Derweil im Migrationshintergrund Es brodelt in Kanakistan

Stärkt es die Demokratie, wenn Rassisten in Parlamenten und Medien zu Wort kommen? Wer das so sieht, ist wohl selbst von Hass und Hetze nicht betroffen. Bei denen, die es sind, wächst das Unverständnis - und die Wut.

Demonstration gegen Rassismus (in Bad Segeberg)
Daniel Bockwoldt/ DPA

Demonstration gegen Rassismus (in Bad Segeberg)

Eine Kolumne von


Ich sage in jüngster Zeit häufiger "wir Kanaken" oder "wir Känäx" (Kanaks, englisch ausgesprochen). Ich sage das an Stellen, wo ich früher "Menschen mit Migrationshintergrund" oder "aus Einwandererfamilien" verwendet hätte. Ich mag aber nicht länger so tun, als würde es ums Einwandern gehen. Was haben Kinder, die heute in der dritten Generation in Deutschland geboren sind, mit Migration zu tun? Am Ende des Tages geht es darum, zu welcher "ethnischen" Gruppe man gehört. Also fühlt sich Kanaken als Bezeichnung ehrlicher an als Migranten.

Viele Menschen mit Kanakenhintergrund sind alarmiert, weil sie öfter als sonst Nachrichten über mutmaßlich rechtsextreme Anschläge und Netzwerke hören. Ich finde, in Anbetracht der bedrohlichen politischen Lage legen Millionen von Menschen viel Ruhe und Gelassenheit an den Tag. Sie machen sich nicht bemerkbar. Doch die Ruhe ist nur oberflächlich. Innerlich brodelt es bei vielen. Sie sind wütend. Ich bin wütend.

Die Wut rührt nicht etwa daher, dass sich der braune Bodensatz inzwischen in allen Parlamenten wiederfindet und legitimiert fühlt. Der Zorn kommt vor allem wegen der Ignoranz der Mitte. Ich habe den Eindruck, Kanaken und die weiße politische Mitte - das sind zwei Welten, die gerade auseinanderdriften.

Ein Beispiel: Nur wenige Wochen nach dem antisemitischen und rassistischen Terroranschlag in Halle war das große Thema in sämtlichen Medien, dass sich viele Deutsche in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt fühlen. Keine Ahnung, in welcher Parallelgesellschaft diese Opfer der Meinungsfreiheit leben, aber spielt es denn gar keine Rolle, wie so eine Debatte bei Juden und anderen People of Color* ankommt, die in den vergangenen Jahren beobachtet haben, dass man den Holocaust relativieren oder Menschen als Parasiten bezeichnen kann, ohne dass das Konsequenzen hat?

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Oder nach den Wahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen, wo in manchen Gemeinden bis zu 40 Prozent der Einwohner die teilweise rechtsextreme AfD gewählt haben: Wie vielen Journalisten kam es in den Sinn, eine Migrantenorganisation in Ostdeutschland zu fragen, welche Unterstützung sie braucht? Stattdessen bleibt alles wie gehabt: In den Talkshows und anderen Medien diskutieren oft nur Menschen mit Privilegienhintergrund über den "Rechtsruck" und fragen sich, was los ist im Land.

Über die Daseinsberechtigung gibt es nichts zu diskutieren

Viele moderate Weiße nehmen das mit dem völkischen Gelaber offenbar sportlich. Sie sehen den rassifizierenden Nationalismus im Parlament und in den Medien als schmuddelige Herausforderung, die zu einer Demokratie nun mal dazu gehört. Im besten Fall sind sie empört. Menschen mit Rassismuserfahrung haben da einen ganz anderen Standpunkt: Sie erkennen darin einen Angriff auf ihre Person, ihre Familie, ihre Gruppe. Wir haben keine Lust, ergebnisoffene Debatten über unsere Daseinsberechtigung zu führen. Da gibt es nichts zu diskutieren.

