Georg Diez

#MeToo Warum ist es so still in Deutschland?

Reden ist der Anfang von Politik und von gesellschaftlicher Veränderung. Über sexuelle Übergriffe wird in Deutschland aber nicht geredet. Dabei können wir es uns nicht leisten, diesen historischen Moment zu vergeuden.
Demonstration in Los Angeles gegen sexuelle Übergriffe

Demonstration in Los Angeles gegen sexuelle Übergriffe

Foto: DAVID MCNEW/ AFP

Sollen wir, als Gesellschaft, mit Friseuren reden? Ich persönlich finde schon, vor allem, wenn man einen guten Haarschnitt will.

Sollen wir, als Gesellschaft, mit der FDP reden? Klar, auch wenn man nicht sicher sein kann, dass die zuhören, und am Ende ist dann das vier wochen lange Nichtzuhören das neue Prinzipien-Haben, und alles Reden war für die Katz.

Sollen wir, als Gesellschaft, mit Linken reden, also wirklich Linken, nicht Jürgen Trittin oder Sahra Wagenknecht? Ja, aber lieber als mit den wirklich Linken reden die meisten gerade mit den wirklich Rechten und meinen, das sei ein wichtiger Beitrag zur Demokratie.

Und ja, das Reden ist in vielem der Anfang der Politik. "Talking to Strangers", so heißt das wunderbare Buch der amerikanischen Denkerin Danielle Allen , in dem sie eine ganze politische Philosophie auf diesem Akt der Neugier und der Einfühlung aufbaut.

Aggressiv und verdruckst zugleich

Es geht beim Reden darum, so Allen, die Differenz zum anderen zu verstehen, deren Geschichte zu hören und deren Interessen zu erkennen und in diesem Zwischenraum von Privatem und Politischem Freundschaft und Vertrauen zu ermöglichen. So formt sich Gesellschaft.

Das klingt so logisch und schlüssig, und es ist doch etwas, das speziell in Deutschland wohl immer noch nicht so leicht nachvollziehbar ist.

Ich musste jedenfalls in den vergangenen Tagen immer wieder an Danielle Allen denken, als ich versuchte zu verstehen, warum die Diskussion um Sexismus und sexuellen Missbrauch in diesem Land so schleppend verläuft, so aggressiv und abwehrend einerseits und so still und verdruckst andererseits.

Ich habe versucht zu verstehen, warum manche Menschen, mit denen ich privat oder öffentlich über das Thema #metoo gesprochen habe , entweder so rigoros darauf beharrten, dass Frauen selbst schuld seien, sie müssten doch den Grapschern nur zwischen die Beine treten, was dann zu einer sehr vormodernen Sicht von Gesellschaft führt, wo das Recht des Stärkeren herrscht, und genau das ist ja die Errungenschaft der Zivilisation, dass dieses Recht eingehegt ist.

Oder, und das ist eine andere Position, die ich oft gehört habe, all das, was unter #metoo verhandelt werde, sei doch keine Sache der Öffentlichkeit, sondern der Gerichte und des Rechtsstaates - und das bestreitet ja kaum jemand, ich zumindest nicht, dass der Rechtsweg richtig ist für alle Handlungen, die kriminell sind, sexuell und auch sonst.

Aber das Recht und der Staat sind eben nicht die einzigen Möglichkeiten, zu Gerechtigkeit und Veränderungen zu kommen. Und die Verschiebung von einzelnen Aufsehen erregenden Fällen mit möglichen strafrechtlichen Konsequenzen hin zu dem, was manche etwas ausweichend die "Grauzone" nennen, ist der entscheidende Schritt für echte Emanzipation.

Historische Hypothesen zum stockenden Gespräch

Es ist ja gerade kein großer Gerichtsprozess, der hier stattfindet, es ist vielmehr ein komplexer Gesellschaftsprozess, der andere Länder gerade auf eine Art und Weise verändert wie zuletzt vielleicht 1968.  

Diese Veränderung ist eine, die sich nicht in der Sphäre des Rechts und des Staates abspielt, sondern im Bereich der Normen und des Privaten oder Halb-Privaten. Es sind die Geschichten, die sich Menschen erzählen, auf Facebook oder im Café. Es ist erst einmal der Versuch, das zu artikulieren, was man so lange gesehen hat, aber vorzog, nicht zu verstehen. Es geht nicht um Sinnstiftung, sondern um Schmerz, es geht um ein Selbstbild, das offen ist für die eigenen Verletzungen und die anderer.

