Mohammed-Karikaturen "Wir waren vollkommen unschuldig"

Vor einem Jahr sorgte er für den Zusammenprall der Kulturen - mit der Veröffentlichung der zwölf Mohammed-Karikaturen. Flemming Rose, Feuilletonchef der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten", spricht im SPIEGEL ONLINE-Interview über positive Aspekte der Affäre, Multikulti und Meinungsfreiheit.


SPIEGEL ONLINE: Nachdem sich die Aufregung über die Mohammed-Karikaturen gelegt hatte, ist Ihr Land wieder aus den internationalen Schlagzeilen verschwunden. Was ist von der Debatte in Dänemark geblieben?

Journalist Rose: "Da ist was in Bewegung gekommen"
Henryk M. Broder

Journalist Rose: "Da ist was in Bewegung gekommen"

Rose: Das Klima und die Bedingungen für Integration sind besser geworden. Eine Organisation demokratischer Muslime wurde gegründet. Und das ist keine Ein-Mann-Truppe, sie haben rund 1000 Mitglieder und vertreten etwa 15 bis 20 Prozent der Muslime in Dänemark. Das ist nicht schlecht, politische Parteien in Dänemark haben normalerweise 3000 bis 5000 Mitglieder. Die wollen der dänischen Öffentlichkeit zeigen, dass es nicht nur radikale Imame gibt, die im Namen der Muslime sprechen. Da ist was in Bewegung gekommen. Ein anderes positives Ergebnis des Karikaturen-Streits ist, dass die Medien sich nicht mehr automatisch an die radikalen Imame wenden, wenn sie eine Stellungnahme wollen. Sie haben begriffen, dass Abu Laban und seine Moschee nur etwa fünf Prozent der Muslime repräsentieren.

SPIEGEL ONLINE: Er war der Mann hinter den Kulissen...

Rose: ... Ja, er und ein anderer Imam in Århus, Raed Hlayel. Wenn es um etwas geht, das die Muslime betrifft, gehen die Journalisten nicht mehr nur zu diesen beiden. Die Diskussion über Integration findet wieder in der Wirklichkeit statt. "Jyllands-Posten" hat mit den Karikaturen nicht eine neue Realität geschaffen, die Karikaturen haben nur eine Realität bewusst gemacht, die schon existierte. Wir haben den Gegensatz der Werte nicht erfunden, wir haben ihn nur katalysiert. Aber es ist kein Konflikt zwischen "ihnen" und "uns".

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Rose: Es ist komplizierter. Die Trennlinie verläuft nicht zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, sondern zwischen denjenigen, die sich an die demokratischen Spielregeln halten auf der einen und denjenigen, die solche Spielregeln verachten und auf Gewalt setzen, auf der anderen Seite. Demokratische Muslime sind meine Verbündeten. Dänen, die mit den Radikalen und Fundamentalisten paktieren und dabei ihre eigene Agenda pushen, sind es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem scheint es seltsam, dass sich der Konflikt an der Frage der Meinungsfreiheit entzündet hat.

Rose: Ja. Es gab im Frühjahr dieses Jahres eine groß angelegte Umfrage unter den rund 200.000 Muslimen in Dänemark, die erste dieser Art. Und das war, nachdem sich die Situation beruhigt hatte. Nur etwa zehn Prozent der befragten Muslime waren der Meinung, dass das Recht auf Meinungsfreiheit wichtiger ist als der Schutz religiöser Gefühle. Über 50 Prozent fanden, der Schutz religiöser Gefühle sollte Vorrang haben. Und das widerspricht einfach der Entwicklung der europäischen Geschichte der letzten 200 Jahre, es widerspricht allem, wofür gekämpft wurde, um liberale, weltliche Demokratien zu etablieren.

SPIEGEL ONLINE: Und wie ist es bei den nicht-muslimischen Dänen?

Rose: Genau umgekehrt. Weniger als zehn Prozent finden religiöse Gefühle schützenswerter als das Recht auf freie Rede. Darüber wird jetzt bei uns diskutiert.

SPIEGEL ONLINE: Hat die dänische Gesellschaft, ebenso wie die deutsche, solche Diskrepanzen zu lange nicht wahrhaben wollen?

