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10. Januar 2018, 18:26 Uhr

#MeToo

Frau Deneuve kann gerne weiterflirten

Ein Kommentar von

In einem offenen Brief fordert die Schauspielerin Catherine Deneuve, Männern auch weiterhin ein Recht auf Aufdringlichkeit einzuräumen. Offenbar hat die Filmdiva nicht verstanden, um was es in der #MeToo-Debatte wirklich geht.

In einer idealen Welt müsste dieser Kommentar nicht geschrieben werden. In einer idealen Welt wäre nämlich völlig klar, dass Anmachen und Belästigung klar unterscheidbar sind. Es wäre eine Selbstverständlichkeit, dass Eingriffe in die sexuelle Selbstbestimmung der Frau auch dann ernst zu nehmen sind, wenn sie schon mehrere Jahre zurückliegen. Alle Menschen wären sich der asymmetrischen Machtgefüge bewusst, die es Tätern bis heute ermöglichen, ihre Opfer stumm zu halten. Und alle wären sich einig, dass dagegen etwas getan werden muss. Frauen könnten anziehen, was sie wollten, ohne dass es kommentiert würde.

Unsere Kultur wäre eine andere, unsere Gesellschaft wäre eine andere. Aber diese Welt ist nicht ideal. Und deswegen muss man leider immer wieder etwas sagen.

Zuverlässig kommt der Backlash

Mit jedem Mal, bei dem Frauen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung fordern, erhalten sie mehr Unterstützung. Das ist gut. Doch genauso zuverlässig kommt es zum sogenannten "Backlash", dem konservativen Rückschritt. So auch bei der #MeToo-Bewegung.

In Frankreich haben 100 Frauen, angeführt von der Filmdiva Catherine Deneuve, einen offenen Brief unterzeichnet, in dem sie unter anderem verteidigen, "jemandem lästig zu werden, was für die sexuelle Freiheit unerlässlich" sei. Fragt sich, was genau sie damit meinen, denn Flirten ist ja nicht plötzlich verboten. Im Gegenteil, hartnäckigen Gerüchten zufolge sollen sogar emanzipierte Frauen Geschlechtsverkehr haben. Es muss also auch ohne einseitige Grenzüberschreitungen gehen.

Worum es bei Kampagnen wie #MeToo wirklich geht, ist etwas anderes. Hier geht es um Macht und Machtmissbrauch, der sich in sexualisierter Gewalt und permanenten Grenzüberschreitungen manifestiert. Mit Flirten hat das alles nichts zu tun. Oder anders formuliert: Wer so etwas mit einem Flirt verwechselt, der hat ein Problem.

Frauen erobern immer mehr Plätze in der Gesellschaft, die ihnen vor 100 Jahren noch verwehrt waren. Wer hätte damals schon gedacht, dass Frauen Chefredakteurin, Firmenchefin oder sogar Bundeskanzlerin werden können? Dass es so weit gekommen ist, ist das Ergebnis eines Kulturwandels und eines Wandels der Gesellschaft - und dieser Wandel geht weiter.

Davor kann man Angst haben - oder man kann ihn annehmen und als Chance sehen. Übrigens auch als Chance für Männer, denn von einer gleichberechtigten Gesellschaft profitieren alle Menschen.

Noch kein Grund zur Besorgnis

Außerdem, möchte ich Catherine Deneuve und ihren Mitstreiterinnen zurufen: Selbst wenn man so denkt wie sie, gibt es doch noch keinen großen Grund zur Besorgnis.

Denn das Schlimme ist ja: Bei der Verleihung der Golden Globes tragen die Frauen fast ausschließlich Schwarz, #MeToo sowie die Ungleichbehandlung von Frauen in der Unterhaltungsindustrie sind die beherrschenden Themen. Und trotzdem sind in der Kategorie "bester Regisseur" nur Männer nominiert, obwohl es in diesem Jahr auch herausragende Filme von Regisseurinnen gab. Mit James Franco hat ausgerechnet ein Mann einen der begehrten Preise gewonnen, gegen den seit mehreren Jahren schwere Anschuldigungen im Raum stehen.

So viel hat sich also bisher gar nicht geändert. Mit einem Unterschied allerdings: Mittlerweile trauen sich immer mehr Frauen und Männer, diese Tatsache anzuprangern.

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