Lars Eidinger in "Tartuffe" Beten, baggern, absahnen

Geliebter Heuchler: Michael Thalheimer inszeniert Molières "Tartuffe" in Berlin als formstrenges Spießer-Bashing - mit einem fulminanten Lars Eidinger in der Titelrolle.

Katrin Ribbe

Von Christine Wahl


"Mein Beruf ist wie Sex." Für solche sympathisch offenherzigen Statements kennen und lieben wir den Schauspieler Lars Eidinger. Wer den Theater- und Filmstar aber auch endlich mal als ultimativen Heilsbringer erleben möchte, bekommt jetzt in der Berliner Schaubühne seine Chance. In "Tartuffe", Molières Heuchler- und Spießerkomödie aus dem Jahr 1664, tritt Eidinger als verzottelter Jesus-Verschnitt auf. Die Heilige Schrift in den Oberkörper eintätowiert, predigt er Enthaltsamkeit, Nächstenliebe und das Streben nach Höherem von der Bühnenkanzel herab.

Interessant ist das nicht nur für Erlösungswillige, sondern auch für Schauspielfans. Die können in der formstrengen Inszenierung von Michael Thalheimer nämlich eine seltene Facette an Eidinger entdecken: Während er in den meisten anderen Rollen, zum Beispiel als verrückter Dänenprinz Hamlet, manisch-extrovertiert über die Bühne rast und weder Kollegen noch Deko-Leuchter vor ihm sicher sind, spielt er den Tartuffe vergleichsweise zurückgenommen.

Molières Titelheld ist ein religiösen Schleimer, dem es problemlos gelingt, sich als Dauergast ins Haus des Wohlstandsbürgers Orgon einzuschleichen. Denn dieser schlicht gestrickte Patriarch ist sehr empfänglich für die frommen Botschaften, die Tartuffe auf Schritt und Tritt ungefragt aussendet. Dass der Heuchler, der ständig den materiellen Verzicht predigt, zum Frühstück gerade zwei Rebhühner verschlungen und sich anschließend noch eine Hammelkeule bestellt hat, irritiert Orgon nicht im Mindesten. Denn wer weiß schon, ob die Dienerin Dorine, die dem Hausherrn von dieser Fressorgie berichtet, überhaupt die Wahrheit sagt?

Beten und Anbaggern

Außer Orgon und seiner devoten Mutter hat sich schließlich die komplette Familie gegen den Gast verschworen. Und je verzweifelter Orgons Frau Elmire und seine Kinder Damis und Mariane versuchen, den Hausherrn von Tartuffes Scheinheiligkeit zu überzeugen, desto entschiedener stellt der sich hinter ihn. Die Verblendung geht sogar so weit, dass der dümmliche Spießer dem frömmelnden Erbschleicher, der zudem schamlos an seiner Frau herumbaggert, seinen kompletten Besitz überschreibt.

Zu Molières Zeiten taugte diese Kritik an der gnadenlosen Vorteilsnahme unter religiösem Deckmantel für einen veritablen Skandal: Das Drama wurde verboten. Besonders religiöse Eiferer forderten für den Autor sogar den Scheiterhaufen. Seine Kraft als Enthüllungsstory hat das Stück über die Jahrhunderte eingebüßt: Dass die Vorspiegelung falscher Tatsachen ein erfolgreiches Karrieremodell ist und auch Hedonisten mit Enthaltsamkeitsratgebern ordentlich Geld verdienen können, so lange sie gut geschrieben sind, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben.

Entsprechend kehrt der Regisseur Michael Thalheimer die Verhältnisse denn auch gewissermaßen um. Orgons Familie - bei Molière der Checker-Clan, der Tartuffes Machenschaften von Anfang an durchschaut -, ist hier ein gnadenlos dämlicher Zombie-Verein. Mit schütterem, strähnigen Langhaar und weiß geschminkten Gesichtern schleichen die Wohlstandsbürger an die Rampe in Olaf Altmanns spektakulärem Bühnenkasten, der in eine drehbare Wand eingelassen ist und im Laufe des Abends mehrfach um die eigene Achse rotieren wird.

Vaters Verschacherungspläne

Hausvater Orgon (Ingo Hülsmann) hat sich seinem Idol via Jesus-Frisur optisch bereits ein Stückweit angeglichen und donnert der Familie mit der Körpersprache eines Orang-Utans seine Pläne entgegen: Tochter Mariane (Luise Wolfram) soll den ihr verhassten Tartuffe heiraten, befiehlt der Patriarch vom einzigen Bühnenmöbelstück aus, einem mittig vor spartanischem Kreuz platzierten Lederthron.

Das einfältige Kind quittiert diese Hiobsbotschaft mit präpubertärem Schmollmund und spastischen Zuckungen wie eine außer Kontrolle geratene Marionette, während sich ihr Bruder (Franz Hartwig) als angefetteter Butterkeksfresser an der sakral goldschimmernden Bühnenkastenwand herumdrückt. Sich für ihren wirklichen Geliebten Valère (Tilman Strauß) in die Bresche zu schlagen, fällt Mariane noch nicht mal im Traum ein.

Als der allerdings kurz darauf selbst weinerlich und x-beinig an die Rampe stolpert, kann man das mangelnde Engagement seiner Angebeteten völlig verstehen: Die väterlichen Verschacherungspläne bringen zwischen Mariane und Valère derart fundamentale Beziehungsmissverständnisse zutage, dass das Paar dem Tartuffe für die vorläufige Hochzeitsvereitelung eher dankbar sein sollte.

Und auch Orgons Gattin Elmire (Regine Zimmermann) scheint Tartuffes forscher Griff unter ihr silbriges Satinkleid gar nicht ganz ungelegen zu kommen. Wenn selbst die taffe Dienerin Dorine (Judith Engel) von einem leichten sexuellen Übergriff des Hausfeinds derart beseelt ist, dass sie fortan auf ihre lustigen Tartuffe-Enthüllungen verzichtet und am Schluss lieber selbst religiöse Botschaften vom Stapel lässt, ist klar: Bei Michael Thalheimer braucht Tartuffe gar nicht zu heucheln. Denn die abgrundtief verdreckte, verdorbene und orientierungslose Zombie-Gesellschaft, die sich hier versammelt hat, will nicht enthüllen, sondern erlöst werden.

Schließlich reüssiert Eidingers Tartuffe unter diesen Scheintoten als einzige vitale Figur. Er spielt seine Rolle denn auch klar und offen. Zwar scheint diese Lesart ab und an mal etwas mit der Textvorlage zu kollidieren. Aber wie sagt Orgons Mutter Frau Pernelle doch am Ende so schön, als alle Beweise unzweideutig auf dem Tisch liegen: "Man darf nicht alles glauben, was man sieht!"



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