Zum Tod von Michael Jürgs Der schreibende Bürger

Journalismus war sein Leben: Michael Jürgs war "Stern"-Chefredakteur, Romy-Schneider-Biograf, Einheits-Skeptiker - seine Arbeit verstand er als Aufklärung, seine Neugier war immer größer als mögliche Vorbehalte.

Michael Jürgs 2002 auf der Frankfurter Buchmesse mit seiner Grass-Biografie: Man war immer überrascht
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Michael Jürgs 2002 auf der Frankfurter Buchmesse mit seiner Grass-Biografie: Man war immer überrascht

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Michael Jürgs hatte kein geringes Selbstbewusstsein, größer aber war seine Bereitschaft, für die Texte anderer Journalistinnen und Journalisten zu schwärmen. Der unermüdliche Leser Jürgs geriet oft in Begeisterung darüber, was Journalismus sein kann und er schrieb, wenn ihm etwas gefallen hatte, gern eine kurze Mail, um sich zu bedanken oder etwas anzufügen, um zu inspirieren.

Dabei ging es ihm nicht um die Pflege eines weiten Netzwerks, vielmehr sollte jeder Artikel wieder zu einem neuen Artikel führen. Wenn man ihn traf, verbarg er nur mit Mühe sein an Mitleid grenzendes Staunen darüber, dass man jene Sonntagsbeilage einer britischen Zeitung, dieses neue australische Magazin oder den treffenden Kommentar in der Stuttgarter Zeitung, der ihn so erfreute, gar nicht gelesen hatte. Seine Begeisterung war allerdings nicht blind, er konnte mühelos die Schwächen der wichtigsten deutschen Zeitungen und Zeitschriften aufzählen.

Journalismus war sein Leben, und kaum einer konnte so begeisternd darlegen, wie das Eine mit dem Anderen zusammenhängt. Er war Zeuge und Akteur der großen Zeit des Magazinjournalismus, als "Stern", Spiegel, "Zeit" und "Bunte" in Deutschland so mächtig waren wie heute Google und Apple.

Michael Jürgs in seiner Zeit als "Stern"-Chefredakteur: ausgeprägte linksliberale Gesinnung
Dieter Bauer/ imago images

Michael Jürgs in seiner Zeit als "Stern"-Chefredakteur: ausgeprägte linksliberale Gesinnung

Sein Aufstieg ist der Stoff eines Romans: Mit 23 wurde er Feuilletonchef der Münchner Abendzeitung, dann Unterhaltungschef im populärsten Magazin des Landes, dem "Stern". Und mit 41 Jahren dann Chefredakteur. Wenn er von dieser Zeit erzählte, nahm das Geschehen die Dimension eines Dramas von Shakespeare an, es waren die letzten Jahre der alten Bundesrepublik und der DDR, eine kulturelle Zeitenwende.

Jürgs hat seine Arbeit immer in Bezug zur geschichtlichen Entwicklung und zur politischen Lage gesehen, er war ein schreibender Bürger mit einer ausgeprägten linksliberalen Gesinnung. Was ihn aber nicht einengte - seine Neugier auf Menschen, die so ganz anders waren als er, wie der Verleger Axel Springer oder der Schriftsteller Günter Grass - war immer stärker als mögliche Vorbehalte.

Ewige Wissbegier

Dass er als Chef des "Stern" stürzte, versorgte ihn mit unendlichem Anschauungsmaterial über Tücken und Tugenden des Menschen an sich. Man hörte ihm atemlos zu, denn aus dem Beispiel seiner Karriere entwickelte er, wie die größten Erzähler, allgemeingültige Geschichten.

Und er wies auf die anhaltende Relevanz der damals aufgebrochenen Konflikte hin. Jürgs wollte nicht so richtig in die allgemeine Euphorie der deutschen Einheit einstimmen: Wer, fragte er, vereinigte sich da eigentlich mit wem? War die Westbindung der Bundesrepublik nicht auch an gewisse liberale Werte geknüpft? Wie sieht es damit in Osteuropa aus? Das Thema treibt ganz Europa noch heute um.

Neben dem Journalismus schrieb er Bücher, in jedem zweiten Billy-Regal dürfte eines seiner Werke stehen. Seine Biografie von Axel Springer eröffnete wichtige Einblicke in das Seelenleben eines komplizierten Mannes. Nur der, der lediglich oberflächlich las, sah darin eine Abrechnung mit dem Verleger der "Welt" und der "Bild", in Wahrheit näherte er sich dem Mann mit einer Ernsthaftigkeit, die die ganze Komplexität der Figur, auch Episoden seelischer Krankheit, überhaupt erst kenntlich machte.

In seinem Buch über Romy Schneider ging es darum, diese große deutsche Schauspielerin aus dem Reich missgünstiger Klatschgeschichten zu erlösen und so zu porträtieren, wie man eine Künstlerin der Belle Époque gewürdigt hätte. Man war immer überrascht, wenn man das Sujet des nächsten Buches von Michael Jürgs erfuhr, auch in seiner ewigen Wissbegier und dem entsprechenden Arbeitseifer war er ein Vorbild. Work-Life-Balance - darunter hätte er verstanden, nach dem Schreiben etwas Zeit zum Lesen übrig zu haben und umgekehrt.

Bei all den Wandlungen seiner Karriere, den vielen Menschen, die er traf und den Abenteuern, die er bestand, verblüffen die Kontinuitäten im Leben des Michael Jürgs. Er verstand den Begriff des Bürgers im klassischen, athenischen Sinne, als einer, der spazieren geht und mit den Nachbarn redet. Sein Motto, "mit Worten die Welt verändern", das praktizierte er auch im persönlichen Dialog auf dem Isemarkt: Jürgs war ein Bürger des Hamburger Stadtteils Eppendorf und konnte allein anhand der Entwicklung der Isestraße durch die Jahrzehnte eine Geschichte Deutschlands skizzieren.

Er saß dann auf seinem Sofa, unter den zauberhaften, ein wenig rätselhaften Bildern seiner Frau - Naturbetrachtungen, die dem Betrachter suggerieren, dass es in der Welt und jenseits davon auch noch etwas anderes gibt außer Politik und Presse, Macht und Geschichte. Auch diese poetische, suchende Dimension war Teil des Lebens von Michael Jürgs, der nun im Alter von 74 Jahren verstorben ist: Er war bis zuletzt auf wenig mehr stolz als darauf, den größten und schönsten Teil davon an der Seite seines Sohnes und seiner Frau verbracht zu haben.



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mirage122 05.07.2019
1. Neulich in der U-Bahn
Ich bin sehr verwundert über den Tod von Michael Jürgs, weil ich das Gefühl habe, ihn doch "erst gestern" in der U-Bahn getroffen zu haben. Er stand auf, um einer jungen Frau Platz zu machen. Eine Erkrankung war von außen hin nicht erkennbar. Oder vielleicht ist es doch schon viel, viel länger her? Michael Jürgs war ein Vollblut-Journalist der alten Schule - und er liebte seinen Beruf. Das war klar erkennbar an dem, was er selbst zu berichten hatte. Er sollte immer ein Vorbild bleiben für viele junge Kollegen, die ihren Job aus Notwendigkeit verrichten - oder einfach nur ihre Medien-Macht auszuüben. Vielen Dank,Michael Jürgs and rest in peace!
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