Mohrs Deutschlandgefühl Hat der ne Fahne!

Wieviele Flaggen passen an ein Auto? Wieviel gute Laune passt in unser Land? Jede Menge natürlich. Angela Merkel manövriert sich derweil ins Abseits - und spricht vom "Sanierungsfall" Deutschland.

Von Reinhard Mohr


Ein neuer Rekord ist zu vermelden: Mit sage und schreibe zehn schwarz-rot-goldenen Flaggen, alle gleich groß und rechts wie links korrekt in Reih und Glied befestigt, stand gestern Nachmittag ein PKW in der Berliner Charlottenstraße. Ein Menetekel. Der Wahnsinn. Irre. Aber auch: Welche Materialverschwendung!

Im Übrigen aber heißt es: Halbzeit! Zwei Wochen Fußballweltmeisterschaft sind schon rum. Sie vergingen wie im Fluge. Zeit für eine kleine Zwischenbilanz.

Was war eigentlich vorher? Vorher war "Stiftung Warentest" ("Unsichere Stadien!") und Vogelgrippe ("Nie wieder Rügen!"), Terrorwarnung und Hooligan-Alarm, "No-go-areas" und die Angst, NPD und andere Nazis könnten uns wieder mal bis auf die Knochen blamieren. Dazu die Debatte, ob Panzer der Bundeswehr vor den WM-Stadien Aufstellung nehmen sollten. Nur prophylaktisch. Man weiß ja nie.

Jetzt, zwei Wochen später, haben wir ein Problem mit dem Biernachschub. Nein, kein wirkliches Bierproblem im Sinne von Problembier. Nur die Bierkästen und das Leergut werden knapp. Große Bitte also: Bringen Sie die Flaschen zurück! Auch das ist eine patriotische Tat.

Ebenso gilt: Einer trage des anderen Fahne. Teilen Sie also mit Ihrem Nachbarn! Das sollte sich auch der Halter des Fahrzeugs mit den zehn Fahnen, der übrigens im Halteverbot stand, zu Herzen nehmen. Protzen ist unpatriotisch.

Ansonsten hat sich, neben den wunderbaren Sonnenstunden und der rekordverdächtig guten Laune, vor allem die Zahl der Talkshows, TV-Beiträge und Radiointerviews zum Thema "Gibt es einen neuen deutschen Patriotismus?" vervielfacht. Das Patriotismus-Business boomt und schafft Umsatz und Beschäftigung. Auch das Deutschlandgefühl muss sich hier seiner Verantwortung fürs Ganze stellen.

Wir bleiben eben eine Kulturnation. Uns rutscht nichts einfach so durch. Das kritische Nachdenken ist uns angeboren. Wenn andere noch nach schmerzlichen Niederlagen oder einem schalen Unentschieden freudetrunken und wie von Sinnen singen trommeln und tanzen, machen wir uns Gedanken, warum wir eigentlich so hoch gewonnen haben, ob der Gegner nicht zu schwach war und wie es in Zukunft weitergehen soll.

Fußballfans in Berlin: Mit Fahne in Fahrt kommen
REUTERS

Fußballfans in Berlin: Mit Fahne in Fahrt kommen

Draußen aber, auf den Straßen und Plätzen, in den Parks und "Public Viewing Zones", ist Deutschland eine einziges Wellness- und Party-Areal geworden. Olé Olé Olé!

Nur hier und da hört man die Rotorgeräusche eines Hubschraubers weit droben am weißblauen Himmel. In dem sitzt lächelnd der Kaiser und überfliegt sein Land auf dem Weg von einem WM-Stadion ins nächste. Und er kann stolz sein, obwohl es eigentlich gar nicht seine Art ist. Lieber behält er den Überblick: "Ja gut, eehh, der Brasilianer hat natürlich individuell ganz andere Möglichkeiten, da kommt es auf ein paar Kilo mehr oder weniger gar nicht an, der macht dir auch mit einem Schweinsbraten an der Hüfte noch ein Tor..."

Bei uns aber kommt es auf Prozente an, und da sieht es ziemlich gut aus: 85 Prozent der ausländischen Gäste, die zur WM angereist sind, das ergab eine aktuelle Umfrage, wollen wiederkommen. Auf einer imaginären Freundlichkeitsskala erreichen die deutschen Gastgeber 8,81 von 10 Punkten und das trotz der Berliner Taxifahrer und der gnadenlosen Parkraumbewirtschaftung.

Etwas stutzig macht nur die Spitzenstellung von Gelsenkirchen, was das angeblich beste Essen betrifft. Hier muss die durchaus ehrenwerte, aber international sehr fragwürdige "Horst-Schimanski-Currywurst-Skala" angelegt worden sein. Egal.

Alles ist gut, könnte man glauben, doch ganz von Ferne dringt ein böses Wort an unser Ohr, das von lauter Fan-Gesängen schon ein bisschen taub geworden ist: "Deutschland ist ein Sanierungsfall." Wie bitte? Was soll das denn sein? Das hören wir ja zum ersten Mal.

Bundeskanzlerin Angela Merkel soll es gesagt haben, schreiben die Zeitungen. Und sie schreiben auch, dass sie zugleich, statt die Finanzen dann eben zu sanieren, im neuen Bundeshaushalt die Rekordsumme von mehr als 38 Milliarden Euro neuer Schulden eingeplant hat.

Das verstehen wir nicht. Aber im Augenblick wollen wir es auch gar nicht verstehen. In "keinschter Weise", wie auch der Jürgen meint. Denn wir müssen uns auf die Schweden konzentrieren. Bis dahin bleibt es beim hohen Patriotismus-Pegel-Wert von 9 Punkten auf dem Klinsimeter. Ab Samstag 17 Uhr allerdings gilt die Pegelalarmstufe 1.

Bis morgen also und Glück auf, Deutschland!



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