Mohrs Deutschlandgefühl Danke Ausland!

Jetzt lobt uns sogar schon das Ausland für unsere WM-Gastfreundschaft und -Euphorie. Vorbei die Zeiten, in denen unsere Fußballspieler - vorrangig in England - als Hunnen mit Stahlhelmen diffamiert wurden. Das deutsche Wesen, so scheint's, steht nicht mehr unter Verdacht.

Von Reinhard Mohr


Das musste ja kommen. Jetzt lobt uns auch noch "das Ausland". So hieß das jedenfalls früher. Schöne Landschaften, freundliche, aufgeschlossene Menschen, gutes Bier, Sinn für Humor, Gelassenheit statt Größenwahn, organisationsstark, diszipliniert und zuverlässig, wie die Germanen (formerly known as "Huns") eben sind, gleichzeitig aber in permanenter Feierstimmung, locker und leicht wie in mediterranen Breitengraden.

Der britische "Observer" fasst zusammen: Die seit 18 Tagen anhaltende WM-Party in Deutschland sei eine "festivalartige 'lingua franca' unserer neuen Globalisierung". Da jubelt auch der Osten: Ei forbibsch, endlich Weltniveau.

Danke Ausland!

Mit dem Ausland hatten wir Deutsche es ja nicht immer leicht. Es schaute sehr kritisch, manchmal sogar hämisch auf Deutschland. Kein Wunder: Nach 1945 wusste man im Ausland nie wirklich, ob da noch was nachkommen würde, trotz Republik, Demokratie und Rechtsstaat. Zuvor waren große Gebiete dieses Auslands Teil des deutschen Nazi-Reichs gewesen. Diese Erfahrung wollte man lieber nicht noch einmal machen. So blieb das deutsche Wesen unter Verdacht.

Wenn deutsche Fußballstürmer erfolgreich waren, hieß es: "Die deutschen Panzer haben den Gegner überrollt!" In Karikaturen trug der Mittelstürmer schon mal einen Stahlhelm. Stalingrad, SS und Gestapo waren als Metaphernlieferanten sehr beliebt.

"Die Krauts kommen" klang da noch vergleichsweise harmlos, fast liebevoll, und wenn im englischen Fernsehen wieder und wieder die alten Schlachten mit den Nazis geschlagen wurden, als wäre es gerade gestern gewesen, war das zwar ärgerlich, aber auch lächerlich.

Doch die Deutschen, jedenfalls die intelligenteren unter ihnen, trauten sich lange Zeit selbst nicht recht über den Weg. Nach all dem, was zwischen 1933 und 1945 passiert war, konnte man theoretisch nichts mehr ausschließen. Bertolt Brechts Satz "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch" wurde zum Leitmotiv der deutschen Angst vor sich selbst.

Dazu kam noch die Angst vor dem Ausland, die Mischung aus schlechtem Gewissen und Ersatz-Überich: Was soll bloß das Ausland von uns denken? Wer Ende der fünfziger Jahre, mitten im legendären Wirtschaftswunder, als "Gastarbeiter" aus dem Ausland nach Deutschland kam, wurde unmittelbar mit ihr konfrontiert, ob beim sonntäglichen Sauerbraten oder im Blaumann auf der Arbeit.

In ihrem schönen und witzigen Buch "Die blaue Reise", das Ende September bei Rowohlt erscheint, berichtet die Autorin Iris Alanyali von einem Erlebnis ihres türkischen Vaters, der im Sommer 1959 für drei Monate bei einem schwäbischen Bauunternehmer in Stuttgart arbeitete: "Der Chef auf der Baustelle war "Kapo Adolf", Häuptling Adolf, so hatte ihn Mario (ein italienischer Gastarbeiter, R.M.) getauft.

Deutscher Fußball-Fan: Mut zum Stahlhelm - als ironisches Accessoire
REUTERS

Deutscher Fußball-Fan: Mut zum Stahlhelm - als ironisches Accessoire

Gut gelaunt begrüßte ihn mein Vater an seinem ersten Tag mit einem der wenigen deutschen Sätze, die er schon kannte: 'Heil Hitler!' Er meinte das gar nicht böse, in der Schule lernten die türkischen Kinder damals, dass Hitler ein wichtiger Mann der Geschichte gewesen sei, ein Diktator zwar und schuld am Tod Millionen von Menschen, dass er aber für Vollbeschäftigung in seinem Land gesorgt habe.

'Kapo Adolf' allerdings fand das gar nicht lustig, und mein Vater schrieb später an seine Freunde in Istanbul: 'Über Hitler darf man in Deutschland auf keinen Fall Witze machen. Er ist zwar schon lange tot, aber die Deutschen haben immer noch große Angst vor ihm.'"

Heute, viele Jahre später, haben die Deutschen keine Angst mehr vor ihm.

Deshalb haben sie auch keine Angst mehr vor sich selbst, von kurzen Schrecksekunden abgesehen, die an den Albtraum erinnern. Vielleicht ist dies das ganze Geheimnis.

