Mohrs Deutschlandgefühl Flagge hinten, Südamerikanerin vorn

Überall weht einem zur WM das Schwarzrotgold entgegen, nicht nur aus den Feuilletons, sondern auch aus den Autofenstern. Das neue Deutschlandgefühl, den Patriotismus-Pegel, misst SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Reinhard Mohr in den kommenden vier Wochen täglich mit dem "Klinsimeter". Heute Teil I.


Auch der Nachbar hat geflaggt. Allerdings nach hinten raus, zum Park. Eine klare patriotische Positionierung, aber nicht so aufdringlich. Die guten alten Fahnenhalter aus DDR- bzw. Führers Zeiten sind meist der gründlichen Sanierung zum Opfer gefallen. So muss man sich behelfen. Ein Anflug von Problempatriotismus.

Deutschland-Fans in Berlin: OléOléOlé
DPA

Deutschland-Fans in Berlin: OléOléOlé

Da ist man anderswo nicht so zimperlich. Vom Ballermann 6 auf Mallorca bis zum Camp Warehouse in Kabul leuchten die Farben Deutschlands, und weit über eine Million Menschen haben das 4:2 beim "Public Viewing" (formerly known as "Deutsches Eck") frenetisch gefeiert. Ein erster Autokorso hupte sich anschließend über den Kurfürstendamm. Hier und da wurden Raketen abgefeuert oder ein OléOléOlé in den traumhaften Juninachthimmel gesandt.

Selbstverständlich übrigens, dass wir Kaiserwetter haben. Die Welt zu Gast bei Frierenden - das war gestern.

Selbst im einst autonomen Kreuzberg strahlt es schwarz-rot-gold - von Campingstühlen und Handtaschen, Mützen und Gesichtshälften. Einige Junge hüllen sich gleich ganz ins nationale Tuch. Was die Autos betrifft: Hier geht der Trend klar zur Zweitfahne mit der praktischen Haltevorrichtung von Aldi. Am niegelnagelneuen Berliner Hauptbahnhof fährt eine orangefarbene Kehrmaschine der Berliner Stadtreinigung (Motto: "We kehr for you!" mit stolzer Flagge den Rinnstein lang.

In der Kantine eines großen Gesundheitsdienstleisters in Reinickendorf wurden die 30 cm langen Anti-Aids-Schleifen durch schwarzrotgoldene ersetzt. Bleib' gesund, wenn Du ein Deutscher bist! Auch Michelle Hunziker, die schöne Adoptivtochter Germanias von Ramazzottis Gnaden, trägt die Farben Deutschlands unterm Rock. "Der Deutschland-Popo", schwärmte BILD.

Nur hier und da gibt es kleine Widerstandsnester. In der Rosenthaler Straße zum Beispiel, direkt über dem neuen superschicken "Boss"-Laden weht es schwarz-rot-gold aus dem zweiten Stock. In der Mitte Hammer und Zirkel, das DDR-Emblem. Patriotismus zweigeteilt? Niemals! Doch der Hesse in mir brummt: "Mach disch lockä!"

Dann aber kommt Dir in der Sophienstraße eine südamerikanische Schönheit entgegen, bauchfrei und im sehr kurzen Minirock auf ziemlich hohen Schuhen, und schon ist er vergessen, der neue deutsche Patriotismus.

Und die Lockerheit ist auch hin.

Trotz dieses individuellen Fehlers legen wir heute den Klinsimeter auf plus acht fest.

Bis morgen und Glück auf, Deutschland!

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Seite 1
Koepe, 01.06.2006
1.
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Wieso muss über etwas, das eigentlich in fast jedem anderen Land eine Selbstverständlichkeit ist diskutiert werden? Eine gesunde Portion Patriotismus ist sicher nicht schlecht! Es sollte nur nicht in Nationalismus ausarten! Aufgrund unserer Vergangenheit schämen sich wohl viele patriotisch zu sein. Auf das was damals war bin ich ganz sicher nicht stolz. Sondern auf das was danach geschaffen wurde und deswegen bin ich patriotisch!
Bloomberg76, 01.06.2006
2.
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Klar. Wie in vielen Politikfeldern heute fehlt der philosophische Unterbau auch bei diesem Thema und wir täten nicht schlecht daran statt populistischer Phrasendrescherei einmal ein paar kritische Diskurse zum Thema was unsere Staatlichkeit und Nationalität definiert zu führen. Wer sind wir? Was verbindet uns? Was wollen wir? Das sind grundsätzlicher Fragen, denen kaum eine Politiker oder Journalist unserer Zeit wirklich gewachsen zu sein scheint. Eine ernste Wiederbelebung einer solchen "leeren" Debatte gibt Gelegenheit unsere Politiker einmal aus dem ständigen Pragmatismus (auch bekannt als "Management by Crisis")mit dem sie handeln herauszuführen und zu erfahren, was sie wirklich denken. Vielleicht nehmen dann Leute auf beiden Seiten endlich mal eine fundierte Position ein. Das schärft die Meinungsbildung.
dericon, 01.06.2006
3.
---Zitat von Ulrich Ochmann--- Hier sollten wir ganz klar unterscheiden zwischen "Nationalismus" und "Patriotismus". Stolz auf die Nation ist etwas ganz anderes als Stolz auf das eigene Land. In den USA zum Beispiel sind viele auf ihr Land stolz (und zeigen die US-Flagge), von einer "Nation" kann man bei den vielen Einwanderern aber gar nicht erst sprechen. ---Zitatende--- Es spricht ja nichts dagegen, sondern eher vieles dafür, daß wir uns erst mal über die Bedeutung der Begriffe einigen, bevor wir über Inhalt und Verwendung diskutieren. Mir persönlich sind diese Begriffe zu schwammig, ich habe für ihre Bedeutung in Deutschland keine rechte Vorstellung. Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden.
Koepe, 01.06.2006
4.
---Zitat von dericon--- Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden. ---Zitatende--- Andere Nationen haben auch keine "saubere" Historie (Kolonialismus etc.), zugegeben, Deutschland "übertraf" das leider noch, trotzdem sind die Menschen stolz auf ihr Land! In Deutschland wird man doch bestenfalls noch schräg angeschaut, wenn man sich als Patriot bezeichnet. Viele fühlen sich emotional sogar noch eher zu anderen Ländern hingezogen als zu Deutschland, sie schämen sich fast dafür, deutsch zu sein!
loeweneule, 01.06.2006
5.
Ich finde es bezeichnend, daß solche "Werte"-Diskussionen immer dann hoch kommen, wenn der allgemeine Lebensstandard sinkt. Glaube, Vaterland, Familie etc. Wenn das Volk durch Konsum nicht mehr ruhiggestellt werden kann, weil es nicht mehr genug Kohle hat, greift man in die Kiste der üblichen Popanze. Du hast keinen Job, kannst die Miete kaum bezahlen, aber du darfst mächtig stolz auf deine Nation sein. Und wenn ich oben von "hochkommen" schrieb, so empfinde ich das für mich persönlich wörtlich.
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