Mohrs Deutschlandgefühl Hilfe, die Fahnen gehen aus

Wir haben ein Problem: Die Deutschland-Fahnen gehen aus. Die Produktion von Schwarz-Rot-Gold kommt nicht mehr nach. Die Nachfrage ist zu groß. Und sie kam unerwartet. Was haben wir also falsch gemacht?


Hätten wir dieses Problem nicht voraussehen müssen? Wieso schweigt Sabine Christiansen zu dieser Frage: "Nation in der Fahnenkrise: Lähmt die Große Koalition das Land?"

WM-Fans vor Kneipen-TV: "Auffe Haus!"
AFP

WM-Fans vor Kneipen-TV: "Auffe Haus!"

Hätte man die zentrale Organisation der Flaggenproduktion vielleicht besser DFB-Immer-noch-Chef Gerhard Mayer-Vorfelder anvertrauen sollen? Kann uns vielleicht China aushelfen oder Vietnam? Oder muss auch hier das Subsidiaritätsprinzip gelten: Der wahre Patriot näht selbst.

Oder brauchen wir doch ein Fahnenbevorratungsgesetz für den Krisenfall, das unter Paragraf 2 regeln müsste: ein Mann, eine Fahne. Nicht mehr und nicht weniger.

Denn immer häufiger sieht man die Quattro-Beflaggung an Autos, zuweilen sogar als (inter)nationales Potpourri aus türkischen, italienischen, skandinavischen und germanischen Trikoloren, die schon genug Verwirrung stiften in der aktuellen Patriotismusdebatte.

In dieser schwierigen Lage beschlossen wir gestern Abend, einmal den Patriotismus der anderen zu besichtigen. Wie es der Zufall wollte, saßen wir in unserem italienischen Stammrestaurant genau an jenem Tisch, an dem es sich vor wenigen Wochen Angela Merkel und ihr Mann gemütlich gemacht hatten. In bester Sichtentfernung zum Flachbildschirm bestellten wir gerade noch rechtzeitig Vor- und Hauptspeise, bevor die Nationalhymnen der Vereinigten Staaten und Italiens gespielt wurden.

Am Nebentisch säugte eine Mutter ihr Baby an der Brust, während die schon etwas älteren Kinder ungebremst durchs Restaurant tobten. Vor und hinter uns amerikanische Gäste, daneben zwei Schweizer, die ausgiebig die europaweit einzigartige deutsche Rauchertoleranz genossen und eine Zigarette nach der anderen pafften. Möge der Davoser Zauberberg sich dereinst ihrer teerschwarzen Lungen annehmen.

Als der „insalata di asparagi“ mit grünen Spargelspitzen, Gambas, Erdbeeren und Rucola auf dem Tisch stand, begann das Spiel – mit der Information: "ZDF. Kein Bild verfügbar."

Dieses Insert sollte im Verlauf des Abends noch häufiger auftauchen. Immer wieder verzerrte sich das Live-Bild aus Kaiserslautern oder blieb einfach stehen, bevor es für Sekunden ganz verschwand. Und immer wieder hantierten die italienischen Freunde an der Antenne herum, die auf dem Fernseher stand. Wir kennen das noch aus den frühen achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als es beim stundenlangen Justieren des wackeligen Flimmerkistenempfangs unentwegt hieß: "Ja, ja, gut, jetzt genauso stehen bleiben!"

Wie durch ein Wunder verpassten wir dennoch kein Tor und waren stets auf Ballhöhe, als die drei roten Karten – allerdings ziemlich ungerecht – verteilt wurden. Auch die mit Esskastanien gefüllten hausgemachten Ravioli waren wunderbar, und der sympathische amerikanische Gast vor uns ließ sich auch nur ein einziges Mal zu einem "damned fucking referee!" hinreißen.

Als es am Ende beim 1:1 blieb – kein Ruhmesblatt für Italien, das immerhin einen Mann mehr auf dem Platz hatte –, blickten die italienischen Kellner etwas leer in den Raum. Doch schon im nächsten Augenblick wurde wieder eine Flasche Dolcetto d’Alba aufgemacht. Das Leben muss ja weitergehen.

