Georg Diez

#MeTwo Diese Geschichten werden unser Land verändern

Was sich unter dem Hashtag #MeTwo an Rassismuserfahrungen ansammelt, darf nicht ignoriert werden - auch wenn die "Bild" mit aller Wucht gegen Einfühlung und Menschlichkeit ankämpft.
#MeTwo-Initiator Ali Can

#MeTwo-Initiator Ali Can

Foto: Ursula Düren/ picture alliance/dpa

Zuhören. Einfühlen. Eindenken. Versuchen, zu verstehen. Schule der Seele. Schule der Menschlichkeit. Seine eigene Rolle bedenken. Sein eigenes Verhalten bedenken. Sich selbst sehen und von sich selbst absehen. Herzenswärme. Demokratische Praxis.

Was sich gerade unter dem Hashtag #MeTwo in Deutschland ereignet, ist bewegend, verstörend und wird das Land so sehr prägen und begleiten, wie es auf andere Weise die #MeToo-Bewegung getan hat: Es ist Politik im Zeitalter des Versagens der Politik, eine Bürgerbewegung, die die Gesellschaft durch Geschichtenerzählen verändern wird.

Der Journalist Ali Can hat #MeTwo gestartet, als Reaktion auf den Rassismus, der deutlich wurde im Umgang mit dem Fußballer Mesut Özil - aber die Geschichten von Rassismus aus Schule, Beruf, Kunst, Alltag, dem Mietmarkt, von der Straße und von Freunden, der offene, der verdruckste, aber auch der gar nicht so gemeinte Rassismus, der hier sichtbar, hörbar, dokumentierbar, nachvollziehbar, erlebbar wird, sprengt den Rahmen der Debatte um einen Fußballer.

Video: Initiator Ali Can über #MeTwo und Mesut Özil

SPIEGEL ONLINE

Mesut Özil ist damit als Auslöser und Symbolfigur für die Frage nach Rassismus in der deutschen Gesellschaft das, was Harvey Weinstein für die Frage nach sexualisierter Gewalt und Sexismus überhaupt war - sein Fall ist damit längst nicht mehr der eigentliche Gegenstand der Debatte und ist doch so wichtig, um zu verstehen, wie verlogen die Debatten in diesem Land verlaufen, speziell dann, wenn es um Fragen der Identität, der Macht, der deutschen Angst geht.

Wir erinnern uns: Die Welt war zu Gast beim Diktator Putin, es war ein riesiges Fest, die korrupte Fifa hat einen herzhaften Gewinn gemacht, in vier Jahren findet die WM in Katar statt, wo die Menschenrechte genauso missachtet werden wie in Putins Russland, und allein die Frauen von Pussy Riot haben mit einer spektakulären Aktion dagegen demonstriert - es war, in den Augen der Medien, von ARD bis "Bild", alles okay.

Rassismus, offen und strukturell

Nicht okay ist es dagegen, wenn ein Fußballer ein Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan macht, den man auch einen Diktator nennen kann - und allein dieses Ungleichgewicht der Wahrnehmung und der folgenden Beschuldigung zeigt: Özil ist der Sündenbock für etwas, das alle anderen auch taten. Er aber wurde benannt, er wurde ausgesondert. So funktioniert Rassismus, offen und strukturell.

Mesut Özil

Mesut Özil

Foto: Michael Regan - FIFA/ FIFA via Getty Images

Schon vor der WM war Özil von der AfD sein Deutschsein abgesprochen worden - und allein das hätte reichen müssen, damit sich Medien und Öffentlichkeit zurückhalten in einem Verhalten, das in keinem Moment von echter Sorge um den antidemokratischen Charakter von Erdogans Türkei getragen war: Sonst hätte man längst etwa die Waffenlieferungen der deutschen Industrie in die Türkei kritisieren müssen, die gerade dafür sorgen, dass Kurden getötet werden.

Das Gegenteil war der Fall. "Bild", die unter ihrem Chefredakteur Julian Reichelt seit einer Weile mit dem Sound der AfD spielt, war die treibende publizistische Kraft in der Sache Özil - assistiert unter anderem von der "Frankfurter Allgemeinen ", die allen, die von Rassismus sprachen, attestierte, dass sie "unter Verfolgungswahn und Verantwortungslosigkeit" litten, mehr noch, sie gehörten damit "zur großen politischen Klasse derjenigen, die immer auf der richtigen Seite stehen und den Grund für jedwede Ungleichbehandlung gleich in der Herkunft oder gar der Rasse suchen".

Noch einmal: So funktioniert Rassismus, offen und strukturell, und es ist nicht weit von der Rhetorik der "politischen Korrektheit" zur Praxis der AfD.

Tatsache ist: Rassismus hat mit Privilegien zu tun, das macht ihn so effektiv und so aggressiv, und wenn sich führende Institutionen dieses Landes, und Zeitungen gehören dazu, rassistischen Argumenten öffnen, braucht es kein Statement ausgerechnet eines Angestellten des DFB, der selbst in der Kritik steht, dass es in Deutschland keinen "flächendeckenden Rassismus" gebe.

Die Wut, die im System steckt

Die kurzen #MeTwo-Geschichten auf Twitter belegen das Gegenteil: Der Rassismus, über viele Jahre von denen weggewünscht oder ignoriert, die nicht betroffen waren, ist allgegenwärtig für die, die getroffen werden sollen. Was auch damit zusammenhängt, dass die Institutionen, von den Medien bis zu den Schulen, so homogen sind, dass sich rassistisches Denken in den Machtstrukturen verfestigen kann.

Besonders viele Beispiele von #MeTwo stammen aus Schulen, gerade Gymnasien, gern auch "Elite" (was auf Haupt- und Realschulen geschehen ist, kann man sich denken) - und wie bei #MeToo, wo ein großer Teil der männlichen Aggression und Abwehrhaltung damit zu erklären ist, dass Privilegien geschützt werden sollten, im Arbeitsmarkt, in der Familie, zeigen diese Geschichten, wie sehr Rassismus dazu dient, eine soziale Rangordnung durchzusetzen.

Das Wesen des Rassismus ist, neben echter Verachtung, vor allem Ausgrenzung und Einschüchterung - doch wie bei #MeToo lässt sich auch bei #MeTwo eine Gesellschaft beobachten, die sich längst verändert hat, allen Einschüchterungen zum Trotz: Es ist, bei allem Schmerz, bei allen Verletzungen, wunderbar zu sehen, wie viele Kinder oder Enkel von Einwanderern dieses Land längst prägen.

Twitter erfüllt damit seine Funktion als alternatives Medium der Selbstverständigung und der demokratischen Praxis jenseits der etablierten Medien - die #MeTwo-Geschichten tragen dazu bei, dieses Land lichter und besser und menschlicher zu machen, sie sind ein Akt der gelebten Aufklärung.

Was bleibt, ist die Wut. Die Wut derer, die seit Jahren und Jahrzehnten systematisch, offen, direkt rassistisch diskriminiert und gekränkt werden. Die Wut, die bislang noch keine Form gefunden hat. Die Wut, die ein Wesensmerkmal der Unterdrückung ist und sich wie ein Schleier über viele Leben legt.

#MeTwo ist ein Anfang. Tausende von Tweets. Tausende von rassistischen Twitter-Antworten. Aber das Schweigen ist gebrochen. Das Gespräch hat begonnen. Es geht darum, zuzuhören und zu lernen. Die Veränderungen, auch wenn es oft anders erscheint, sind nicht aufzuhalten.