Moderatorin auf Lesereise "Ihr seid Kuttner!"

MTV-Quasselstrippe Sarah Kuttner tourt durch Deutschland, um ihre selbst geschriebenen Kolumnen vorzulesen. Der Sprung vom Fernsehstudio auf die Bühne gelang ihr vor dem Hamburger Teenagerpublikum gut. Die Lesung geriet wiederum zur Talkshow - Thema: sie selbst. 

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Hamburg - Es sind viele Mädchen gekommen, um Sarah Kuttner im Hamburger "Streits"-Kino lesen zu hören und zu sehen. Sie haben Ringel-T-Shirts an, enge Jeans oder kurze Röcke. Ein paar haben Jungs mitgebracht, die aussehen, als ob sie die großen Brüder der Mädchen und nur zum Aufpassen dabei sind.

MTV-Moderatorin Kuttner: "Ein verwirrter junger Mann mit dicken Lippen"
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MTV-Moderatorin Kuttner: "Ein verwirrter junger Mann mit dicken Lippen"

Sarah Kuttner hat die Handynummern großer Musikstars, sie ist schlagfertig, hübsch, cool, eigensinnig und betont dabei immer wieder, wie normal sie eigentlich sei. Die "Welt am Sonntag" nannte das den letzten Tabu-Bruch - "das Eingestehen der eigenen Langweiligkeit". Sarah Kuttner findet, dass "Durch den Monsun" von Teenie-Kreisch-Band Tokio-Hotel ein Super-Lied ist, und tingelt gleichzeitig mit dem Indie-Rocker und Text-Virtuosen Adam Green und dem Popliteraten Benjamin Stuckrad-Barre durch die Welt. Eine perfekte große Schwester - ein Vorbild wie maßgeschneidert für die vielen Mädchen mit den Ringel-T-Shirts.

Ein Mann mit weißen Haaren und silberner Brille sitzt in Reihe sieben des gefüllten Kinosaals. Er ist mit seiner Tochter gekommen. Studiert habe sie ja nicht, "die Sarah", meint er. Aber entweder "hat man ES oder eben nicht", meint er. Sarah habe ES wohl. Das Licht wird gedämmt: "Jetzt kommt die Sarah!", sagt der Mann mit den weißen Haaren. Er wirkt ein bisschen aufgeregt.

Kuscheln mit Kaninchen

Aber erst mal kommt "die Sarah" nur auf der Kinoleinwand. Ein Trailer zeigt sie beim Müllaufsammeln, wie sie Leuten über die Straße hilft, Schafe füttert, Bettlern Geld zusteckt. Dazu dudelt "She" von Elvis Costello. Es fallen Ausdrücke wie "die etwas menschlichere Moderatorin", "die knuffige Kleine", "die Kumpelmoderatorin". Sarah Kuttner kuschelt dazu auf der Leinwand mit Kaninchen. Die ersten Lacher.

Dann kommt Sarah Kuttner persönlich - wie immer in Jeans und T-Shirt. Auf der Bühne vor der Leinwand steht ein runder Tisch mit Blumen und einer weiß-schimmernden Tischdecke, in der rechten Ecke ein altes Sofa mit geschwungener Lehne. Nur das grelle Logo vom Hamburger delta radio und die Leute in den T-Shirts mit dem Sender-Schriftzug erinnern daran, dass  jemand auftritt, der etwas mit Popmusik und Popkultur zu tun hat.

So eine Lesung sei ja ein bisschen was anderes als ihre Sendung auf MTV, sagt Sarah Kuttner. In ihre Sendung würden ja immer Leute kommen, die sie interviewen könne. Aber heute solle es ja um sie selbst gehen und um ihre Kolumnen aus der "Süddeutschen Zeitung" und dem "Musikexpress", die sie in dem Buch "Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens" veröffentlicht hat. 

Aber ganz alleine geht es nicht: Moderator Chris von delta radio kommt auf die Bühne. Sarah und er sollen jetzt auf dem Sofa einen kleinen Plausch halten. Beide wirken noch etwas unaufgewärmt und steif - genau das, was Sarah nicht mag - das erste Kennenlernen, Smalltalk. "Ich bin dazu übergegangen, dass ich die Leute einfach irgendwann küsse", sagt sie. Auf Partys, hier geht das nicht.

