Mohrs Deutschlandgefühl Blitz-Curricula auf der Fanmeile
Na endlich, es wurde auch langsam Zeit. Eine Woche Fußballweltmeisterschaft in Deutschland, eine Woche Hitze, eine Woche Begeisterung. Es war, als atmete ein ganzes Land durch vor lauter Freude. Die Welt zu Gast bei Freunden? So war es. Jetzt kommt die Abkühlung Gewitter und Regen. Und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, kurz GEW.
Gegen den ausufernden patriotischen Wahnsinn auf den Straßen und Plätzen der Republik will sie ab sofort mobil machen. Eine ganze lange Woche haben wir darauf warten müssen. Jetzt kommt er, der gute alte Protest, mit einer Broschüre, die an den Schulen verteilt werden soll: "Argumente gegen das Deutschlandlied Geschichte und Gegenwart eines furchtbaren Lobliedes auf die deutsche Nation". Eine tolle Sache. Das meiste kann man bestimmt aus fortschrittlichen Schulbüchern abschreiben.
"Stimmungen des Nationalismus und der deutschen Leitkultur" will die GEW mutig kritisieren und womöglich auch noch Wege aus dem Elend weisen. Das Deutschlandlied, dessen dritte Strophe allein die Nationalhymne bildet, stehe für eine "Kontinuität", mit der die Nazi-Zeit verharmlost werde. Da haben wir's wieder.
Was bloß werden dazu die türkischen, arabischen und mongolischen Jugendlichen sagen, die in Kreuzberg, Neukölln und Ulan Bator der deutschen Mannschaft zujubeln? Und was die vielen jungen Frauen, die sich schwarzrotgold schminken und aus der deutschen Fahne ein sexy Top basteln? Was denken sich David Odonkor, Gerald Asamoah und Lukas Podolski, diese erzdeutschen strohblonden Germanenjünglinge eigentlich dabei, wenn sie von "des Glückes Unterpfand" hören und "Einigkeit und Recht und Freiheit"?
Wir fürchten: Nichts. Jedenfalls nichts Böses, es sei denn, sie denken dabei an die gegnerische Abwehrkette, an der sie gleich vorbeimüssen, wenns geht, rechts wie links.
Aber wir müssen die Angelegenheit schon ernst nehmen, auch wenn es sich bei der traditionell linken Lehrergewerkschaft um eine hybride Formation aus zwei gleichermaßen fragwürdigen Institutionen handelt: den Lehrer an sich und die Gewerkschaft an sich.
Zusammen aber bilden sie einen Kampfverband, der mindestens so unangenehm ist wie "Katsche" Schwarzenbeck zu seinen besten Zeiten. Stichwort "Blutgrätsche". Obwohl, Katsche Schwarzenbeck hatte wirklich sympathische Züge.
Vielleicht sollte man auf den Fanmeilen und public viewing zones (auch so ein typisch deutscher Begriff aus der Nazizeit!) weiße Diskussionszelte mit Bier- und Fahnenverbot einrichten, in denen vor Anpfiff noch mal alles problematisiert und durchgearbeitet wird, Wort für Wort, Zeile für Zeile. Wie früher in der Schule. Den Absolventen solcher Blitz-Curricula könnte man einen schönen Sticker überreichen mit der Aufschrift "Immer schön kritisch bleiben mach mit bei der GEW!"
Andererseits aber darf man sich durchaus auf die Begegnungen der dritten Art auf dem Schulhof freuen, wenn der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne und seine getreuen Genossen, manch einer mit schlotternder Jeans, Pfeifchen und Pferdezöpfchen angetan, ihre Aufklärungsschrift gegen den grassierenden deutschen Nationalismus an zwölfjährige Buben verteilen, die im weiß-schwarzen Ballack-Trikot auf die gefürchtete Mathe-Stunde warten.
Wir sind jedenfalls gespannt und freuen uns, dass der kritische Geist in Deutschland so lebendig ist wie eh und je.
Wie zur Bestätigung hat sich jetzt auch der Schriftsteller Walter Jens, 83, gemeldet, einer von jenen, die seit fünfzig Jahren nahezu jede Protestresolution unterzeichnet haben. Gestern sagte er: "Wenn ich an unserem Land etwas auszusetzen habe, dann ist es diese unsägliche Nationalhymne mit dem teilweise unverständlichen Text. Wer weiß denn schon, was des Glückes Unterpfand ist?"
Wohlan, wir könnten es dem alt gedienten Rhetorikprofessor erklären. Aber er hat schon ein neues Deutschlandlied vorgeschlagen, Bertolt Brechts berühmte "Kinderhymne", die auch schon seit fünfzig Jahren im Gespräch ist:
"Anmut sparet nicht noch Mühe/ Leidenschaft nicht noch Verstand/ Dass ein gutes Deutschland blühe/ Wie ein andres gutes Land". Auch schön. Und so verständlich. Nur ein Komponist fehlt noch.
Vielleicht könnte man da mal bei der GEW nachfragen. Die haben doch bestimmt Musiklehrer in ihren Reihen, die nachmittags am Klavier sitzen und ein bisschen rumkomponieren. Bei der Gelegenheit könnten sie auch gleich noch mal an den Text rangehen.
Nach so viel kritischem Hinterfragen ist klar: der Patriotismuspegel (PP) auf dem Klinsimeter (KM) sinkt heute um einen Punkt auf 8.
Bis morgen und Glück auf, Deutschland!