Modephänomen "Rezessionista" Seriös ist das neue Sexy

Shopaholics und Fashionistas müssen den Gürtel enger schnallen - aber wenigstens hochwertig: Die Modeindustrie macht aus der Krise eine Tugend und erschafft einen neuen Frauentypus. Die "Rezessionista" kleidet sich edel und teuer, aber unauffällig.
Von Christina Hollstein

Die Fifth Avenue ist ihr Laufsteg. Im Takt ihrer Schritte wallen perfekte Locken über schmale Schultern. Das Make-up ist dinnertauglich, der Ausschnitt galareif, das Kleid oscarverdächtig. Schon mittags. "Rebecca Bloomwood - Kleid: Zac Posen, Gürtel: Old Vintage, Tasche: Gucci", ertönt eine Micky-Maus-Stimme. Sie gehört der Schauspielerin Isla Fischer, der Hauptdarstellerin des vor kurzem angelaufenen Kinofilms "Confessions of a Shopaholic". Sie ist eine aus Luxusmarken zusammengepuzzelte Kunstfigur. Charaktereigenschaften und Körpermerkmale zählen in ihrer Welt nicht.

Isla Fisher als "Shopaholic": Konsum war gestern

Isla Fisher als "Shopaholic": Konsum war gestern

Foto: REUTERS

Frauen wie Rebecca Bloomwood werden von der Modepresse gerne als "Fashionistas" bezeichnet. Sie beherrschten die Klatschmagazine, Anzeigenkampagnen und Prominentenpartys der vergangenen Jahre. Sie sind Konsumjunkies, die nach Glanz, Glamour und Gigantismus gieren. Förderinnen einer Welt, in der Handtaschen zu umhegten Statussymbolen mit dem Preis von Kleinwagen heranwuchsen. Berauscht vom Konsum als Selbstzweck, hält die Fashionista das soeben Erworbene längst schon wieder für zweitrangig: Mehr muss her! Sie ist das Sinnbild einer Dekade der Dekadenz, die Krönung einer Ära käuflicher Glücksillusionen. Einer Ära, die gerade zu Ende gegangen ist.

Denn die Krise hat längst auch die Modebranche erreicht. Berichte über schwindende Anzeigenkunden der Frauenmagazine und sinkende Absätze der Modeunternehmen, sowie über Hersteller, die den internationalen Fashion Weeks fern bleiben, quellen aus sämtlichen Wirtschaftsmagazinen. Stets prophezeien sie der Luxusbranche den Untergang. Denn: Rückt die Sorge um die nackte Existenz in den Vordergrund, so die einhellige Meinung, wird Verschwendungssucht zur Todsünde. Dem Hedonismus geht es an den Kragen. Und mit ihm der Fashionista.

Doch die Modeindustrie ist ein Chamäleon: Es ist ihre ureigene Stärke, sich stets zu wandeln und neu zu erfinden. So kann man derzeit beobachten, wie die Fashionista schon wieder aus den Trümmern der Krise emporsteigt. Allerdings hat sie sich umgezogen, und präsentiert sich im neuen Gewand und mit neuem Namen: als Rezessionista.

Sie wurde von Modedesignern, Modejournalisten und Modeindustrie als Antagonistin zur Fashionista konstruiert. Für die Rezessionista zählt Bescheidenheit. Innen wie außen. Und sie ist die Antwort auf sinkende Aktienkurse und panische Banker.

Sommer, Sonne, Spaß? Vorbei!

Ganz freiwillig kam der Wandel wohl nicht. Das "US Weekly Magazine" veröffentlichte kurz nach Ausbruch der Krise den Artikel "Recessionista, Hottest Jeans Under $50". Die Suche nach den heißesten Jeans für unter 50 Dollar - sieht so etwa die Auseinandersetzung der modernen Frau mit der Finanzkrise aus? Eine platte Idee, frei nach dem Motto: Nehmt unser Geld, aber nicht unseren Sexappeal!

Den Luxuskonzernen wird das gar nicht gefallen haben. Doch weil die Krise irgendwann nicht mehr zu leugnen war, fühlten auch die Designer der großen Modefirmen bald, dass die Zeit für einen Depressionsstil gekommen war.

Bedeutet das, dass Prada jetzt High Heels zu H&M-Preisen verkauft? Das wäre nun wirklich zu schön, um wahr zu sein. Stattdessen konzentrieren sich die Designer in ihren neuen Linien lieber auf edle und teure, aber unauffällige Klassiker. Sie sollen an Tradition und Beständigkeit der jeweiligen Marke erinnern und der Kundin in ihrem Bedürfnis nach Sicherheit und alten Werten entgegenkommen.

Prunk und Protz sind inzwischen verpönt. Miuccia Prada, Chefdesignerin des italienischen Familienunternehmens Prada, kreierte 2009 eine Frühjahr/Sommerkollektion, die exemplarisch für diesen neuen Stil ist. Dunkle Fliedertöne, beige-braunes Khaki und reichlich Schwarz dominieren die Farbwelt dieser Kollektion - keine Spur von den üblichen Sommer-Sonne-Spaß-Tönen. Hochgeschlossene Kaschmirpullover und brave Strickjäckchen erinnern eher an konservative Chefsekretärinnen als an Champagner schlürfende Partyhäschen.