Natürlich hatten wir darauf spekuliert, dass bei einem fulminanten Sieg der Italiener Nachspeis & Trank in Strömen fließen würden, selbstverständlich "auffe Haus!". Daraus wurde leider nichts. Freundlich wurde uns ein Averna wurde angeboten, mit Eis und Zitrone. Das muss das Gegenteil des 'positiven Patriotismus' sein, vor dem Oliver Bierhoff gewarnt hat.

Dennoch: Nach dem phantastischen Spiel der ghanaischen Mannschaft gegen Tschechien, dem ersten WM-Sieg eines afrikanischen Teams, vergeben wir erstmals einen patriotischen Multikulti-Sympathiepunkt auf dem Klinsimeter.

Heutiger Stand also: Plus 9.

Bis morgen und Glück auf Deutschland!

insgesamt 1651 Beiträge
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Seite 1
Koepe, 01.06.2006
1.
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Wieso muss über etwas, das eigentlich in fast jedem anderen Land eine Selbstverständlichkeit ist diskutiert werden? Eine gesunde Portion Patriotismus ist sicher nicht schlecht! Es sollte nur nicht in Nationalismus ausarten! Aufgrund unserer Vergangenheit schämen sich wohl viele patriotisch zu sein. Auf das was damals war bin ich ganz sicher nicht stolz. Sondern auf das was danach geschaffen wurde und deswegen bin ich patriotisch!
Bloomberg76, 01.06.2006
2.
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Klar. Wie in vielen Politikfeldern heute fehlt der philosophische Unterbau auch bei diesem Thema und wir täten nicht schlecht daran statt populistischer Phrasendrescherei einmal ein paar kritische Diskurse zum Thema was unsere Staatlichkeit und Nationalität definiert zu führen. Wer sind wir? Was verbindet uns? Was wollen wir? Das sind grundsätzlicher Fragen, denen kaum eine Politiker oder Journalist unserer Zeit wirklich gewachsen zu sein scheint. Eine ernste Wiederbelebung einer solchen "leeren" Debatte gibt Gelegenheit unsere Politiker einmal aus dem ständigen Pragmatismus (auch bekannt als "Management by Crisis")mit dem sie handeln herauszuführen und zu erfahren, was sie wirklich denken. Vielleicht nehmen dann Leute auf beiden Seiten endlich mal eine fundierte Position ein. Das schärft die Meinungsbildung.
Ulrich Ochmann 01.06.2006
3.
Hier sollten wir ganz klar unterscheiden zwischen "Nationalismus" und "Patriotismus". Stolz auf die Nation ist etwas ganz anderes als Stolz auf das eigene Land. In den USA zum Beispiel sind viele auf ihr Land stolz (und zeigen die US-Flagge), von einer "Nation" kann man bei den vielen Einwanderern aber gar nicht erst sprechen.
dericon, 01.06.2006
4.
---Zitat von Ulrich Ochmann--- Hier sollten wir ganz klar unterscheiden zwischen "Nationalismus" und "Patriotismus". Stolz auf die Nation ist etwas ganz anderes als Stolz auf das eigene Land. In den USA zum Beispiel sind viele auf ihr Land stolz (und zeigen die US-Flagge), von einer "Nation" kann man bei den vielen Einwanderern aber gar nicht erst sprechen. ---Zitatende--- Es spricht ja nichts dagegen, sondern eher vieles dafür, daß wir uns erst mal über die Bedeutung der Begriffe einigen, bevor wir über Inhalt und Verwendung diskutieren. Mir persönlich sind diese Begriffe zu schwammig, ich habe für ihre Bedeutung in Deutschland keine rechte Vorstellung. Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden.
Koepe, 01.06.2006
5.
---Zitat von dericon--- Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden. ---Zitatende--- Andere Nationen haben auch keine "saubere" Historie (Kolonialismus etc.), zugegeben, Deutschland "übertraf" das leider noch, trotzdem sind die Menschen stolz auf ihr Land! In Deutschland wird man doch bestenfalls noch schräg angeschaut, wenn man sich als Patriot bezeichnet. Viele fühlen sich emotional sogar noch eher zu anderen Ländern hingezogen als zu Deutschland, sie schämen sich fast dafür, deutsch zu sein!
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