"Moby Dick" im Hamburger Thalia Theater Rutschpartie mit Walblut

Ein großes Wasserschlacht-Spektakel eröffnet die Saison am Hamburger Thalia: Das ewige Regie-Talent Antú Romero Nunes inszeniert "Moby Dick" als Männerfreundschafts-Ding mit viel Action. Die philosophische Dimension des Romans? Bleibt ausgeklammert.

DPA

Das Leben kann so sinnlos sein. Man zieht sich an, man zieht sich aus, und zwischendurch muss man den Fußboden wischen. Und am nächsten Tag geht alles von vorne los.

So ergeht es auch den Männern auf der Pequod, dem Schiff, das unter dem Kommando von Kapitän Ahab dem legendären weißen Wal hinterherjagt. Zumindest in der Theaterfassung von "Moby Dick", die der Regisseur Antú Romero Nunes zur Saisoneröffnung am Hamburger Thalia Theater herausgebracht hat. Die Inszenierung ist, dem Thema angemessen, in weiten Teilen eine große Pritschelei in Blut und Wasser. Damit sich die acht Kerle auf der Bühne in den zweieinhalb pausenlosen Stunden, in denen sie allesamt fast durchgängig agieren, nicht erkälten und nicht ausrutschen, müssen sie sich mehrmals umziehen (was, netter Nebeneffekt, seine kokett ausgespielten sexy Momente hat) und immer wieder gründlich feudeln, bevor die nächste Runde der großen Wasserschlacht beginnen kann.

Die Lücken dazwischen wollen gefüllt werden, und so tritt der Schauspieler Jörg Pohl, ein großer Komiker und Akrobat, nach vorn und fängt an, im rappelnden Ton eines übereifrigen Abiturienten sein enzyklopädisches Wissen über den Wal zu referieren. Und als man denkt, was soll man mit dem ganzen unnützen Wissen, legt er erst richtig los und steigert sich in ein furioses, schier endloses Solo.

Für solche heiteren, nicht unbedingt sinnstiftenden Überraschungseffekte ist der Regisseur Nunes, 29, immer gut, genauso wie er es schafft - diesmal komplett ohne Videoeinsatz, nur mit Hilfe von Licht, Sound und dem Können seiner Schauspieler -, die Abläufe auf dem Schiff, die Routine des Tötens, die zunehmende Besessenheit der Männer plastisch werden zu lassen: Dreimal lässt er das durchspielen, vom Fangen des Wals bis zu seiner Verarbeitung, immer schneller, bis es im ganzen Parkett nach Kunstblut riecht.

Räuber und Gendarm auf hoher See

Aber das sind nur zehn von 150 Minuten. Zu gucken und zu staunen gibt es bei Nunes genug, das hat der Regisseur, der schon so lange als großes verspieltes Talent gilt, dass er Gefahr läuft, zum Routinier zu werden, bevor er dieses Versprechen eingelöst hat, drauf. Nur: Was genau sieht man da eigentlich? Man sieht Männerfreundschaft, Jungs beim Räuber-und-Gendarm-Spielen, deren kindliche Phantasie beim pantomimischen Tun einen beglücken würde, wenn es wirklich Jungs wären und keine erwachsenen Schauspieler. Man sieht eine gut trainierte, aufeinander eingeschworene Walsportgruppe (u.a. André Szymanski, Mirco Kreibich und Sebastian Zimmler); Ahab & Friends könnten sich morgen bei Abercrombie & Fitch bewerben. Man sieht Julian Greis, in einer merkwürdigen Traumsequenz als "Mann über Bord" unter der Decke schwebend, "Somewhere Over the Rainbow" singen.

Was man nicht sieht, ist die Hybris der Männer, ihre Angst, die Raserei des verwundeten Kapitäns Ahab. Dass der Wal mal eine Bedrohung und nicht eine bedrohte Tierart gewesen sein soll, wird nicht spürbar. Das alles kommt bei Nunes nur verbal vor, er hat die philosophische Ebene des Romans ausgeklammert und an den düsteren Anfang seiner Inszenierung gestellt, weitgehend ohne Verbindung zum nachfolgenden Action-Theater. Da sinnieren die acht Männer in Schwarz über die Farbe Weiß als Sinnbild für Unschuld wie für Tod und hinken gemeinsam über die Bühne: "Wir sind alle Ahab." Auch diese Entscheidung, die Individuen des Romans aufzulösen und zu einer weitgehend ununterscheidbaren Masse zu machen, ist unglücklich. Natürlich muss ein Regisseur nicht den gleichen Schwerpunkt haben wie der Autor des Romans, den er auf die Bühne stellt, aber man muss das dann auch nicht sehr tiefgründig finden.

Am Ende holt Nunes seiner Mannschaft Verstärkung auf die Bühne: Ein großer Männerchor redet laut und in babylonischer Sprachverwirrung durcheinander, man versteht nur "Moby Dick" - möglicherweise eine späte Reminiszenz an die internationale Truppe von Individuen, die Herman Melville im Roman auf der Pequod versammelt hat. Ein Donnergrollen kündigt das Unheil an, eine große senkrechte Fontäne - Wal, da bläst er! - wirbelt die Männer durcheinander, dann ist es dunkel und die Show vorbei.

Moby Dick. Thalia Theater Hamburg, nächste Vorstellungen am 18. und 28.9., Tel. 040/32 81 44 44, www.thalia-theater.de

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