Misstrauen gegen "Medien Tenor" ARD und ZDF lehnen Auszeichnungen ab

Das Bonner Forschungsinstitut "Medien Tenor" sparte in den vergangenen Monaten nicht an Kritik am Programm der öffentlich-rechtlichen TV-Sender. ARD und ZDF rächen sich auf ihre Weise: Die gestern an sie verliehenen "Reform Media Awards" des Instituts wiesen sie zurück und stellen die Methodik der Medienforscher in Frage.


Berlin - In feierlicher Atmosphäre wollte das Forschungsinstitut "Medien Tenor" am Donnerstagabend vor rund 200 geladenen Gästen auf dem Bonner Petersberg führende deutsche Medien für ihre kompetente Berichterstattung auszeichnen. Doch einige der Preisträger wollen den "Reform Media Award" gar nicht haben. ARD und ZDF, die in der Vergangenheit stark in der Kritik der Forscher standen, lehnten die Auszeichnung ab.

In der jüngeren Vergangenheit habe es oft genug Anlass gegeben, an den Basisdaten und deren unvoreingenommener Interpretation durch "Medien Tenor" zu zweifeln, begründete das ZDF die Ablehnung. "Einen Preis des 'Medien Tenor' stellt man sich nicht auf den Schreibtisch", sagte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender gegenüber der Nachrichtenagentur ddp.

Die ARD wusste offenbar gar nichts von den Ehren. "Wir haben nicht gehört, dass wir einen Preis erhalten sollen. Hätten wir es gewusst, hätten wir ihn nicht angenommen", sagte ARD-Sprecher Björn Staschen. Auch bei der ARD hegt man Zweifel, dass die Forschungsergebnisse den Medienrealitäten entsprechen.

"Wir sind verwundert"


Bei "Medien Tenor" gab man sich unterdessen gelassen. "Wir sind verwundert, weil die anderen Medien den Preis angenommen haben", sagte Geschäftsführer Wolfgang Stock. Bisher sei noch niemand auf die Idee gekommen, eine Auszeichnung des Instituts abzulehnen.

Tatsächlich gab es in der jüngsten Vergangenheit viele Rügen von "Medien Tenor" für die öffentlich-rechtlichen Sender. Im Mai kritisierte das Institut, dass ARD und ZDF die politischen Hauptnachrichten vorrangig aus Sicht der Regierung präsentierten. Außerdem kämen die Berichterstattung über die Europäische Union, insbesondere die EU-Osterweiterung, und über den Föderalismus zu kurz, bemängelte Stock damals.

Zudem kritisierte er, dass ARD und ZDF das Wirtschaftsleben in den Nachrichtensendungen vor allem anhand der Frankfurter Börse darstellten. Während der Fußballeuropameisterschaft im Sommer warf "Medien Tenor" den Öffentlich-Rechtlichen vor, politische und wirtschaftliche Themen zu vernachlässigen.

"Verschwommene Datenbasis"


ZDF-Chefredakteur Brender nannte die Datenbasis "verschwommen" und die Methoden "kaum nachvollziehbar". Dadurch, dass "Medien Tenor" nur die Hauptnachrichtensendungen untersuche und das restliche Programm außen vor lasse, entstehe ein völlig schiefes Bild, kritisierte ZDF-Sprecher Walter Kehr. Bei der Berichterstattung über die EU-Osterweiterung seien eigene Sendungen zu diesem Thema bei der Bewertung überhaupt nicht beachtet worden.

"Wir sprechen ja bewusst nicht vom ganzen Programm, sondern nur von den Nachrichtensendungen und den politischen und Wirtschaftsmagazinen", konterte Stock. Schließlich informierten sich viele Menschen vor allem durch diese Sendungen, begründete er das Vorgehen. "Wir sind uns sicher, dass unsere Methode sehr ausgereift ist, das haben uns Wissenschaftler bestätigt", fügte er hinzu.

Die ARD sieht das anders: "Wir haben unabhängige Wissenschaftler aus Köln, Hannover und Hamburg sowie unsere eigenen Medienforscher um eine Einschätzung der Untersuchung von Medien-Tenor gebeten", erklärte ARD-Sprecher Martin Gartzke. "Das übereinstimmende Fazit: Mit der Programmwirklichkeit haben die so genannten Forschungsergebnisse von 'Medien-Tenor' wenig zu tun. Die von 'Medien-Tenor' angewandte Methodik ist nicht transparent, Daten werden selektiv und interessengeleitet interpretiert. Nach Überzeugung der von uns befragten Experten sind die Ergebnisse wissenschaftlich angreifbar, sie lassen sich offenbar bis ins Detail widerlegen."

Auszeichnungen auch für "Zeit" und "Welt"


Die öffentlich-rechtlichen Sender sollten den "Reform Media Award", der in Kooperation mit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ins Leben gerufen wurde, für ihre Berichterstattung über Reformthemen in den Sendungen "Tagesthemen" (ARD), "heute journal" (ZDF) und "Berlin direkt" (ZDF) erhalten.

Die Auszeichnung ging außerdem an die Wochenzeitung "Die Zeit" und die Tageszeitung "Die Welt". "Die Journalisten der prämierten Medien haben die Menschen am intensivsten und vielseitigsten über die wichtigen Reformthemen Rente, Gesundheit, Arbeitsmarkt, Bildung, Haushalt und Steuern informiert", begründete Wolfgang Stock die Auszeichnungen der beiden Blätter.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("FAZ") wurde zum "Agenda Setter of the Year" gekürt. Die "FAZ" habe bei den Themen Rechtschreibreform und demografischer Wandel wichtige Impulse gesetzt, begründete das Institut die Entscheidung.

Das nach eigenen Angaben private unabhängige Institut Medien Tenor bezeichnet sich als "international einziges Medienforschungsinstitut, das kontinuierlich und umfassend klassische und neue Medien anhand eines wissenschaftlichen Analysekatalogs analysiert". Der Sitz des Unternehmens, das rund 225 Mitarbeiter beschäftigt, ist Bonn. In Deutschland wertet es eigenen Angaben zufolge täglich die Politik- und Wirtschaftsnachrichten aller bedeutenden Zeitungen und TV-Nachrichtensendungen aus.



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