Metropolen Berlin, Sinfonie einer Hauptstadt

Die Baugruben sind längst noch nicht geschlossen, doch Berlins Zukunft als Hauptstadt hat begonnen. Regierende und Immobilienfonds, Abenteurer und junge Talente strömen zusammen, als kehrten die zwanziger Jahre zurück. Beginn eines vierteiligen Streifzugs.
Von Matthias Matussek

Rumms, rumms. Selbst wenn man die jüngste Hauptstadt der Welt durchs Kinderzimmer betritt, wird man von historischen Echos eingeholt. Rumms, rumms. Berlin, die Hauptstadt der drittgrößten Wirtschaftsmacht der Erde, ist zunächst nichts als ein historischer Echoraum.

Rumms rumms, machen die Lautsprecher am Alexanderplatz, hoch unterm Nachthimmel im schwarzen Club, der "Weekend" heißt, und die jungen Nomaden der Großstadt wippen und liegen vor den Panorama-Fenstern und einige starren hinab, auf die Lichter auf dem Alexanderplatz.

Der Club und die Blicke, die er erlaubt, sind Blade-Runner-Blicke, sind Ridley Scott und Plattenbau. Berlin ist im neuen Jahrtausend angekommen, gleichzeitig verschlampt und futuristisch, doch man wird die Stadt nie verstehen, wenn man ihre geheime Melodie, ihre historischen Echos nicht wahrnimmmt.

Großstadt-Kampf gegen die Wurzellosigkeit

Natürlich sind die Technohämmer hier oben ein Gruß durch die Zeiten, sie verschmelzen mit den wohl berühmtesten Einsilbern der deutschen Literatur, mit Döblins Großstadt-Epos "Berlin Alexanderplatz", mit: "Rumm, rumm".

Das ist die Maschine, die vor dem Aschinger in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts Pfeiler in den Boden treibt, und damit keiner vergisst, woher der Lärm hier oben kommt, sind Döblin-Zeilen an die Hausfasssade nebenan gepinselt. "November 1929. Nächstes Jahr wird noch kälter".

Unten könnte sich Döblins Held Franz Biberkopf durch die großstädtische Kakophonie schieben, und hier oben, rumms, rumms, bewegen sich skandinavische und französische und englische Raver, Werbeleute, Autoren und jede Menge Stellungslose, die sich "Praktikanten" nennen dürfen, wenn sie Glück haben.

Mit seinem Biberkopf hatte Döblin bereits in den zwanziger Jahren den Prototyp der Migrantengesellschaft in die Straßen Berlins gezeichnet, den kleinen Gauner zwischen Reklame-Sprüchen und Filmplakaten, und Pfeiler werden am Alex in den Grund getrieben wie künstliche Wurzeln, damals, heute, und hier oben im Kinderzimmer denkt man sich: wie wenig sich doch geändert hat in dieser Stadt: Immer kämpft Berlin gegen seine Wurzellosigkeit, nun mehr als je zuvor.

Rumms, rumms, in den Untergrund, in den Himmel. Im Moment lieber in den Himmel. Die Stadt fiebert wieder einmal.

Clubbesitzer Oskar Melzer ist vor zehn Jahren hierher gekommen, sein "Weekend" gibt es seit drei Jahren in diesem Plattenbau, der zu DDR-Zeiten "Haus des Reisens" hieß, und eines ist sicher: Erst heute ist dieses Haus tatsächlich bei sich selber angekommen, denn das Treibenlassen ist die Bewegungsform des neuen Millenniums - die großstädtische Trance, das bindungslose Reisen mit leichtem Gepäck.

Berlin ist ein Trainingsgelände für Wurzellose.

Weit hinten, weit unten die schwarzen Stahlrippen des Palasts der Republik, der, rumms, rumms, wieder verschwinden wird, denn die Stadt lebt wie ein Ungeheuer, das ein- und ausatmet, das wächst und wieder verschwindet, keine Stadt der Welt beherrscht das so gespenstisch. Dann kommt das Schloss von damals wieder, das bereits als Plakatwand für sich selber Reklame machen durfte. In der Zwischenzeit wird eine provisorische Kunsthalle dort errichtet, unter einem weißen Wellendach, ausgespreizt wie ein Kranichflügel, eine flüchtige Luftspiegelung - Berlin ist Vorläufigkeit und fliegenden Kulissenwechsel gewöhnt.

Hinterm Wohnhaus-Riegel irgendwo die Oranienburger Straße mit den Cafés und den Boutiquen und den Prostituierten in ihren Astronautenanzügen, der Monbijou-Park, in dem ein Dackel im letzten Jahr eine Frauenleiche aufgestöbert hatte. Der Mörder läuft immer noch frei herum.

Weiter zu Teil zwei: Acht mal so groß wie Paris, hundertmal hässlicher als London - und doch strömen sie zu Hunderttausenden hierher...