Dieses gesellschaftliche Gespräch also, dieses Reden und Zuhören, dieses Sich-selbst-Befragen, In-sich-Graben, Sein-Leben-Durchschauen im wahrsten Sinn des Wortes, die Frage, wo habe ich mitgemacht, wo habe ich weggeschaut, wo habe ich eine Grenze übertreten, all das, was Männer wie Frauen betrifft, nicht gleich, aber gemeinsam - hier finden die wichtigen Veränderungen statt.

Warum also stockt dieses Gespräch in Deutschland so, im Unterschied etwa zu den USA oder Schweden, Frankreich und England, warum wird dieses Reden, so scheint mir, gar nicht gewollt oder abgewürgt, warum wird es mit einer Mischung aus Desinteresse und Angst betrachtet und einem medial eingeübtem Phlegma, das der Größe und Bedeutung dieses Augenblicks nicht gerecht wird?

Ist es tatsächlich so, das wäre eine Hypothese, dass man im Land der Täter kein Gehör für die Opfer findet, ein eingeübter Prozess also seit 1945, Geschichts-Exerzitien von Schuld und Scham, die mit durchaus narzisstischer Wucht und großer Faszination beim Größten Verbrechen Aller Zeiten verharrten und die Opfer in eine anonyme Zahl verwandelten, sechs Millionen?

Oder ist es vor allem so, das wäre eine andere Hypothese, dass es in Deutschland kein positives Opfer-Narrativ gibt, wie etwa in den USA, also die Möglichkeit, in der eigenen Biografie durch Trauma und Verlust zu Stärke zu finden, die kollektiv eingeübte Geschichte von Widerständen, Kränkungen, Verletzungen, die man überwindet und an denen man wächst, auch im Blick der anderen, der Gesellschaft?

Ist es also so, und das wäre wirklich niederschmetternd, dass es mehr oder weniger tief in den Deutschen immer noch ein Misstrauen oder ein Unverständnis darüber gibt, wie Gesellschaft sich herstellt, als Verbindung von Menschen, Biografien und Geschichten, von Individuen, ein traditionell westliches Verständnis von Gesellschaft, dem die Deutschen des 19. und 20. Jahrhunderts oft genug ihre Vorstellung von Gemeinschaft entgegensetzten, weniger individualistisch und mehr gruppen- und autoritätshörig geprägt?

Stille zum Zuhören statt Schweigen

Das alles wären historische Erklärungen, und ich glaube, dass einiges davon in dieser sehr deutschen Art aufscheint, wie ein Moment, der im Kern eine gesellschaftliche Revolution bedeutet, gerade vergeudet wird - also lieber die Debatte über die Debatte als das Gespräch über die Fehler und Versäumnisse und tatsächlich das krumme Holz der Humanität, wie es Isaiah Berlin genannt hat.

Die Empirie-Skepsis jedenfalls, die diese Debatte ausmacht, die eben kein Gespräch ist, ist mir so vertraut von all den anderen deutschen Debatten, die vor allem Hahnenkämpfe sind mit dem Versuch, den anderen die Augen auszuhacken, Aggressivität, die die eigene Unsicherheit und Schwäche überdeckt.

Dies hier könnte anders sein. Nach all dem Schweigen, das den Sexismus der Vergangenheit befördert hat, könnte es eine Stille geben, die es möglich macht, denen zuzuhören, die ihre Geschichte erzählen wollen.

Das wäre nicht nur eine gesellschaftliche und menschliche, es wäre auch eine mediale Herausforderung. Denn der gewohnte Mechanismus von Skandal und Schuld greift in diesem Fall nur bedingt.

Also: mit Frauen reden. Mit Männern reden.

Das Schweigen aber, das sich nun wieder so artifiziell wie absichtsvoll über das legt, was Frauen erzählen könnten, ist bedrückend in seiner reaktionären Routine.

Warum, frage ich mich mal wieder, ist dieses Land eigentlich so, so zäh, so verbissen, so voller Angst?