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10. Oktober 2013, 17:49 Uhr

Kritik an Cyrus' Nacktvideo

Von Porno keine Spur

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Pornografie! Prostitution! Miley Cyrus zeigt sich in ihrem neuesten Video nackt, leckt an Werkzeug - und wird dafür von Sinead O'Connor und Annie Lennox gescholten. Doch die Empörung der mütterlichen Mahnerinnen speist sich aus Irrtümern und Vorurteilen.

Das Abendland steht quasi kurz vor seinem Untergang: Von der gefährlichen Pornografisierung der Gesellschaft durch zunehmend freizügige Videoclips kann man in offenen Briefen lesen, die Sinead O'Connor und jüngst auch Annie Lennox an die Popsängerin Miley Cyrus schrieben, und in denen sie "als Mütter" und als erwachsene Frauen schwer an der stilistischen Angewohnheit der 20-Jährigen rütteln, sich erstens leicht bekleidet oder nackt (allerdings mit Verstecken der Primär- und Sekundärgeschlechtsmerkmale) und zweitens aufreizend in Videos und auf Live-Bühnen zu zeigen.

Laut Lennox müsse man sich wegen einer "Übersexualisierung" durch manche Videos Sorgen machen, die ehemalige Eurythmics-Sängerin warf neben anderen Künstlerinnen auch Cyrus vor, frauenfeindlich zu sein. Sinead O'Connor warnte die Kollegin davor, dass ihr "eigentliches Talent" durch solche Shows und Posen verschleiert würde, und hielt ihr vor, die Botschaft auszusenden, "dass es cool sei, von den Profiteuren der Musikindustrie prostituiert zu werden".

"Ekelerregendes" Hüft- und Busenwackeln

Auch andere "Showkollegen", vermeldeten zuerst die us-amerikanischen, und dann zumeist unkommentiert die europäischen Medien, rückten angeblich von Miley ab, schämen sich für sie und finden ihr Hüft- und Busenwackeln "ekelerregend".

Mehrere Äußerungen in dieser Diskussion, die man nie als überflüssig bezeichnen darf, weil sie - trotz fragwürdiger Ansichten - zur Bewusstmachung von Genderaspekten in unserer Gesellschaft wichtig ist, erinnern dabei fatal an die schockierten Mienen von dem Wirtschaftswunder entstammenden Passanten, die in hübschen schwarz-weißen Dokumentarfilmen aus den sechziger Jahren ihre Meinung zu den neuen Miniröcken kundtun sollen, und sinngemäß das Gleiche wie Lennox ausdrücken. Denn mit Pornografie oder gar mit Prostitution, Schlagworte, die sowohl Lennox als auch O'Connor in ihre Texte einstreuen, hat ein Videoclip wie "Wrecking Ball", in dem Cyrus auf der im Refrain besungenen Abrissbirne hin- und herschaukelt, absolut gar nichts zu tun.

Für Pornografie gibt es in Deutschland eine eindeutige (und auch in Großbritannien eine einigermaßen klare) Definition, und kann man zwar gewiss darüber streiten, ob sie zureichend ist, muss man dennoch fürs Erste mit ihr vorlieb nehmen. Wobei nicht vergessen werden darf, dass diese Definitionen immer wieder der Anpassung an eine sich ändernde Gesellschaft bedürfen.

Juristisch betrachtet ist eine Darstellung dann pornografisch, wenn "ausschließlich oder überwiegend das Ziel verfolgt wird, den Betrachter sexuell zu stimulieren, sämtliche zwischenmenschlichen Bezüge müssen ausgeklammert sein. Es geht um die Verabsolutierung des sexuellen Lustgewinns. Auf der bildlichen Ebene geht es um die grob anreißerische Darstellung des Geschlechtlichen."

Masturbationsvorlage für Werkzeugfetischisten

Die gefühlten drei halben Bilder, in der Miley in ihrem albernen Video am Vorschlaghammer leckt, reichen also genauso wenig aus, wie ihre Minihöschen oder das Fehlen derselben: Im Song "Wrecking Ball" geht es um eine beendete Beziehung, Cyrus weint und greint schließlich darob. Und garantiert gibt es Menschen (Werkzeugfetischisten?), die den Clip als Masturbationsvorlage nutzen, aber vermutlich findet sich ohnehin kein einziges Abbild eines Menschen, das nicht irgendjemanden mit spezieller Vorliebe anmacht.