Vielleicht läuft er jetzt dort unten, am Fernsehturm, auf dem Trottoir der von Autoscheinwerfen durchpflügten Liebknechtstraße mit den Billigkneipen, mit Flaggenshop und Asia-Küche und Modeschmuck und Döner-Grill. Biberkopf-Gelände, immer noch, in Berlin sind arme Leute im Überfluss, über die Hälfte aller 3,4 Millionen erhalten Geld von der Stadt, vom Staat.

Zur anderen Seite hin bricht sie ab, die Stadt, liegt im Dunkeln, sieht aus wie Tirana unter Enver Hodscha. Richtung Karl-Marx-Allee, Richtung Café Moskau. Im dunklen Fenster spiegeln sich die verrätselten Neonkrakel von der Diskowand und werden lesbar: 299,792,458 m/s. Das ist die Lichtgeschwindigkeit. Atemloser kann man nicht unterwegs sein in dieser Nacht, die Lautsprecher hämmern und wummern.

Generationen-Echos in absurder Dichte

Wie kann man hier leben? "Wie kann man hier nicht leben", sagt Melzer. Berlin ist achtmal so groß wie Paris, und hundertmal hässlicher als London oder New York, und doch strömen sie hierher aus allen Himmelsrichtungen, 56.000 Touristen täglich. Viele bleiben, ob Künstler und DJs und Laptop-Unternehmer. Und auch Brad Pitt und Angelina Jolie wissen wahrscheinlich gar nicht so genau, warum sie sich am Rosenthaler Platz eine 600-Quadratmeter-Wohnung gekauft haben, angezogen durch nicht viel mehr als die Idee, dass sich hier in Berlin Entscheidendes abspielt.

Immobilien-Fonds kauften in den letzten fünf Jahren 133.000 Wohnungen auf, vor drei Jahren war ein US-Fonds allein mit 66.000 Wohnungen dabei. Wohnraum für jede Menge bindungsloser Singles. Über die Hälfte aller Berliner sind Singles, und ein paar Hundert von ihnen stellen sich an einem Wochenende in Melzers Club zusammen in den Lärm, rumms, rumms, mehr an Gemeinsamkeit ist in den neuen Zeiten nicht zu haben. 1,6 Millionen Berliner haben die Stadt seit 1991 verlassen, 1,66 Millionen sind hinzugezogen und haben damit für einen regelrechten Bevölkerungsaustausch gesorgt, und Melzer und die meisten seiner Gäste sind dabei.

Rumms, rumms. Der Alexanderplatz ist historisch das Herz. Aber Berlin hat kein Herz. Das Herz sind die Menschen, und der Herzschlag wird im Moment von DJ Richie Horton vorgegeben. Für Ariadne von Schirach, Autorin des Buches "Der Tanz um die Lust", ist das "Weekend" eine der "gelungeneren Selbstdarstellungsplattformen" in der Stadt, sie ist blond und auf intellektuelle Art frivol und die Enkelin des Reichsjugendführers Baldur von Schirach. Generationen-Echos. Hier oben im "Weekend" sind sie von absurder Dichte. Besonders hier, denn Melzers Großvater Jakob kam in den zwanziger Jahren nach Berlin, rettete seine jüdische Familie 1936 vor den Nazis, und jetzt ist sein Enkel zurückgekehrt.

Melzers Club hat im letzten Jahr den Architekturpreis Berlins erhalten, neben dem Holocaust-Denkmal und dem Olympia-Stadion. Die Stadt feiert ständig diese schwarzen Feste der Gleichzeitigkeiten. Melzer ist klein, fast kahl, hat dunkle Schatten um die Augen, und seine Antworten sind hingenuschelt wie in kurzen Feuerpausen, eine Sprachmelodie, die schwer zuzuordnen ist. Er wuchs hebräisch auf und studierte in London Wirtschaft und in München Film. Seine Freundin Loreana ist die Stimme von MTV und singt Jingles für Bitburger Bier, eine dunkle Schönheit, Berlinerin, Melzer hat sie in einem zionistischen Sommercamp kennengelernt.

Als er nach Berlin kam, zog Melzer in die Kunsthöfe, in die Auguststraße 38. Und später erfuhr er, dass sein Großvater gegenüber wohnte, in der Nummmer 37. Mittlerweile ist die Zahl der in Berlin lebenden Juden wieder auf über 30.000 angestiegen. "Wir haben gewonnen", sagt Melzer, "und die Mörder haben verloren."

Melzer hat vor kurzem zusätzlich den 15. Stock des Gebäudes zum Club ausgebaut, und im Sommer wird das Dach erobert. Unten pocht die Stadt, und Melzer kehrt zurück, und hier oben an den Wochenenden, wenn über 1200 Leute durch die Clubräume ziehen, tanzen die Nachkommen der Täter und die Nachkommen der Opfer nach dem gleichen Rhytmus, wrumm, wrumm, und die Geschichte wird leicht, morgens um 3 Uhr, wenn unklar ist, ob der Tag endet oder beginnt.

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