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08. Mai 2018, 15:58 Uhr

#MeToo-Debatte

Potent, aber daneben

Eine Kolumne von

Vielleicht liegt die #MeToo-Bewegung ja vollkommen falsch. Vielleicht sollten Frauen einfach selbstbewusster auftreten, sich nicht als Opfer männlicher Lust begreifen, "potente Frauen" sein. Aber so einfach ist es nicht.

Wahrnehmung ist verrückt. Ich weiß nicht, wie Sie das vergangene halbe Jahr erlebt haben, in feministischer Sicht, aber ich hatte das Gefühl, es ist einiges los, und vieles ändert sich - zum Guten. Menschen in der ganzen Welt stehen auf gegen Ungerechtigkeit, Täter werden mit ihren Taten konfrontiert, Institutionen verändert, Fragen gestellt, Antworten gesucht. Die ganze #MeToo-Sache war und ist von massiver Kritik und von Widerstand begleitet, aber: Es passiert was. Menschen schließen sich zusammen, sie organisieren Demos, halten Reden, werden laut. Mutige Frauen, die für ihre Rechte einstehen, spielen dabei eine nicht unwesentliche Rolle.

Ganz anders scheint das Svenja Flaßpöhler wahrgenommen zu haben. Die Chefredakteurin des "philosophie"-Magazins hat einen Essay veröffentlicht, der den Titel "Die potente Frau" trägt und zeigen will, was an #MeToo alles falsch gelaufen ist. Es kommt heraus: das meiste. (Hier ein Auszug aus dem Essay.) Flaßpöhler plädiert für selbstbewusste Frauen, die ihre Sexualität frei ausleben und findet, #MeToo stehe solchen Zielen entgegen. Der Feminismus, der #MeToo unterstütze, reproduziere in Wirklichkeit ein "patriarchales Welt- und Weiblichkeitsbild". Eine These, so steil, dass man nicht wegsehen kann. "Die potente Frau" zeigt, wie der Einsatz für Frauenrechte trotz guter Absichten schiefgehen kann, wenn er auf der Herabsetzung der Kämpfe anderer basiert.

Nicht einmal ansatzweise differenziert

Dabei stellt Flaßpöhler zunächst eine sehr wichtige Frage, "die Frage nämlich, was Frauen zur Festigung der männlichen Macht, die immerhin keineswegs mehr rechtlich legitimiert ist, selbst beitragen." Sie versucht allerdings kaum, sie zu beantworten, sondern schwenkt zu einer Kritik an #MeToo und Co. - was man so diffus sagen muss, weil es so diffus bleibt. "Nicht einmal ansatzweise wird versucht, zu differenzieren," heißt es über diejenigen, die sich an #MeToo beteiligen, und so dreist diese Behauptung ist, so wenig differenziert die Autorin dann auch selbst. (Einen sehr interessanten Text darüber, was passiert, wenn man die einzelnen Männer mal anspricht, die übergriffig werden, hat Emilia Smechowski im "SZ Magazin" geschrieben.)

Bei Flaßpöhler gilt: #MeToo ist "Hashtag-Feminismus". Die "#MeToo-Befürworterinnen und -Befürworter" sprechen für Flaßpöhler allesamt mit einer Stimme, was leider wirkt, als hätte sie sich bisher nicht die Mühe gemacht, überhaupt mit ihnen zu reden. Der "Hashtag-Feminismus" kommt dann auch auf den ganzen 48 Seiten des Essays nicht ein Mal selbst zu Wort, weswegen bis zum Ende unklar bleibt, wer eigentlich dazu gehört. Umso klarer scheinen die Ansichten der "Hashtag-Feministinnen" festzustehen:

"Männliche Gewalt, behauptet der Hashtag-Feminismus, ist allgegenwärtig: im Büro, im Bett, im Leben einer jeden einzelnen Frau. (...) #MeToo zeichnet ein klares Bild des Mannes: Im Dienste seiner eigenen Lust bricht er den Willen der Frau, geht über ihr Wohl hinweg und beherrscht sie schon allein körperlich."