Rose: Es gab Anzeichen, die wir lieber ignoriert haben. Vor allem die kulturellen Eliten wollten sich damit nicht beschäftigen. Und wer es doch machte, galt schnell als Rassist. Es war politisch nicht korrekt, es war ein Tabu, über kulturelle Differenzen zu reden. Dieser Mangel an Bereitschaft, sich mit der Situation auseinanderzusetzen, hat den rechten Parteien den Weg geebnet. Nicht nur bei uns, auch in Österreich, Holland und Belgien. Die Multikulturalisten und die Linken müssten sich jetzt die Haare raufen, sie sind für die Entwicklung mitverantwortlich. Sie haben alle die Werte verraten, für die sie selbst gekämpft haben: gleiche Rechte für Männer und Frauen, das Recht, seinen Lebenspartner selbst wählen zu können, das Recht auf Erziehung. Das waren alles einmal linke Ziele. Als es aber um die Muslime ging, wollten sie davon nichts mehr wissen. Da wurde alles mit kulturellen Unterschieden erklärt, die man respektieren müsse.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie dafür eine Erklärung?

Zur Person
Der dänische Journalist Flemming Rose, 1958 in Kopenhagen geboren, hat Geschichte geschrieben – als Kulturchef der Zeitung "Jyllands-Posten", in der am 30. September 2005 jene 12 Mohammed-Karikaturen erschienen sind, die vier Monate später zu einem "Zusammenstoß der Kulturen" geführt haben. Rose, der in Moskau russische Literatur studiert und Gorbatschow und Jelzin ins Dänische übersetzt hat, führt das Kulturressort der Zeitung seit 2004. Vorher war er politischer Korrespondent in Moskau und Washington.
Rose: Ja, für die Linke waren die Muslime das neue Proletariat in Europa. Und der Koran war das neue "Kapital". Es war die völlige Verkennung der Wirklichkeit, der reine Romantizismus. Das hat auch zu tun mit dem ewigen Wunsch der Intellektuellen, eine vollkommene Welt kreieren zu wollen. Das kann man in der Kunst und in der Literatur machen, aber man kann diese Idee nicht ins wirkliche Leben übertragen. Das machen nur totalitäre Regimes. Sie wollen den perfekten Staat, die perfekte Gesellschaft, den perfekten Menschen erschaffen. Wenn es nicht anders geht, dann mit Gewalt. In einer Demokratie muss diskutiert, es muss gestritten werden.

SPIEGEL ONLINE: Geht die Auseinandersetzung in Dänemark weiter?

Rose: Ja, aber auf einer anderen Basis. Am ersten "Jahrestag" der Veröffentlichung der zwölf Karikaturen habe ich an einer zweieinhalb Stunden langen Diskussion im dänischen Fernsehen teilgenommen. Und es war ganz anders als vor sechs Monaten. Ich wurde nicht angegriffen, obwohl ich meine Ansichten nicht geändert hatte, es war eine sehr zivile Diskussion. Ich habe gesagt, dass man diese eine Zeitungsseite mit den zwölf Karikaturen in die Schulbücher aufnehmen sollte, damit die Lehrer und die Schüler über die Geschichte und ihre Konsequenzen diskutieren können.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie über den Mangel an Solidarität der Europäer mit Ihrer Zeitung und mit Dänemark überrascht?

Rose: Nein, dazu hatte ich einfach keine Zeit. Ich war damit beschäftigt, die Krise zu managen. Erst im Rückblick wurde mir klar, dass es Verrat an den Werten war, die unsere Kultur ausmachen. Nehmen sie nur Javier Solana, den "Außenminister" der EU, der Europa und seine Werte repräsentieren sollte. Er ist in den Nahen Osten gereist und hat sich beinahe entschuldigt: "Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, damit sich so etwas nicht wiederholt." Während meine Kollegen und ich Todesdrohungen am laufenden Band erhielten.

SPIEGEL ONLINE: Was hätte er Ihrer Meinung nach sagen sollen?

Rose: Er hätte sagen können: "Ich verstehe, dass Ihr Euch beleidigt fühlt, aber wir haben eine Tradition, die auch das Recht einschließt, sich über Religion lustig zu machen, sogar zu beleidigen. Euer Recht, sich beleidigt zu fühlen, hört da auf, wo Ihr gewalttätig werdet." Das hat Solana nicht gesagt, und er war nicht der einzige, der nicht die richtigen Worte fand. Auch Jack Straw, der britische Außenminister, hat schreckliche Sachen gesagt, sogar George W. Bush.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland war es Günter Grass...

Rose: ... Er hat uns eine "rechtsradikale Zeitung" genannt. Unser Korrespondent in Berlin hat ihm drei Mal geschrieben und ihn gebeten, das Statement zu erklären. Grass hat nicht geantwortet, nur den Empfang des Briefes bestätigt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Erklärung für diese feindselige Haltung?