Aber weil der Aufschrei nicht laut genug ist, merken viele nicht, wie sehr die Wut bei denen steigt, über die gesprochen wird. Dass immer mehr Menschen mit Kanakenhintergrund langsam die Schnauze voll haben. Vor Kurzem schrieb zum Beispiel der ARD-Journalist Richard C. Schneider in der "Zeit" einen Kommentar, in dem er erklärt, warum er als Jude nicht mehr in Deutschland leben will. Nicht wegen des rechtsterroristischen Anschlags von Halle, sondern wegen dem, was danach folgt:

"Wir Juden kennen das alles doch schon. [...] Es geschieht etwas, alle sind betroffen, ein paar Menschenketten, bei denen sich alle wohlfühlen können, alle versprechen, es werde 'nun wirklich' etwas getan - und dann geschieht wieder nichts." Schneider fragt: "Was also muss noch passieren, bis auch wir begreifen: Es reicht?"

Auch der Journalist Walid Nakschbandi schrieb dieses Jahr im "Tagesspiegel" einen Text, der es in sich hatte - eine Art Aufruf zum Aufstand:

"Liebe Muslime, ich adressiere euch jetzt ganz direkt: [...] Eure Tatenlosigkeit, eure Agonie, dieses apathische Verhalten machen alles nur noch schlimmer. Das, was auf deutschen Schulhöfen gilt, gilt im ganzen Leben: Wenn ihr euch keinen Respekt verschafft, dann bleibt ihr ewig die Verlierer. [...] Ihr habt jetzt 60 Jahre lang versucht, von den Deutschen geliebt zu werden. [...] Schluss mit der Anbiederei und dem Gehorsam."

Das schreibt nicht irgendein linksalternativer Aktivist, Nakschbandi ist Filmproduzent und Manager in der Holtzbrinck-Verlagsgruppe. Diese Wut, die da aus dem Text zu lesen ist, findet sich nicht nur in einzelnen Gruppen wie Muslimen oder Juden, wer will, kann sie auch bei Asiatischdeutschen, Kroatischdeutschen oder Afrodeutschen nachlesen. Auch Politikerinnen of Color, wie die Grünenvizepräsidentin des Landtags in Schleswig Holstein, Aminata Touré, äußern sich genervt:

In meinem privaten Umfeld merke ich das Brodeln bereits beim Smalltalk, wenn die Frage kommt, "und was ist dein Plan B für Deutschland?" Ich bin jedes Mal wieder erstaunt, wie viele schon eine Antwort darauf parat haben.

Vielleicht habe ich sie auch überhört, aber ich kenne keine einzige politische Ansprache, die das berücksichtigt und sich explizit an Deutsche of Color und Eingewanderte richtet. So etwas wie: "Keine Sorge, da wollen gerade ein paar Rechtsextreme Taten statt Worte walten lassen, aber wir dulden das nicht. Wir werden mit aller Härte des Rechtsstaats dagegen vorgehen." Ich sage es mal ganz pauschal: Wir Kanaken sind von den etablierten Parteien enttäuscht.

Also wächst langsam der Widerstand. Im Netz pöbeln unzählige Aktivisten selbstbewusst zurück, zum Beispiel unter dem Pseudonym "Migrantifa" oder "Quattromilf". In Erfurt haben postmigrantische Künstler das Kanakistan-Kollektiv gegründet und bringen ihr Unbehagen auf die Bühne. Das Maxim-Gorki-Theater in Berlin hat im Oktober eine Konferenz mit dem programmatischen Titel "De-heimatize Belonging" ausgerichtet und über all das geredet.

Konferenzen und Kommentare - das ist natürlich harmloser Protest. Deutschlands Minderheiten sind eben ziemlich brav. Noch nie sind sie auf die Barrikaden gegangen, es gab keine nennenswerten gewalttätigen Ausschreitungen, von denen man manchmal aus den USA, Großbritannien oder Frankreich hört. Das Schlimmste, was der politischen Mitte in Deutschland passieren kann, ist vermutlich, dass sich auch die ethnisch Abgehängten eine eigene politische Heimat suchen.