Flaßpöhler sagt einerseits, sie wolle aufzeigen, dass der Diskurs "blinde Flecken" habe, setzt dann aber alles gleich, was innerhalb des Diskurses passiert. Diese Vereinheitlichung von allen, die #MeToo befürworten, findet ihren Höhepunkt in der These, #MeToo negiere jede aktive weibliche Sexualität:

"Für #MeToo ist kennzeichnend, dass Frauen sich libidinös gesehen eine rein passive Rolle zuschreiben - zielt die Bewegung doch letztlich auf Strategien ab, wie mit männlicher Lust umzugehen, wie sie zu bekämpfen, wie die Frau effektiv vor ihr zu schützen sei."

Nun ja. Weil #MeToo kein Sextagebuch ist. Weil es um Gewalt geht. Hätte die Aktion geheißen "1 Erlebnis von Übergriffigkeit und dann auch noch 1 Erzählung über den besten Sex, den ich je hatte", dann wäre ein anderes Bild herausgekommen. Flaßpöhlers Kritik an #MeToo funktioniert ungefähr so, als würde ich sagen, ich schreibe mal über vergiftetes Essen, und sie kritisiert, dass ich mir offensichtlich nie ein gutes Getränk gönne oder gar am liebsten anderen Frauen das Champagnerglas aus der Hand schlagen würde.

Pointen aus der eigenen Sexualbiographie

Feministinnen reden und schreiben viel über Sex, aber sie tun es dann, wenn sie wollen, und nicht unbedingt dann, wenn sie gerade erzählen, wie ihnen jemand in der U-Bahn seinen Ständer gegen die Hüfte gedrückt hat. Flaßpöhler wirft Feministinnen und Medien vor, über sexualisierte Gewalt statt über Lohnungerechtigkeit zu reden (die für sie "wirklich ein strukturelles Problem" wäre, im Gegensatz zu Gewalt), und sich nur auf "sexy" Geschichten zu stürzen. Sie schafft es dann aber selbst, vom Thema Übergriffe wegzuführen und zu fantasieren, dass "Hashtag-Feministinnen" wohl schlechten Sex haben müssen: "Wer zu jedem Knopföffnen erst seine Zustimmung geben muss, ist zu ekstatischem Selbstverlust nicht in der Lage."

Es ist leider ein inzwischen klassischer Dreh geworden, dass Frauen, die sich unsolidarisch mit anderen Frauen zeigen, in einer Diskussion zu Übergriffen mit Pointen aus der eigenen Sexualbiographie aufwarten. So erzählte auch Heike Melba-Fendel im "Freitag", wie sie vor einem Mann und einem Stapel Kosmetikdosen masturbierte, und das Bild war zwar beachtlich, aber zur falschen Zeit am falschen Ort.

"Eine potente Frau wertet die Sexualität des Mannes nicht ab, sondern die eigene auf", hat Svenja Flaßpöhler im Interview gesagt. Ja, aber vor allem kann eine kompetente Frau unterscheiden, wann es um (ihre) Sexualität geht und wann nicht. Man mag das Bedürfnis verstehen, in einem Wisch zu beweisen, wie stabil und aufregend die eigene Idee von Sex ist, und dabei gleichzeitig Foucault zu zitieren. Aber ob es angemessen ist in einer Debatte, die eigentlich von Gewalt handelt, ist fraglich.

Wenn wir sexuelle Übergriffe abschaffen wollen, reicht es nicht zu fordern, dass alle Frauen nur mal den Rücken durchdrücken und mit fester Stimme sagen, wann sie rollig sind und wann nicht. Man kann und sollte Kritik üben an Dingen, die im Rahmen von #MeToo passieren. Es müssen nicht alle, die Ungerechtigkeiten anprangern, jedes einzelne trottelige Fehlverhalten eines Mannes für ein schreckliches Verbrechen halten und jedes aus einem Museum getragene Bild für den Sieg der Emanzipation. Aber gerade darin erweist sich dann eine starke Position und Selbstbestimmung in der Debatte: nicht einfach alles zu schlucken, sondern sich aufgrund eigener Werte und Urteile jedes Mal neu darin verorten. Idealerweise findet man dabei einen Standpunkt, der funktioniert, ohne dass man gehässig über andere herzieht.

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