"Möwe"-Premiere in Berlin Die Härte

Sein "Onkel Wanja" sorgte für Furore, jetzt hat Jürgen Gosch sich noch einmal Tschechow vorgenommen. Auch mit der "Möwe" gelingt ihm ein furioses Theater-Erlebnis: Selten wurden bürgerliche Milieus schärfer demontiert als in Goschs Inszenierung an der Berliner Volksbühne.
Von Christine Wahl

Anfang des Jahres konnte man am Deutschen Theater Berlin erleben, wie in existenzieller Konsequenz Lebensträume zerplatzen. Denn dort hatte Jürgen Gosch Anton Tschechows "Onkel Wanja" aller Samowarkitsch-Seligkeit beraubt. Das desillusionierte bildungsaristokratische Personal, das sich bei Tschechow nichtsnutzig auf einem Landgut herumdrückt, wurde stattdessen konsequent in ein Erdloch verpflanzt. Der lehmverschmierte Kasten von Bühnenbildner Johannes Schütz ließ keine Fluchtmöglichkeit zu.



Auf aggressive Art sprach, schwieg und litt hier jeder am anderen vorbei. Nicht, weil man sich in seinem postmodernen Egotrip etwa wohlig aalte, sondern weil es die spärlichen Selbsterhaltungskräfte überstiegen hätte, sich auch noch mit der Frustration des Nächsten auseinanderzusetzen. Die herausragende Arbeit wurde von der Fachzeitschrift "Theater heute" zur Inszenierung des Jahres 2008 gekürt – und die Schauspieler Ulrich Matthes als Wanja, Constanze Becker als Jelena Andrejewna und Jens Harzer als Astrow zu den Schauspielern der Saison.

Kälte gegen Kontakt

Mit entsprechender Spannung sah man Goschs nächster Tschechow-Inszenierung "Die Möwe" entgegen. Zum einen, weil die bis dato deprimierend maue Berliner Theatersaison dringend nach einem Erfolg lechzte. Zum anderen, weil Gosch so schwer erkrankt ist, dass er einige andere Inszenierungsverabredungen absagen musste.

Und, um es gleich vorwegzunehmen: Jürgen Gosch hat mit der "Möwe" genau dort angesetzt, wo er mit "Onkel Wanja" geendet hatte – und die gigantischen Erwartungen mehr als erfüllt. "Die Möwe" - im allerbesten Sinne ein "Onkel Wanja" Teil zwei, der bis in einige Besetzungs- und Kostümdetails hinein bewusst an den Vorgänger anknüpft – beschenkt einen erneut mit drei furiosen Theatersternstunden.

Wieder finden sich in der Inszenierung des Deutschen Theaters (die aufgrund der anhaltenden dortigen Sanierungsarbeiten in der Volksbühne herauskam) Schauspielerinnen, Schriftsteller, Lehrer, Ärzte zu kollektivem Müßiggang auf einem Landgut zusammen. Und wieder leidet jeder so aussichtslos an seinem eigenen verpfuschten Leben, dass Kontaktversuche ruppig abgewehrt müssen.

Leidensfülle im leeren Raum

Johannes Schütz hat diesmal ein schwarzes Plateau mit Rückwand, aber seitlichen Fluchtmöglichkeiten zum Auf- und Abgang gebaut, das Assoziationen an frische Teer- oder Asphaltbeläge weckt. Und wieder hat Gosch seine großartigen Schauspieler, die sich in diesem leeren Raum an nichts festhalten können, zu beispielloser Intensität getrieben.

Neben drei Bediensteten stehen hier im Grunde zehn Hauptfiguren auf der Bühne, die jede für sich eine abendfüllende, ureigene Tragödie spielen. Egal, ob sie im Zentrum des Geschehens agieren oder auf der in die Rückwand eingelassenen Bank zuschauend teilnehmen.

Da ist zum Beispiel das Drama der alternden Schauspielerin Arkádina: Corinna Harfouch fasziniert mit einer Rigorosität, die man selten sah auf dem Theater: Eine Härte gegen andere wie sich selbst, die gleichzeitig – so paradox es klingt – von einer berührenden Durchlässigkeit ist. Wenn diese souveräne Frau sich ihrem Geliebten, dem Erfolgsschriftsteller Trigorin, plötzlich zu Füßen wirft, bekommt die Kategorie der Verlust- und Existenzangst eine neue Dimension.

Schrecklich menschlich

Die Tragödie Trigorins wiederum präsentiert Alexander Khuon als Leiden am oberflächlichen Second-Hand-Dasein: Stets mit dem Notizbuch im Anschlag, presst er die Gefühle der anderen manisch in Buchstaben und lässt keinen Zweifel daran, dass eine derart geborgte Existenz möglicherweise die größte aller Tragödien ist. Gutsbesitzertochter Mascha liebt aussichtslos Arkadinás Sohn Konstantin; die exzellente Meike Droste entwickelt diesen ramponierten Charakter mit einer Intensität, dass einem der Atem stockt.

Man müsste eigentlich alle Akteure dieses Abends feiern: Arkádinas Bruder Sorin, gespielt von, Christian Grashof, der mit der übergroßen Gestik des ewig Zukurzgekommenen nach Aufmerksamkeit giert. Der von allen verachtete Lehrer Medwedenko (Christoph Franken), den Mascha letztlich als Konstantin-Surrogat heiratet und dafür umso mehr hasst. Und vor allem die beiden Jungen: Der gegen seine Elterngeneration still revoltierende Konstantin (Jirka Zett) und seine von Trigorin verführte und anschließend emotional entsorgte Nina (sensationell: Kathleen Morgeneyer).

Das Überragende dieser Inszenierung: Gosch demontiert diese Figuren radikal und legt über das Leidensszenario gleichzeitig einen Firnis tiefer versöhnlicher Menschlichkeit. Man muss die Tragödie lieben, um derart, ohne Effekthascherei und falsches Pathos, ihre Energien freizusetzen.


"Die Möwe" – eine Koproduktion des Deutschen Theaters Berlin mit der Volksbühne, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 23. und 29. Dezember, 6., 21. und 25. Januar 2009

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