Auch die vor allem von O'Connor geäußerte Meinung, Cyrus würde sich durch ihre Posen prostituieren, und davon profitierten alle Männer um sie herum als Zuhälter, greift als umfassende Kritik am Musiksystem zu kurz: Absolut jeder Mensch, egal ob mit seinen Vorzügen in der Hose, der Bluse oder im Kopf, der seine Kunst und Kreativität mit Hilfe der Industrie an die Öffentlichkeit bringen will, lässt sich in gewisser Art und Weise ausnutzen, nutzt aber das übliche Kunst-Verbreitungssystem im besten Falle ebenfalls aus: Showbusiness bedeutet, dass mit Menschen Geld gemacht wird.

Dass O'Connor und Lennox sich "als Mütter" Sorgen um ihre Kinder machen, die durch das angeblich neuerlich zu stark sexualisierte Image von Vorbild-Popstars Probleme bekommen, ist ein zwar verständlicher, aber rein subjektiver und zumindest in der Verhaltensforschung bislang noch nicht bestätigter Eindruck: Wenn man das Sexualverhalten von kessen Teens in den fünfziger und sechziger Jahren mit dem der heutigen Sozialnetzwerker vergleicht, schneiden die ehemaligen Backfische in puncto Selbstbestimmtheit, Aufklärung und Spaß am Sex nicht besser ab.

Eltern sind keine besseren Menschen

Abgesehen davon gab es die Diskussionen um zu nackige Stars schon, seit Hedy Lamarr 1933 in "Ekstase" barbusig baden ging. Grace Jones zeigte einst skandalträchtig ihr Fernfahrerdekolleté im Fernsehen, Janet Jackson ihre - sogar schamhaft verhüllten - Nippel, Madonna hat sich in ihrer gesamten Karriere immer wieder mit solcherlei Vorwürfen auseinandergesetzt, Chers Achtziger-Jahre-Strumpfhosenoutfit ist ihr heute noch nicht peinlich, und vor kurzem war noch Christina Aguilera die schändliche Popnudel mit dem Mikromini.

Man kann die Argumente von Lennox und Co. dennoch in Teilen nachvollziehen, egal, ob "als Mutter" - das Elternsein qualifiziert einen schließlich nicht per se zum urteilsstärkeren Moralapostel - oder einfach als Beobachter von Mode und Gesellschaft: Natürlich schauen Eltern scheel, wenn ihre Töchter sich mit 13 unter dem Nachahmer-Modeaspekt so anziehen, wie sich Eltern Prostituierte vorstellen (was landläufig oft ein wenig vom echten Prostituiertenstil abweicht, es sei denn, es sind gerade Neon-Stretchanzüge und Plateaus in). Über Sinn und Unsinn von Prostitution kann man ebenfalls trefflich diskutieren, allerdings ist das eine andere Geschichte.

Das eigentliche Problem ist die Musik

Aber dass ihre Töchter nach dem Konsum von Cyrus-Clips sofort in knappen fünf Zentimeter Stoff losgehen, und entweder in schlecht bezahlten Pornos mitspielen oder sich anderweitig ausnutzen lassen wollen, dafür gibt es keine Beweise. Neben der langweiligen Miley Cyrus taugen je nach Gusto schließlich noch andere Popstars zum Identifizieren, Bewundern oder Nachahmen, egal, ob Beth Ditto, Kelis oder Lady Gaga.

Und solange Cyrus-artige Sternchen eigentlich doch immer entweder von der großen Liebe (wie in "Wrecking Ball") oder der juvenilen Lust an der Gegenkultur, am lustvollen Schockieren der Älteren singen (wie in "We can't stop", in dem sie verbal und bildlich jene momentan geäußerten Vorwürfe vorwegnimmt), sollten sich Mrs. Lennox und Mrs. O'Connor beruhigen.

Es ist eh komisch, dass auch O'Connor sich nicht lieber über die Qualität der Popsongs aufregt, die Cyrus andauernd plärrt. Die ist nachhaltig viel schlimmer als der hautfarbene Minibikini.

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