine gelungene Werkschau des Biennale-Preisträgers Doug Aitken.

Von Sabine Danek


Preisgekrönte Videoparcours: Electric Earth.
Kunstmuseum Wolfsburg

Preisgekrönte Videoparcours: Electric Earth.

Der Weg in die Ausstellung führt in die Dunkelheit - und in das Schlafzimmer eines jungen Schwarzen. "Oft tanze ich so schnell, dass ich mich selbst umkreise. Tanzen ist wie Nahrung für mich", begleitet eine Stimme aus dem Off die Videoprojektion eines Mannes, der sich schläfrig auf dem Bett lümmelt und durch die Fernsehprogramme zappt. Später wird er lautlos rappend an einem Flughafen entlang tänzeln, an einsamen Leuchtreklamen und verlorenen Lichtern vorbeiziehen, zu Hip-Hop-Beats aus einem verlassenen Parkhaus auftauchen und schließlich in einem gespenstisch beleuchteten Tunnel verschwinden.

"Electric Earth" nennt Doug Aitken seinen begehbaren Videoparcours, mit dem er auf der Kunstbiennale Venedig 1999 den Goldenen Löwen gewann. Der 31-jährige Kalifornier zeigt in seinen Arbeiten das moderne Leben an der Schnittstelle von Industrie und Natur, Urbanität und Ödland, in der Werbetafeln und Autowracks als Insignien der Zivilisation ein verwaistes Dasein fristen.

Gewinner des Goldenen Löwen: Doug Aitken
Kunstmuseum Wolfsburg

Gewinner des Goldenen Löwen: Doug Aitken

So haben die Welt vor ihm schon manche gesehen - doch Aitken schafft interessante Verknüpfungen zwischen unberührter Landschaft und industrieller Verfremdung, zwischen Innenleben und Informationsflut. Die Titel seiner Arbeiten erzählen von gläsernen Horizonten, metallischem Schlaf und einer elektrischen Erde, seine Installationen verweben den menschlichen Rhythmus mit dem der Stadt und lassen das Lichtermeer von Los Angeles als flirrendes Nervensystem erscheinen.

In der Kunstszene ist Aitken ein Popstar mit steiler Erfolgskurve - und beeindruckendem technischen Know-how. Bis Anfang der neunziger Jahre drehte der studierte Designer Videoclips für Musiker wie Fatboy Slim und Iggy Pop. Seither erkundet er auf 35mm-Film amerikanische Großstädte, die Mojave-Wüste und Diamantenminen in Namibia - und schlug dafür sogar einen Auftrag der Pop-Königin Madonna aus.

Flirrendes Nervensystem: "Rise"
Kunstmuseum Wolfsburg

Flirrendes Nervensystem: "Rise"

Mit präzisen Schnitten, ungewöhnlichen Montagen und beeindruckendem Rhythmus schafft er begehbare Szenarien, die den Betrachter umkreisen, zu Raum füllenden Organismen werden und näher am Leben als an der Kunstgeschichte sind. Dass er die Grenzen zwischen Populärkultur und Kunst überschreiten möchte, gehört zu den wenigen Statements des wortscheuen Künstlers und, dass er bei seiner Arbeit in der Musikbranche gelernt habe, mit dem Publikum zu kommunizieren.

Mit "hysteria" beweist er, dass er sich dabei aber nicht allein auf die Macht seiner Bilder verlassen muss. Aus den überheizten Publikumsbekundungen auf Rockkonzerten der 60er- bis 80er-Jahre montierte er eine Sound-Installation, die sich aus anfänglichem schweren Atmen in den kollektiven Befreiungsschrei gleich mehrerer Generationen verdichtet.

Die Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg wird übrigens durch eine zweite Installation in den Kunst-Werken Berlin ergänzt. Die Videoarbeit "I Am In You" erzählt von der schmerzhaften Trennung zweier Kinder in den Zeiten von Scheidungskrieg und Mobilitätswahn.

Doug Aitken: "Metallic Sleep", Kunstmuseum Wolfsburg 18.2. - 8.4.2001; "I Am In You", Kunst-Werke Berlin 17.2.-13.5.2001



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