Mohrs Deutschlandgefühl Der Patriotismus-Pegel

Überall weht einem zur WM das Schwarzrotgold entgegen, nicht nur aus den Feuilletons, sondern auch aus den Autofenstern. Das neue Deutschlandgefühl, den Patriotismus-Pegel, misst SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Reinhard Mohr von nun an vier Wochen lang täglich mit dem "Klinsimeter".


Es geht ein Gespenst um in Deutschland. Nein, eigentlich weht es eher. Es ist der Patriotismus. Quer durchs Land flattern die Deutschlandfahnen im milden Frühsommerwind und lassen ihr schwarzrotgoldenes Band über Feld und Aue gleiten, am Reichstag wie an der Dönerbude, am Taxi wie vom Balkon herunter. Nicht einmal das gefürchtete Bezirksamt von Berlin-Mitte fordert eine "Sondernutzungserlaubnis", wenn das gute Stück gefährlich weit "in den Luftraum über dem Bürgersteig" ragt. Ein historischer Fortschritt.

Flagge zeigen (beim Fan-Fest in Hannover): Deutschland peinlich Vaterland, das war früher
DPA

Flagge zeigen (beim Fan-Fest in Hannover): Deutschland peinlich Vaterland, das war früher

Seit den Tagen der Wiedervereinigung von 1990 und dem WM-Triumph in Rom waren nicht mehr so viele Deutschlandfahnen zu sehen. Ein ganz neues Gefühl wenige Stunden vor dem Anpfiff zur Fußball-WM 2006. Jetzt dürfen wir auch mal die eigene Flagge zeigen und müssen nicht Ghana, Togo oder der Elfenbeinküste zujubeln, den grundsympathischen und wieselflinken Männern aus Westafrika.

Wir sind so frei. Proud to be a German – bis zur nächsten Gesundheitsreform.

Wie gerufen kommt da die aktuelle Patriotismusdebatte über Vaterlandsliebe und Nationalgefühl. Einen "positiven Patriotismus" fordert jetzt auch der weltläufige Teammanager Oliver Bierhoff. Was ein negativer Patriotismus wäre, möchte man kurz vor Spielbeginn gar nicht wissen. Plötzlich entdecken auch patriotische Spätheimkehrer aus Kultur und Politik ihr Konvertitenherz für die Nation und kämpfen lautstark und mit vollem Körpereinsatz gegen jede Spielart des politisch korrekten deutschen Selbsthasses.

Recht so. Deutschland peinlich Vaterland – das war früher.

Doch wie immer, wenn in Deutschland um die "nationale Identität" gerungen wird, geht es äußerst gründlich zu, knallhart und ziemlich humorlos. Besonders verbissen wirken dabei zuweilen jene, die für mehr nationale Lockerheit plädieren. Stolz werden große Geister der deutschen Kulturnation ins Feld geführt, wogegen jene, die eine andere Meinung haben oder auch nur nicht mitgrölen wollen, als zurückgebliebene Kleingeister erscheinen – als "Problempatrioten" im Sinne von Edmund Stoiber.

Gern baut man Popanze und Pappmaché-Tabus auf, um sie anschließend mit Karacho platt zu walzen. Auch eine schöne deutsche Tradition.

"Es war einmal ein Volk", schrieb der vor einigen Jahren verstorbene Kabarettist Matthias Beltz im Sommer 1990, "das fühlte sich so verarscht von der ganzen Welt, dass es sich die Deutschen nannte. Schon in der Volksschule wollte niemand mit ihnen Völkerball spielen.

Da beschloss das deutsche Volk in einer dunklen Stunde, Fußballweltmeister zu werden. Und so gaben sich die Deutschen eine Nationalhymne, und die hieß: Deutschland vor, noch ein Tor. Der Refrain aber lautete: Olé – olé – oléoléolé!"

In diesem Sinne wollen wir ab morgen den Finger in die deutsche Luft halten. Jeden Tag. Vier Wochen lang, ganz kurz und sehr subjektiv. Wir versuchen, den täglichen Patriotismus-Pegel (PP) zu messen, den Klinsimeter (KM) der Nation, Von -10 bis +10 auf der nach oben nicht offenen Patriotismus-Skala (PS). PP, KM, PS. Alles klar?

Wie ist die Stimmung im Lande als Gastgeber von lauter Freunden? Wo drückt der Schuh? Wie geht es Ballacks Wade? Klappt der Biernachschub? Bleibt alles schön friedlich? Was macht das Deutschlandgefühl um zehn Uhr morgens? Wer verweigert sich dem Flaggenschmuck und warum? Werden doch wieder einige unwissende deutsche Frauen Costa Rica, Ecuador und Trinidad/Tobago die Daumen drücken, nur weil die Spieler angeblich "so toll aussehen"? Und was ist, wenn die deutsche Mannschaft trotz Schweini und Poldi früh ausscheidet?