Lässt sich an der Geburt der Rezessionista also auch ein neues Frauenideal erkennen? Immerhin verdient das Zusammenspiel aus Rezession und Mode eine nähere Betrachtung. Denn die Wirkung der Konjunkturlage auf Modetrends folgt einer langen Tradition.

Flapper ließen die Männer mit den Ohren schlackern

Flapper, "die Flatterhaften", wurden die jungen Frauen genannt, die das Ideal der zwanziger Jahre darstellten. Sie brachen sämtliche damals für Frauen geltende Normen. Die Tänzerin Josephine Baker etwa provozierte mit aufwendigem Make-up und sexualisiertem Tanzstil. Erst die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise beendete die "Goldenen Zwanziger"- und stürzte viele Industrieländer in bittere Not.

Krisen und Krieg der dreißiger und vierziger Jahre zwangen die Frau zur Vernunft, vergessen war jeder Emanzipationsgedanke. Nun kehrte sie zurück in ihre ursprüngliche Rolle: Hausfrau und Mutter.

Erst der wirtschaftliche Aufschwung der "fetten Fünfziger" machte die Entstehung des extrovertierten Sechziger-Jahre-Ideals möglich. Perückenhafte Frisuren, angeklebte Spinnenbein-Wimpern und dramatisch geschminkte Telleraugen ließen Frauen wie lebendige Baby-Doll-Puppen aussehen. Besonders der von der Designerin Mary Quant eingeführte Minirock sorgte für Furore. Amüsement und Konsum galten als trendy - bis eine neue Depression, ausgelöst durch die Ölkrise 1973, auch diesen Attitüden den Garaus machten.

Für die Alternativen und Öko-Hippies dieser Zeit war Konsum eine Fessel. Der Kapitalismus hatte sie dem Individuum angelegt, um ihm seine Freiheit und Natürlichkeit zu rauben. Diesen Ideen folgend sprengten sie sämtliche Modezwänge: "Vergesst euer Make-up! Verbannt euer Haarspray! Verbrennt eure BHs!", lautete die Parole selbstbewusster, emanzipierter Frauen, die sich, beflügelt vom Zeitgeist, dem Joch der Mode entledigen wollten.

Billig ist hui, teuer pfui

Auch heute weist vieles darauf hin, dass der Spar-Chic von den Frauen mitentwickelt wurde. Michelleobamawatch.com  ist ein Blog, in dem die amerikanische Präsidentengattin Michelle Obama nicht nur als erfolgreiche Karrierefrau und liebevolle Mutter, sondern als stilvolle Schnäppchenjägerin bewundert wird. Mit dem 30-Euro-Kleid des Stangenwarenproduzenten Gap und der politisch korrekten Wahlnachtsrobe des kubanischstämmigen Nachwuchsdesigners Narciso Rodriguez gewann sie weltweit Frauenherzen. Die Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin hingegen machte sich Feinde, indem sie ihren Kleiderschrank mit Exklusivfummeln auf Wahlkampf trimmte - für stolze 150.000 Dollar, auf Kosten ihrer Partei.

Auch andere Mode-Blogs konzentrieren sich derzeit auffällig oft auf Politikergattinnen und Schauspielerinnen der alten Garde. Therecessionista.blogspot.com  zum Beispiel preist den mondänen Stil von Grace Kelly und Jackie Kennedy an. Klassisch und kultiviert - ein Kleidercode, der in der Krise funktioniert. Als weibliche Stärke gilt jetzt eher Eleganz, nicht Sexyness.

Doch ist die Wirtschaftskrise alleinverantwortlich für den neuen Wunsch nach alten Werten? Der Modetheoretiker und Trendforscher Carlo Michael Sommer ist skeptisch: "Unser beruflicher und persönlicher Lebensweg ist nicht mehr, so wie früher, vorbestimmt." Der moderne Mensch werde mit neuen Lebensmodelloptionen bombardiert, müsse beruflich wie privat permanent entscheiden, abwägen und sortieren. "Die Wirtschaftskrise macht es nötig, sich die Frage zu stellen: Was ist im Leben wirklich wichtig? Psychologisch betrachtet dient sie als Filter, als Fokussierer auf das Wesentliche", glaubt der Mannheimer.

Bedeutet diese Rückbesinnung auf konservative Werte denn aber nicht, wichtige Errungenschaften der Emanzipation aufzugeben? Nein, meint Sommer, denn die Befreiung von Überflüssigem müsse keinen Rückschritt bedeuten: "Studien belegen, dass das heutige Frauenbild pragmatischer ist als früher. Eine Frau, die sich heute entscheidet, in den Mutterschaftsurlaub zu gehen, wird auf jeden Fall in den Beruf zurückkehren."

Ob die Wirtschaftskrise das Selbstverständnis der Frauen nachhaltig verändern wird, kann niemand vorhersagen. Die Rezessionista in ihrer neuesten Ausprägung wird jedoch kaum ein modischer Trend sein, der schnell vorüber geht.

Das haben auch die Produzenten von "Confessions of a Shopaholic" erkannt. Vielleicht aus Angst, Publikumssympathien zu verspielen, veränderten sie nachträglich das Ende des eigentlich längst abgedrehten Films: Um ihre hohen Kreditschulden zu bezahlen, verkauft Rebecca Bloomberg ihr gesamtes privates Kleiderimperium. Von der krankhaft Shopping-Süchtigen bleibt am Ende nichts übrig.

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