Moderne Kunst Transvestit Perry gewinnt Turner-Preis

Der britische Kunsttöpfer und Transvestit Greyson Perry, auch bekannt unter seinem Alter Ego Claire, hat den diesjährigen Turner-Preis für Moderne Kunst gewonnen. Seine Vasen bilden makabere Szenen von Kindesmissbrauch, Sadomasochismus und Tod ab.


Künstler Perry: "Wow"
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Künstler Perry: "Wow"

London - Perry hatte seine mit Zeichnungen verzierte Vasen für den immer wieder kontroversen Künstler-Wettbewerb präsentiert, galt aber nicht als Favorit der Buchmacher. Überraschend bekam der 43-Jährige am Sonntagabend in der Tate Britain in London den namhaftesten britischen Turner-Kunstpreis verliehen, der mit umgerechnet rund 30.000 Euro dotiert ist.

Ein schlichtes "Wow" war die erste Reaktion des Transvestiten, der zur Preisverleihung im lila Kleidchen mit roten Schuhen und bunter Haarspange erschienen war. Der Kunsttöpfer hatte zu einem früheren Zeitpunkt seine künstlerischen Beweggründe mit den Worten beschrieben: "Eine meiner Ambitionen ist, den Penis zu einem ebenso populären dekorativen Motiv zu machen wie die Blume." Eine seiner ausgestellten Vasen, ein Kunstwerk mit dem Titel "We've Found The Body Of Your Child" zeigt ein Baby, das hilflos am Boden liegt, während seine Mutter ganz offensichtlich von einer ganzen Bande Männer missbraucht wird.

Von vielen Experten und den Buchmachern waren in diesem Jahr die Brüder Jake und Dinos Chapman favorisiert worden. Doch sie und ihre Kunstwerke, die unter anderem aus aufblasbaren Sex-Gummipuppen aus Bronze oder von Würmern und Ratten angenagte verstümmelte menschliche Figuren bestehen, gingen bei der 20. Verleihung des Turner-Preises leer aus. Die Chapmans hatten sich zuletzt auch mit wertvollen Goya-Drucken hervorgetan, bei denen sie die Figuren teilweise mit Comic-Gesichtern übermalt hatten.

Unter den weiteren Nominierten waren der Video-Künstler Willie Doherty und die Bildhauerin Anya Gallaccio.

Der Direktor der Tate-Galerie, Sir Nicholas Serota, sagte zu der Entscheidung der Jury, Perry habe den Preis nicht gewonnen, weil er das Keramikhandwerk in Mode gebracht hat. "Ich glaube nicht, dass es eine strategische Entscheidung war. Ich denke, die Jury spürte einfach, dass hier ein starker Künstler am Werk ist, der nun einmal zufällig Keramik und Malerei verwendet".

Der Turner-Preis wurde in den vergangenen Jahren bereits für Fotos masturbierender Männer, zerwühlte Betten und Bilder aus Elefanten-Dung verliehen. Ein zusammengeknülltes Blatt Papier wurde einmal als "Denkanstoß" gewürdigt. Die alljährliche Empörung - teils echt, teils gespielt - über die jeweils nominierten Künstler gehört in Großbritannien längst zu den Ritualen der Kunstwelt und führt immer wieder zu verbalen Ausbrüchen. Der britische Kulturstaatssekretär Kim Howells hatte die im vergangenen Jahr ausgewählten Werke als "konzeptionellen Scheiß" beurteilt.

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