Rose: Ich vermute, das geht zurück bis in die vierziger Jahre, als die Vereinten Nationen gegründet wurden. Man hatte die Idee einer "linearen Geschichte", man hoffte, jede Nation auf der Erde würde sich in Übereinstimmung mit den Regeln der Vereinten Nationen entwickeln. Man musste ihnen nur etwas Zeit lassen. Schon damals war es ein Tabu, über kulturelle Differenzen zu sprechen. In den sechziger Jahren fing die Einwanderung nach Westeuropa an. Und wir dachten: Die Einwanderer werden sich schon integrieren, wenn sie lange genug bei uns sind. Und ich spreche nicht über die Einwanderer aus Italien oder Spanien, sondern über die aus der Dritten Welt. Und als klar wurde, dass sie sich nicht integrieren würden, wurde das multikulturelle Modell erfunden. Hieß es anfangs: "Eines Tages werden die so wie wir", hieß es nun: "Die sind eben anders, das müssen wir respektieren, deren Kultur ist so gut wie unsere, egal welche Werte sie haben." Dazu kam das schlechte Gewissen wegen der kolonialen Vergangenheit, der Selbsthass der Europäer und noch einiges mehr. Und dann setzte sich die Meinung durch: Diese Menschen sind schwer zu integrieren, aber nicht weil sie eine andere Kultur haben, sondern weil wir Rassisten und Imperialisten sind, es liegt an uns, nicht an ihnen. Das war der vorherrschende Diskurs – bis eben. Jetzt dämmert es vielen, dass das multikulturelle Konzept nicht funktioniert. Und zu dieser Erkenntnis hat auch der Karikaturen-Streit beigetragen.

SPIEGEL ONLINE: Man hat Ihnen vorgeworfen, dass Sie mit den Karikaturen einfach nur provozieren wollten.

Rose: Alles Unsinn. Naiver als wir es waren, konnte man gar nicht sein. Salman Rushdie war sich bei den "Satanischen Versen" bewusst, dass er einige Menschen verletzen, beleidigen könnte. Wir waren vollkommen unschuldig. Wir wussten, dass es im Islam ein Bilderverbot gibt, aber das kann doch nur für den Islam und die Muslime gelten. Wir hatten keinen Moment daran gedacht, dass sie versuchen könnten, uns ihre Regeln aufzuzwingen. Und als die Zeichner diese Karikaturen machten, da taten sie etwas, das sie jeden Tag tun: sich über Menschen, Gruppen, Anschauungen lustig zu machen. In diesem Sinne war es ein sehr klarer Zusammenstoß der Kulturen. Und für viele ein Augenöffner.

SPIEGEL ONLINE: Was haben die Dänen aus dieser Geschichte gelernt?

Rose: Das Gleiche, was ein chinesischer Politiker zu Richard Nixon sagte, als der amerikanische Präsident ihn nach seiner Meinung über die französische Revolution fragte: "Es ist noch zu früh, ein Urteil zu fällen." Diese Erfahrung, die wir gemacht haben, wird noch lange nachwirken. Und ich meine wirklich, dass es zu früh ist, Bilanz zu ziehen. Viele Menschen stehen noch unter Schock. Aber eine Einsicht kann man jetzt schon formulieren. Es gibt eine wachsende Selbstzensur, nicht nur in Dänemark, und den Wunsch, Konflikten aus dem Weg zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie stolz darauf, Geschichte geschrieben zu haben?

Rose: Nein, was für mich zählt, ist die Tatsache, dass wir uns eindeutig verhalten haben: Für die Freiheit und gegen die Zensur. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger verstehe ich, warum und worüber sich so viele aufgeregt haben.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sich noch einmal genauso verhalten?

Rose: Ich akzeptiere die Prämisse dieser Frage nicht. Wenn ich jetzt "Ja" sage, klingt es anmaßend, wenn ich "Nein" sage, bedeutet es, dass ich zugebe, dass wir uns falsch verhalten haben. Beides wäre daneben. Das ist so, als würden Sie das Opfer einer Vergewaltigung fragen, ob es jemals wieder einen Minirock anziehen wird. Fest steht nur: Das war die wichtigste politische Debatte der letzten Jahrzehnte in Dänemark. Für uns war es der 11. September der Meinungsfreiheit.

Das Interview führte Henryk M. Broder



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