Fallen wir dann gleich vom Glauben ab und laufen mit wehenden Fahnen zu Holland, Frankreich oder, Gott behüte, England über? Oder feiern mit Trinidad/Tobago das olympische Motto: Dabei trommeln ist alles? Kurz: Sind wir womöglich verdammte Schönwetterpatrioten?

Nein, keine Angst, wie machen uns nicht über alles lustig, das wäre zu billig. Aber über einiges schon. Ein Gang über die Berliner Fanmeile sagt vielleicht mehr über die Lage der Nation als dicke Bücher. Auch Problempatrioten sind Patrioten.

Dann bis morgen. Und Glück auf, Deutschland!

Mehr zum Thema


insgesamt 1648 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Koepe, 01.06.2006
1.
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Wieso muss über etwas, das eigentlich in fast jedem anderen Land eine Selbstverständlichkeit ist diskutiert werden? Eine gesunde Portion Patriotismus ist sicher nicht schlecht! Es sollte nur nicht in Nationalismus ausarten! Aufgrund unserer Vergangenheit schämen sich wohl viele patriotisch zu sein. Auf das was damals war bin ich ganz sicher nicht stolz. Sondern auf das was danach geschaffen wurde und deswegen bin ich patriotisch!
Bloomberg76, 01.06.2006
2.
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Klar. Wie in vielen Politikfeldern heute fehlt der philosophische Unterbau auch bei diesem Thema und wir täten nicht schlecht daran statt populistischer Phrasendrescherei einmal ein paar kritische Diskurse zum Thema was unsere Staatlichkeit und Nationalität definiert zu führen. Wer sind wir? Was verbindet uns? Was wollen wir? Das sind grundsätzlicher Fragen, denen kaum eine Politiker oder Journalist unserer Zeit wirklich gewachsen zu sein scheint. Eine ernste Wiederbelebung einer solchen "leeren" Debatte gibt Gelegenheit unsere Politiker einmal aus dem ständigen Pragmatismus (auch bekannt als "Management by Crisis")mit dem sie handeln herauszuführen und zu erfahren, was sie wirklich denken. Vielleicht nehmen dann Leute auf beiden Seiten endlich mal eine fundierte Position ein. Das schärft die Meinungsbildung.
dericon, 01.06.2006
3.
---Zitat von Ulrich Ochmann--- Hier sollten wir ganz klar unterscheiden zwischen "Nationalismus" und "Patriotismus". Stolz auf die Nation ist etwas ganz anderes als Stolz auf das eigene Land. In den USA zum Beispiel sind viele auf ihr Land stolz (und zeigen die US-Flagge), von einer "Nation" kann man bei den vielen Einwanderern aber gar nicht erst sprechen. ---Zitatende--- Es spricht ja nichts dagegen, sondern eher vieles dafür, daß wir uns erst mal über die Bedeutung der Begriffe einigen, bevor wir über Inhalt und Verwendung diskutieren. Mir persönlich sind diese Begriffe zu schwammig, ich habe für ihre Bedeutung in Deutschland keine rechte Vorstellung. Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden.
Koepe, 01.06.2006
4.
---Zitat von dericon--- Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden. ---Zitatende--- Andere Nationen haben auch keine "saubere" Historie (Kolonialismus etc.), zugegeben, Deutschland "übertraf" das leider noch, trotzdem sind die Menschen stolz auf ihr Land! In Deutschland wird man doch bestenfalls noch schräg angeschaut, wenn man sich als Patriot bezeichnet. Viele fühlen sich emotional sogar noch eher zu anderen Ländern hingezogen als zu Deutschland, sie schämen sich fast dafür, deutsch zu sein!
loeweneule, 01.06.2006
5.
Ich finde es bezeichnend, daß solche "Werte"-Diskussionen immer dann hoch kommen, wenn der allgemeine Lebensstandard sinkt. Glaube, Vaterland, Familie etc. Wenn das Volk durch Konsum nicht mehr ruhiggestellt werden kann, weil es nicht mehr genug Kohle hat, greift man in die Kiste der üblichen Popanze. Du hast keinen Job, kannst die Miete kaum bezahlen, aber du darfst mächtig stolz auf deine Nation sein. Und wenn ich oben von "hochkommen" schrieb, so empfinde ich das für mich persönlich wörtlich.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.