Wer heute noch Brecht zitiert – "Der Schoß ist fruchtbar noch..." – will einen Witz machen. Oder überlegt, ob Sex vor dem Spiel den "spirit" stärkt oder schwächt. Wir berichteten.

Der Klinsimeter bleibt bei zehn Punkten.

Keine Ahnung, was wir machen, wenn die argentinischen Gauchos am Freitagabend zurück in die Pampa geschickt werden.

Vielleicht fragen wir dann mal kurz im Ausland nach.

Reinhard Mohr
Reinhard Mohr, Jahrgang 1955, studierte in Frankfurt am Main Soziologie und arbeitete als Autor für "Pflasterstrand", "taz" und "FAZ". Bevor er von 1996 bis 2005 als Kulturredakteur zum SPIEGEL ging, schrieb er unter anderem auch Kabaretttexte für Michael Quast und Matthias Beltz. Reinhard Mohr lebt und arbeitet als freier Autor in Berlin-Mitte. Letzte Veröffentlichungen : "Generation Z oder Von der Zumutung, älter zu werden" (Argon Verlag, 2004), "Das Deutschlandgefühl" (Rowohlt, 2005) und "Der diskrete Charme der Rebellion" (Wjs, 2007).

insgesamt 440 Beiträge
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Seite 1
arte de la comedia, 25.06.2006
1.
---Zitat von sysop--- Deutschland gewinnt, feiert und tanzt. Ausgelassen und euphorisch präsentieren sich die Deutschen in den Tagen der Fußball-Weltmeisterschaft. Ausländische Fans und Beobachter sind überrascht über die Leichtigkeit und Weltoffenheit und revidieren das lange gepflegte Klischee von der "Nation der Nörgler". Was ist typisch deutsch? Zeigen wir jetzt unser* wahres Gesicht *? ---Zitatende--- Hoffentlich hält sich das in Grenzen. Die WM-Schminke möge daher möglichst lange halten...
Gnom, 25.06.2006
2.
---Zitat von sysop--- Deutschland gewinnt, feiert und tanzt. Ausgelassen und euphorisch präsentieren sich die Deutschen in den Tagen der Fußball-Weltmeisterschaft. Ausländische Fans und Beobachter sind überrascht über die Leichtigkeit und Weltoffenheit und revidieren das lange gepflegte Klischee von der "Nation der Nörgler". Was ist typisch deutsch? Zeigen wir jetzt unser wahres Gesicht? ---Zitatende--- Deutschland verliert,...,... Weshalb soll Deutschland die Nation der Nörgler sein?
1ne2wo3hree, 25.06.2006
3.
---Zitat von sysop--- Was ist typisch deutsch? Zeigen wir jetzt unser wahres Gesicht? ---Zitatende--- Na klar. Am Tag danach, wenn der Rausch vorbei ist.
*Sina*, 25.06.2006
4. ich denke nicht ...!
Meiner Ansicht ist Deutschland jetzt in einer Euphorie und in einem Taumel. Nach der WM, wenn wir bewiesen haben, dass wir doch *ironiean* nicht Rassistisch, nörglerisch, unausgeglichen und unfreundlich *inronieaus* sind, wird alles wieder beim alten sein. Ab Juli rechne ich damit das alles wieder zum alten zurück gekehrt wird, denn erst dann können wir Deutsche uns erst wieder normal finden. Es ist wie auf einer Hochzeit, am Tag des Ereignisses kann niemand unsere Laune trüben, von den Feierlichkeiten bleibt am nächsten Tag aber nur der dicke Kopf und die Erkenntnis das es schön war. Man kehrt zu seinem Alltag zurück und gut ist, ganz nach dem Motto: Wir sind deutsche, wir müssen mit einem muren durch die Welt ziehen .... ;-) MfG Sina P.S. bin ja mal gespannt ob dieser Beitrag eingestellt wird. er ist meine Persönliche Meinung und bezieht sich auf diesen Beitrag
Perleberger, 25.06.2006
5.
---Zitat von sysop--- Deutschland gewinnt, feiert und tanzt. Ausgelassen und euphorisch präsentieren sich die Deutschen in den Tagen der Fußball-Weltmeisterschaft. Ausländische Fans und Beobachter sind überrascht über die Leichtigkeit und Weltoffenheit und revidieren das lange gepflegte Klischee von der "Nation der Nörgler". Was ist typisch deutsch? Zeigen wir jetzt unser wahres Gesicht? ---Zitatende--- Nur vorweg: nichts gegen Sport oder Fußball und alle, die daran ihre Freude haben und auch zum Ausdruck bringen, mit und ohne Fahne. Auch in der Hölle oder beim sprichwörtlichen Tanz auf dem Vulkan wird ausgelassen gefeiert. Es ist eine schlichte Erfahrung, dass bei miesen allgemeinen Bedingungen es umso leichter fällt, sich mal ausgelassen über was andereszu freuen als nur die ständigen schlechten Nachrichten sich reinzuziehen. Das ist wie mit dem rheinisch-katholischen Karneval - schön und ausgelassen feiern - wie immer kommt auch hier der Aschermittwoch.
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