Mohrs Deutschlandgefühl Hallo, wir leben!

Erstaunlich: Während sich die Feuilletonisten am Kopf kratzen, schwenken die Deutschen fröhlich das schwarzrotgoldene Banner - sogar in Autonomenhochburgen. SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Reinhard Mohr referiert den neusten Stand des Patriotismus-Pegels.


Es groovt sich ein. Die WM bestimmt den Lebensrhythmus, irgendwo zwischen Strandurlaub, Dauerstadionatmosphäre und kurzen Pausen, in denen schnell mal gearbeitet werden muss.

Morgens, beim Kaffee in der Sonne, die ohn' Unterlass scheint, als habe der Sozialismus, von dem wir einst geträumt haben, doch gesiegt, geht der erste Blick auf den Spielplan: 21 Uhr Brasilien-Kroatien, davor um 18 Uhr Frankreich-Schweiz. "Zizou" gegen die Eigernordwand. Liest sich wie ein erlesenes Menü auf der Speisekarte. Bei Südkorea-Togo um 15 Uhr könnte es etwas eng werden. Und allzu heiß. Vielleicht entscheidet man sich doch für den Park. Ein bisschen auftanken kann nicht schaden. Und dann ein erstes Kölsch in der "Ständigen Vertretung" (StäV) am Schiffbauerdamm, draußen an der Spree, wo eine sehr gutaussehende schwarze männliche Servicekraft im extrem farbenfrohen ghanaischen Trikot herumläuft.

Und die Arbeit? Wenn, statistisch gesehen, sowieso nur noch 28 Prozent der Bevölkerung arbeiten, ist man als bummelnder WM-Tourist im eigenen Kiez in bester (Mehrheits-)Gesellschaft. Das war nicht immer so.

"Wie man aus eigenem lebt, wie man ein kleines privates Leben groß, schön und lohnend machen kann, wie man es genießt und wo es interessant wird" – das hätten die Deutschen nie gelernt, schrieb der Historiker Sebastian Haffner 1939. Stets bräuchten sie Sensationen, die von außen kommen, wagnerianische Erlösungs- oder Untergangszenarien, kurz: führermäßigen Wahnsinn, um sich selbst zu "spüren".

Die alten Klischees lösen sich vielerorts ins Spielerische auf, auch wenn englische Fans in Frankfurt am Main immer noch glauben, auf dem Bahnhofsvorplatz vom britischen Sieg im Luftkrieg 1944 singen zu müssen. Lassen wir ihnen den Spaß.

Schwarzrotgold jedenfalls ist keine Bedrohung für den Weltfrieden mehr, sondern Spielmaterial für eine Dauerparty. Motto: Hallo, wir leben.

Selbst im Hamburger Schanzenviertel, so berichten schwer irritierte Augenzeugen, wehen deutsche Fahnen. Dass dort, zwischen Sternschanze, Schulterblatt und Roter Flora, wo noch vor nicht allzu langer Zeit das schwarze Tuch von Autonomen, Antifas und Anarchisten das Straßenbild prägte, einem wie immer gearteten Nationalgefühl Ausdruck verliehen wird, ist ein größerer Tabubruch als es die Wiedereinführung des "Liberos" in der deutschen Abwehrkette wäre.

Derweil gibt es im deutschen Feuilleton einen Phantomschmerz: Keiner protestiert so richtig, keiner warnt vor einem "neuen Nationalismus" oder der Verdrängung der Vergangenheit durch die "patriotisch gewendete" Spaßgesellschaft. Oder haben wir was überlesen?

Wo bleibt das kritische Wort, wo bleibt der Aufschrei?

Vorläufig behilft man sich mit kurzen Feuilletons darüber, dass es im Feuilleton keine Feuilletondebatte gibt.

Eine Debatte aber muss demnächst geführt werden – über die Kernerisierung des ZDF, ach was, des Fernsehens und ganz Deutschlands. Da braut sich was zusammen.

Bis dahin ist der PP-Wert von gestern der von heute: 9 Punkte auf dem Klinsimeter.

Bis morgen und Glück auf, Deutschland!



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Seite 1
Koepe, 01.06.2006
1.
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Wieso muss über etwas, das eigentlich in fast jedem anderen Land eine Selbstverständlichkeit ist diskutiert werden? Eine gesunde Portion Patriotismus ist sicher nicht schlecht! Es sollte nur nicht in Nationalismus ausarten! Aufgrund unserer Vergangenheit schämen sich wohl viele patriotisch zu sein. Auf das was damals war bin ich ganz sicher nicht stolz. Sondern auf das was danach geschaffen wurde und deswegen bin ich patriotisch!
Bloomberg76, 01.06.2006
2.
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Klar. Wie in vielen Politikfeldern heute fehlt der philosophische Unterbau auch bei diesem Thema und wir täten nicht schlecht daran statt populistischer Phrasendrescherei einmal ein paar kritische Diskurse zum Thema was unsere Staatlichkeit und Nationalität definiert zu führen. Wer sind wir? Was verbindet uns? Was wollen wir? Das sind grundsätzlicher Fragen, denen kaum eine Politiker oder Journalist unserer Zeit wirklich gewachsen zu sein scheint. Eine ernste Wiederbelebung einer solchen "leeren" Debatte gibt Gelegenheit unsere Politiker einmal aus dem ständigen Pragmatismus (auch bekannt als "Management by Crisis")mit dem sie handeln herauszuführen und zu erfahren, was sie wirklich denken. Vielleicht nehmen dann Leute auf beiden Seiten endlich mal eine fundierte Position ein. Das schärft die Meinungsbildung.
dericon, 01.06.2006
3.
---Zitat von Ulrich Ochmann--- Hier sollten wir ganz klar unterscheiden zwischen "Nationalismus" und "Patriotismus". Stolz auf die Nation ist etwas ganz anderes als Stolz auf das eigene Land. In den USA zum Beispiel sind viele auf ihr Land stolz (und zeigen die US-Flagge), von einer "Nation" kann man bei den vielen Einwanderern aber gar nicht erst sprechen. ---Zitatende--- Es spricht ja nichts dagegen, sondern eher vieles dafür, daß wir uns erst mal über die Bedeutung der Begriffe einigen, bevor wir über Inhalt und Verwendung diskutieren. Mir persönlich sind diese Begriffe zu schwammig, ich habe für ihre Bedeutung in Deutschland keine rechte Vorstellung. Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden.
Koepe, 01.06.2006
4.
---Zitat von dericon--- Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden. ---Zitatende--- Andere Nationen haben auch keine "saubere" Historie (Kolonialismus etc.), zugegeben, Deutschland "übertraf" das leider noch, trotzdem sind die Menschen stolz auf ihr Land! In Deutschland wird man doch bestenfalls noch schräg angeschaut, wenn man sich als Patriot bezeichnet. Viele fühlen sich emotional sogar noch eher zu anderen Ländern hingezogen als zu Deutschland, sie schämen sich fast dafür, deutsch zu sein!
loeweneule, 01.06.2006
5.
Ich finde es bezeichnend, daß solche "Werte"-Diskussionen immer dann hoch kommen, wenn der allgemeine Lebensstandard sinkt. Glaube, Vaterland, Familie etc. Wenn das Volk durch Konsum nicht mehr ruhiggestellt werden kann, weil es nicht mehr genug Kohle hat, greift man in die Kiste der üblichen Popanze. Du hast keinen Job, kannst die Miete kaum bezahlen, aber du darfst mächtig stolz auf deine Nation sein. Und wenn ich oben von "hochkommen" schrieb, so empfinde ich das für mich persönlich wörtlich.
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