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Architektur-Ausstellung: Ausgerechnet Krefeld

Foto: Philip Lethen

Mies-van-der-Rohe-Ausstellung Als die Avantgarde nach Krefeld kam

Während der neu gegründeten Krefelder Architekturtage können Besucher zwei Villen des Stararchitekten Mies van der Rohe besichtigen - und sich darüber informieren, wie Krefeld zur Avantgarde-Architektur kam.

Am kommenden Wochenende veranstalten die Kunstmuseen Krefeld zum zweiten Mal die Krefelder Architekturtage. MEHR MIES heißt das neue Projekt, in dessen Mittelpunkt das von Mies van der Rohe gebaute Villenensemble Haus Lange und Haus Esters steht.

Seit 1955 gehört Haus Lange und seit 1981 Haus Esters als Ausstellungsgebäude zu den Krefelder Kunstmuseen, beide Villen waren ursprünglich als nebeneinander stehende, aber autonome Wohnhäuser für die Krefelder Seidenfabrikanten und Freunde Hermann Lange und Josef Esters und deren Familien gebaut worden. 1927 hatte Mies van der Rohe seinen Bauherren die ersten Entwurfszeichnung vorgelegt, 1930 wurden die Häuser bezogen.

Bei den Architekturtagen im Februar dieses Jahres kamen immerhin 350 Besucher zu den Führungen durch die Villen. Die kann man zwar auch sonst betreten, weil dort Ausstellungen zeitgenössischer Kunst stattfinden, aber die meisten ehemaligen Wohnräume sind während eines Museumsbesuchs geschlossen. Anders am kommenden Wochenende. Alle Räume der kubischen Backsteinvillen stehen offen, und es gibt ein Programm: Als "Attraktion" wird die gerade restaurierte Hebefensteranlage vorgeführt, die von Mies geplanten parkartigen Gärten können besichtigt werden. Es gibt einen Workshop für Kinder und die Premiere zweier Filme von Helge Drafz und Mic Thiemann. Der kürzere dreht sich um die Häuser Lange und Esters, der zweite, 52 Minuten lang, hat den Titel "Ludwig Mies van der Rohe in Krefeld".

Wie Mies als noch unbekannter Architekt ausgerechnet in Krefeld mit ersten und später mit erstaunlich vielen Entwürfen und deren Ausführung beauftragt wurde, ist auch das Thema eines Vortrages am Freitag um 19 Uhr. Dann präsentiert Christiane Lange, Kunsthistorikerin und Urenkelin des Bauherrn und Unternehmers Hermann Lange, ihr neues Buch "Ludwig Mies van der Rohe - Architektur für die Seidenindustrie", das auf deutsch und auf englisch erscheint. Darin beschreibt sie detailliert die einzelnen Krefelder Projekte und beantwortet auch die Frage, wie es zu dieser "ungewöhnlichen und dauerhaften Zusammenarbeit zwischen dem Berliner Avantgarde-Architekten und einem Kreis kunstinteressierter, reformorientierter Industrieller in Krefeld kommen konnte".

Die Neuerfindung des Mies van der Rohe

Denn Haus Lange und Haus Esters waren nicht die einzigen Gebäude, die Mies in Krefeld, dem Zentrum der Seidenindustrie, plante und baute. Schon 1927 hatte er für Krefelder Auftraggeber zusammen mit Lilly Reich große, avantgardistische Messestände entworfen und ausgeführt. Er baute ein Fabrikgebäude mit Halle (1930-31/35), realisierte zusammen mit Reich 1930 eine Wohnungseinrichtung für die Tochter des Fabrikanten Lange und entwarf einen späteren Verwaltungsbau (1937/38) für die Vereinigten Seidenwebereien AG. Außerdem reichte er 1930 einen wunderbaren Entwurf für ein Clubhaus des Krefelder Golfclubs ein und war am Entwurf für das Wohnhaus Heusgen (1932) beteiligt.

Christiane Lange beschreibt wunderbar das Umfeld des reichen, selbstbewussten Bürgertums in Krefeld, zu dem ihr charismatischer Urgroßvater Hermann Lange gehörte. Der war nicht nur Unternehmer und "wirtschaftspolitischer Akteur", sondern kannte die damals legendäre Berliner Galerienszene und sammelte Kunst von Wassily Kandinsky, Wilhelm Lehmbruck, Franz Marc und August Macke und von den Kubisten Picasso, Gris, Braque und Léger, die er großzügig für Ausstellungen verlieh. Bei allem Engagement agierte Lange nie allein und selbstzufrieden, sondern arbeitete zusammen mit dem Deutschen Werkbund, gründete in Krefeld den Verein "Neue Kunst" und den Golfclub.

Durch sein kulturelles Engagement war Lange 1922/23 auf Mies' Entwürfe in der jährlichen "Großen Berliner Kunstausstellung" gestoßen. Damals hatte sich Mies persönlich und künstlerisch neu erfunden. Er hatte sich von seiner Familie getrennt und sich der Novembergruppe angeschlossen, mit der er ausstellte. Seinem Namen Ludwig Mies fügte er den Namen seiner Mutter "Rohe" hinzu, verbunden mit dem frei erfundenen "van der". Zwar baute er noch immer repräsentative Villen, entwarf aber auch zukunftsweisende Modelle für Häuser und Hochhäuser in Backstein, Eisenbeton und Glas, die er in Ausstellungen zeigte. Endgültig schloss Mies die Ära seiner konventionellen frühen Architektur ab, als er 1926 alle alten Planungsunterlagen vernichtete.

1927 folgte der erste Auftrag aus Krefeld für den Messestand "Café Samt & Seide" in Berlin, der so verblüffend neu war, dass er heute noch an die derzeitigen Installationen zeitgenössischer Künstler erinnert.


Krefelder Architekturtage "Mehr Mies". Krefeld. Museum Haus Esters und Museum Haus Lange.  1.7.-3.7. und 30.9.-2.10. 2011.

Der Film "Ludwig Mies van der Rohe in Krefeld" von Helge Drafz und Mic Thiemann ist am 02. Juli 2011 ab 17:30 Uhr 24 Stunden lang kostenlos online abrufbar auf www.builtby.tv