Zum Teil "kompletter Schwachsinn"

Ob sie denn manchmal auch von der "SZ"-Redaktion "zurückgepfiffen" werde, fragt Chris. "Nee, manchmal werden die Kolumnen nicht gedruckt, aber ich gehe dann davon aus, dass das am Platzmangel liegt." Manchmal rufe sie der Chef vom "Musikexpress" an und erinnere sie an den Abgabetermin. Irgendwie haue sie das dann immer hin, zum Teil "kompletten Schwachsinn". 

Die Kuttner ist jetzt mehr in ihrem Element. Sie hat sich warm geredet. Sie erzählt von einem Zusammentreffen mit dem Boxer Axel Schulz und davon, dass sie seitdem zu allen wichtigen Anlässen im Jahr "Weihnachten, Ostern, Valentinstag so Massen-SMS" von ihm bekomme. Sie habe sich einfach nicht getraut, ihm ihre Nummer zu verweigern.

Weil ihre Kolumnen auf der "jetzt"-Seite in der "Süddeutschen" kleine Interviews sind, in denen Sarah Kuttner auf Fragen von Lesern antwortet, will sie sich Hilfe zum Vorlesen aus dem Publikum holen: Krissi aus der ersten Reihe meldet sich. "Die Krissi kenne ich schon", sagt Sarah, "die war schon öfter in meiner Show!" Krissi hat lange blonde Haare, einen Pferdeschwanz und sieht aus, als sei sie gerade in der Mittelstufe eines Gymnasiums.

Krissi und Sarah lesen die Kolumnen mit verteilten Rollen. Es geht um Fragen, ob Grillen und der neue "Star-Wars"-Film überschätzt würden oder Urlaub mit den Eltern unterschätzt. Sie möge bei Science-Fiction-Filmen wie "Star-Wars" eigentlich immer nur die erste halbe Stunde sehr gerne. "Den Teil, wo freundliche Durchschnittsmenschen nichts von ihrer Bedrohung ahnend durch die Gegend latschen, während Experten in Himmelbeobachtungsbüros in ihre Computer starrend Sachen sagen, wie: 'Merkwürdig, schauen Sie sich das mal an, Steve!'", liest Sarah Kuttner aus einer "SZ-Kolumne" vom Sommer letzten Jahres vor. In "Coldplay on the Grill" schreibt sie über den "Nachwuchs-Bono" Chris Martin und darüber, dass man mittlerweile, "damit man bei Saturn beim Anstehen nicht rüberkommt wie ein Frauenzeitschriftenleser auf dem Weg zur nächsten Grillparty, immer 'ne frühe Morrissey auf die Coldplay-CD legen" müsse.

Adam Greens Handynummer

Vorne auf der Bühne vor der Kinoleinwand steht ein Behälter. Dort haben Sarah Kuttners Fans ihre Fragen für heute Abend eingeworfen. Zum Beispiel: Ob sie wirklich die Telefonnummer von Adam Green habe und ob Adam Green schwul sei. "Nein", sagt Sarah Kuttner, der sei ganz sicher nicht schwul. "Der ist nur ein verwirrter junger Mann mit dicken Lippen!" Aber seine Nummer, die habe sie.

Einer aus dem Publikum will wissen, "ob es gang und gäbe ist, dass bei Frauen eine Brust a-kongruent zur Seite" falle. Sarah erörtert das mit Chris von delta radio, der immer noch auf dem Sofa neben ihr sitzt und schaut bei sich selbst nach. "Ich hatte mal wunderschöne, riesige pralle Brüste, ich habe mir dann kleine schlaffe Implantate einsetzen lassen." Alle lachen, besonders die Jungs, die aussehen wie die großen Brüder.

In letzter Zeit stelle sie sich öfters die Frage, ob sie denn schon spießig oder nur erwachsen sei - "nachdem ein Online-Test ergeben hat, dass mein geistiges Alter 38 ist", erzählt die 27-Jährige. Wieso sie nicht bei der Werbekampagne "Du bist Deutschland" mitgemacht habe, will ein Zuhörer wissen. "Du bist doch das junge Deutschland, Sarah", sagt er. "Ich bin doch nicht Deutschland! Und ihr seid doch auch nicht Deutschland!", sagt Sarah. Sie überlegt kurz: "Ich bin Kuttner und ihr seid Kuttner!"

Um kurz vor 23 Uhr ist die Lesung zu Ende. Die Mädchen gehen schnell raus, tuscheln und kichern. Heute sind irgendwie alle ein bisschen Kuttner.  



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