Bierbichler-Inszenierung in München Die Erde ist keine Heimat

Die Vorlage zertrümmert mit derbem Humor Idyllen - doch auf der Bühne ist die Welt von Josef Bierbichlers Roman ein einziges Jammertal. Anna-Sophie Mahler inszeniert "Mittelreich" als Musiktheater an den Münchner Kammerspielen.

Judith Buss

In Johannes Brahms' "Deutschem Requiem" wird viel vom Trost gesungen. Den Leidtragenden, die um einen Dahingegangenen trauern, wird er zugesprochen, ihr Schmerz soll durch die Musik und die Worte gelindert werden. Denn sie müssen weiter leben, sie müssen den Verlust verkraften, sich aufrappeln und ihre Existenz durchstehen - bis sie selber dran sind: "Ich will euch wiedersehen", raunt es versprechend aus dem Jenseits. Einstweilen muss aber noch der Glaube daran über die schwere Zeit helfen.

Das "Brahmsrequiem" wird in Josef Bierbichlers Roman "Mittelreich" erst auf den vorletzten Seiten beiläufig erwähnt: Es erklingt bei der Beerdigung des alten Seewirts, und zwar "auf eine Länge von mehr als einer Stunde gedehnt". Mehr Qual als Labsal für die Trauergemeinde anscheinend.

Durch Anna-Sophie Mahlers Bühnenbearbeitung und Inszenierung des Buches an den Münchner Kammerspielen zieht sich diese zwischen Todessehnsucht und Lebenstrotz oszillierende Musik allerdings wie ein sakraler Geduldsfaden und zwingt die Erzählung in ein gar liturgisches Korsett.

Das hat (gesungen vom Jungen Vokalensemble München und sogar von den Schauspielern selber) bisweilen bombastisch aufrüttelnde Kraft, dann wieder lyrischen Schmelz, das mahnt bedrohlich und salbt gleich wieder die Seele, erschüttert und berührt - nur, warum dieses gemütslastige Deutsche Requiem so bestimmend in einer rustikalen urbayerischen Geschichte?

Zu vermuten ist, dass Mahler (sie hat bisher vornehmlich Musiktheater gemacht) ganz verbissen der Gefahr entgehen wollte, hier etwas allzu Bodenständiges auf die Bühne zu bringen.

Was die Weltgeschichte beim Seewirt anrichtet

Denn "Mittelreich" ist vor allem zunächst einmal ein Heimatroman, auch wenn man da ein "Anti" vorschalten muss, weil der schreibende Schauspieler Bierbichler (dessen eigene Biografie sehr viel mit dem Schauplatz des Romans gemein hat) in kraftvoller Sprache und mit galligem Humor Idyllen zertrümmert und hinter jeder Gemütlichkeit eine tödliche Gefahr ausmacht. Die Weltgeschichte, wie sie das Leben der einfachen Leute bestimmt und zerstört: Ein ganzes Jahrhundert hindurch und über Generationen hinweg wird die Familie des Seewirts am Starnberger See begleitet.

Das aber nicht in harmlosen Anekdoten, wie man sie sich abends gemütlich am Kachelofen erzählt; das sind eher bittere Erfahrungen aus und in zwei Kriegen, sind Berichte von Körper- und Seelenverkrüppelungen, von geistigen Umnachtungen und sexuellen Überschreitungen, von Missgunst, Rache, Angst.

Auch der Frieden sät nur Not und Neid, die Natur zerstört die mühsame Arbeit von Jahrzehnten, viehischer Trieb und sabbernde Gier siegen über die traut-verschämte Seelen- und Fleischesgemeinschaft, blind-barocker Glaube klebt wie alter Staub in den Herrgottswinkeln und der Tod hockt ungefragt mit am Tisch in der Stube und verführt zuverlässig die des Lebens Unfähigen und Überdrüssigen in irgendein jenseitiges Reich.

Starke Schauspieler beleben das Jammertal

In München wird aus dieser derb-ehrlichen Vorlage spröde Kunst gemacht. In permanenter Moll-Stimmung suchen die Figuren in starrer, abweisender Haltung erzählend und sich erinnernd Auswege aus ihren Lebenstrümmern und falschen Träumen und landen doch immer wieder bei ihren Notlügen, mit denen sie sich aus der Verantwortung vor Gott und den Resten ihrer kleinen Welt retten.

Der Seewirt, seine Frau, der Sohn, der Fremdarbeiter, das obskure Fräulein - sie alle pflegen introvertiert ihren Schmerz und ihre Sünden. Und kommt einmal eine Vergangenheit, ein Vergehen, ein Versuch des Ausbruchs zur Sprache, dann wird es beängstigend still auf der Bühne, die Stimmen sacken ab ins Gemurmel, aus dem Orchestergraben tönt es anschwellend und der Chor greift machtvoll ein und verweist einmal mehr aufs rettende Gottesreich. "Die Erde ist keine Heimat", heißt es einmal, und tatsächlich versteht Anna-Sophie Mahler sie konsequent als einziges Jammertal, dezent gestaltet und ausgeleuchtet.

Duri Bischoff, der Bühnenbildner, hat ihr dafür einen kompakten Guckkasten gebaut: das Nebenzimmer der Wirtschaft, ungemütlich, karg, gerade frisch getüncht. Irgendwann öffnet sich hinten die Falt-Tür, und man sieht den gleichen Raum in einem früheren Jahrzehnt: schäbig, bröckelig. Aber die Räume existieren von da ab miteinander, die Zeiten überschneiden sich, aus der Vergangenheit ist kein Entkommen, wie die Gegenwart auch keine Sicherheit bietet.

Steven Scharf als Sohn Semi wagt immer wieder die Sprünge, geht suchend in der Geschichte vor und zurück: ein Zärtlichwütender, ein aus Liebe Aufbegehrender, der begreifen will und an der Verstocktheit seiner Familie scheitert; der Vater (Stefan Merki), ein melancholischer Selbstbetrüger; die Mutter (Annette Paulmann), eine herb-gütige Dulderin; der junge Semi (Thomas Hauser), labil und verstört.

Scharf wird am Ende ganz allein auf der Bühne stehen, die Toten sind abgewandert in den Orchestergraben, der ihr Grab ist. Das, was ihn noch erinnert an falsche Gewissheiten, versäumtes Glück und betrogene Hoffnung, tritt er mit dem Fuß ins Dunkel. "Nun Herr, wes soll ich mich trösten?", heißt es da gar nicht mehr so zuversichtlich bei Brahms.

"Mittelreich" ist sicherlich die beste unter den großen Neuproduktionen der ersten Spielzeit von Intendant Matthias Lilienthal. Vor allem aber zeigt sie, dass das, was die Kammerspiele schon immer auszeichnete, auch weiterhin ihr großes Plus sein kann: ein starkes, wunderbares Schauspieler-Ensemble.



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