"Es galt lange Zeit als ungeschriebenes Gesetz, dass die Migranten in Deutschland viel zu heterogen seien, um eine Partei zu gründen. Das aber muss nicht ewig gelten", schrieb unlängst ein Kollege von der "Süddeutschen Zeitung", der das Brodeln in Kanakistan bemerkt hat.


* PoC sind alle, die als "anders" wahrgenommen werden und damit nicht als "weiß" (=deutsch, christlich, europäisch). Es geht dabei nicht um die Beschreibung von Hautfarben - auch hellhäutige Frauen mit Kopftuch oder Männer mit Kippa sind of Color und nicht weiß.



insgesamt 213 Beiträge
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Seite 1
starryk 28.11.2019
1. Vorschäge für Maßnahmen
Was mir in dieser Debatte extrem fehlt, sind echte Vorschläge, was man denn tun kann, um die Situation zu verbessern. Meines Erachtens kann man Rassismus nur wirksam bekämpfen, in dem man sich gegenseitig offen begegnet und lernt dass wir alle auch nur Menschen sind dem anderen das Streben nach seinem persönlichen Glück gönnen und ihn nicht eine andere Lebensweise aufzwingen wollen. Es hat schon seinen Grund warum die Fremdenfeindlichkeit dort am höchsten ist, wo es am wenigsten 'Fremde' gibt. Es fehlen einfach diese positiven persönlichen Erfahrungen. Alle als Rassisten zu bezeichnen die irgend ein belastetes Wort benutzen, bringt keinen dabei weiter. Das letze was wir brauchen, ist ein Kampf zwischen Weißen und PoC in Deutschland, Davon wird kein echter Rassist bekehrt, aber Menschen, die keine Rassisten sind, könnten dadurch welche werden. Wir Menschen neigen nun mal zum Gruppendenken und dem wir gegen die. Das sollte man nicht befördern, indem man alle Weißen in eine Gruppe steckt und alle PoC in eine andere. Dadurch kann es nur schlimmer werden.
kuebel 28.11.2019
2. Mühlen der Gerechtigkeit.
Tja, die Mühlen der Gerechtigkeit mahlen langsam. Ich stimme daher zu, dass gefühlt zuwenig gegen Rassismus unternommen wird (auch und vor allem vom Rechtsstaat) Es ist tatsächlich unverständlich, wenn Kinder der dritten Generation sich mit Rassismusproblemen herumschlagen müssen, wo wir doch eigentlich ganz andere Probleme haben. Als Privatperson kann man hauptsächlich im eigenen Bekanntenkreis auf das Problem aufmerksam machen oder Leute darauf ansprechen, wenn sie sich entsprechend äußern.
mitte50 ist ende 28.11.2019
3. engagiert euch!
Wählen alleine reicht nicht, Ihr (oder WIR.... wie deutsch bin ich mit meinem zugegeben lange zurückliegenden Migrationshintergrund?) müsst selbst vorne stehen, geht in die Politik, werdet beruflich erfolgreich, geht in die Bundeswehr, geht ins Fernsehen und die Medien!
Hans.Meier 28.11.2019
4. Danke für diesen Artikel!
Menschen mit Privilegienhintergrund! Das muss ich mir merken. Ihr Artikel ist voll von messerscharfen Analysen und Rassismus entlarvenden Begriffen, die deren Urspungswort auf den Kopf stellen. Besonders eindrücklich finde ich den Satz, dass es keine Diskussion über die eigene Daseinsberechtigung geben darf, die allerortens nun en Vogue geworden ist. Auch machen Sie deutlich, dass es keine einsame Stimme im Walde ist, sondern viele verschiedene Aktivisten und Journalisten bereits bemerkt haben - nur die Mitte noch nicht! Die, die nicht betroffen sind, machen es sich immer leicht oder intellektualisieren das Problem einfach nur.
Klaus.Freitag 28.11.2019
5. Halbkanacke
Als Halbkanacke -in den 60iger Jahren geboren damals hieß das noch "Rassenschande" und meine Mutter, mit einem Palästinenser liiert, war das "Perserflittchen"(?) - liebe ich Ihre Kolumnen.
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