Mohrs Deutschlandgefühl Mehr Sex vor dem Spiel

Kein Sex vor dem Spiel, hieß es bisher immer. Zumindest in der Berliner Nachbarschaft wurde mit diesem Dogma gestern kurz vor 16 Uhr gebrochen. Die Party geht also weiter - und der Patriotismus-Pegel steigt trotz feuilletonistischer Unkenrufe und drohendem Rauchverbot.

Von Reinhard Mohr


Gestern war der längste Tag des Jahres. Sommersonnenwende. Ist Ihnen das eigentlich aufgefallen, mitten im großen WM-Partytrubel? Oder standen Sie irgendwo unter Hunderttausenden im Bierfahnennebel und haben gar nichts mitbekommen außer Kloses Salto mortale?

Von nun an geht es jedenfalls wieder bergab. Bald wird es wieder früher dunkel, die ersten Blätter fallen und Sabine Christiansen kommt zurück auf den Bildschirm. Schrecklich.

Lassen Sie uns lieber gar nicht daran denken.

Denn gerade lernen wir massenhaft, im Hier und Jetzt zu leben. Endlich haben wir’s begriffen: Morgen sind wir alle tot. Philosophisch gesehen, versteht sich.

Heute aber, am frühen Morgen, roch die Luft schon wieder derart südlich sommerlich nach Lindenblüten, nach Frankreich- und Italienurlaub – genau so wie in schönsten Kindheitstagen –, und die gar nicht unerträgliche Leichtigkeit des Seins legte sich wie ein zarter Schweißfilm auf Körper, Geist und Seele.

Selbst uralte deutsche Fußballerweisheiten geraten da ins Wanken. "Kein Sex vor dem Spiel" hieß es immer. Die Kraft muss aufgespart werden für Torschuss und Blutgrätsche. Lieber 'ne anständige Massage von Erich Deuser. Sex schadet nur der Konzentration aufs Wesentliche. Das bringt doch nix. Erst recht bei dieser schwülen Hitze.

Gestern aber, zehn Minuten vor dem Anpfiff des Spiels Ecuador-Deutschland, gellten spitze Schreie der Lust durch den begrünten Hinterhof zwischen Großer Hamburger und Oranienburger Straße, die man lautmalerisch beim besten Willen nicht wiedergeben kann. Pünktlich zum gemeinsamen Absingen des Deutschlandliedes jedoch war der Geschlechtsakt, so weit zu hören, erfolgreich beendet.

A propos: Der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, Ulrich Thöne hat sich offiziell entschuldigt. Mit der Neuauflage einer Broschüre von 1989, in der texthermeneutisch, tiefenpsychologisch und musikhistorisch schärfste Kritik an der Nationalhymne geübt wurde, habe man sich keinesfalls für deren Abschaffung ausgesprochen. Im Gegenteil:

"Wenn heute junge Fußballfans die Nationalhymne singen, tun sie das aus Lebensfreude und zur Unterstützung der deutschen Mannschaft."

Ei der Daus, Potzblitz und horschemal! Wer hätte das gedacht! Wer kommt denn auf so was!

Ausgelassener Fußball-Fan nach dem 3:0 gegen Ecuador: "Lebensfreude und Unterstützung der eigenen Mannschaft"
Getty Images

Ausgelassener Fußball-Fan nach dem 3:0 gegen Ecuador: "Lebensfreude und Unterstützung der eigenen Mannschaft"

Lebensfreude und Unterstützung der eigenen Mannschaft!!??

Aber gut. Nun haben wir auch noch die amtliche Genehmigung der GEW.

Ist denn überhaupt niemand mehr dagegen? So wie früher?

Wenn jetzt auch noch ein konsequentes Rauchverbot in öffentlichen Räumen verhängt werden sollte und Pfeifenliebhaber Günter Grass publizistischen Hausarrest bekommt, bleibt eigentlich nur noch die "Frankfurter Rundschau" übrig, das Äppelwoikanönsche des südhessischen Bembelsozialismus.

In ihrem gestrigen Feuilleton versuchte sich ein sichtlich ambitionierter Schwerdenker unter dem programmatischen Titel "National-Klamauk" an einem Rundumschlag gegen WM-"glotzende Teutonen" und die "dreiste Unbekümmertheit" geschichtsvergessener publizistischer Sinnstifter.

Na endlich, denkt man, gib's uns mit Horkheimer und Adorno, analysiere die weltweiten Zusammenhänge und mach uns geschichts- wie moralphilosophisch richtig fertig!

Motto: Von wegen, das Runde muss ins Eckige! Das ist, so die "FR", der pure Populismus einer außer Rand und Band geratenen Kulturindustrie, die nicht weit vom Medienfaschismus haust.

Nein und nochmals nein!

Richtig ist und bleibt:

"Das Ganze ist das Unwahre" (Adorno).

So etwa hatten wir gehofft. Doch was lesen wir stattdessen? Ein verquastes Deutsch, das nicht einmal den abwesenden Gedanken angemessen ausdrücken kann. Kostprobe:

"Als bemerkenswert erweist sich nun die mit der Normalisierung einhergehende neue Unbekümmertheit, die ursächlich allerdings eher auf die als Globalisierungsdruck und Sozialstaatsversagen in die Gesellschaft hineinkommunizierte Krisenstimmung zurückgehen dürfte..."

Alles klar?

Es hilft also nichts. Die Party geht weiter, und der Pegel steigt. Auf 9 Punkte.

Bis morgen und Glück auf, Deutschland!

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Seite 1
Koepe, 01.06.2006
1.
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Wieso muss über etwas, das eigentlich in fast jedem anderen Land eine Selbstverständlichkeit ist diskutiert werden? Eine gesunde Portion Patriotismus ist sicher nicht schlecht! Es sollte nur nicht in Nationalismus ausarten! Aufgrund unserer Vergangenheit schämen sich wohl viele patriotisch zu sein. Auf das was damals war bin ich ganz sicher nicht stolz. Sondern auf das was danach geschaffen wurde und deswegen bin ich patriotisch!
Bloomberg76, 01.06.2006
2.
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Klar. Wie in vielen Politikfeldern heute fehlt der philosophische Unterbau auch bei diesem Thema und wir täten nicht schlecht daran statt populistischer Phrasendrescherei einmal ein paar kritische Diskurse zum Thema was unsere Staatlichkeit und Nationalität definiert zu führen. Wer sind wir? Was verbindet uns? Was wollen wir? Das sind grundsätzlicher Fragen, denen kaum eine Politiker oder Journalist unserer Zeit wirklich gewachsen zu sein scheint. Eine ernste Wiederbelebung einer solchen "leeren" Debatte gibt Gelegenheit unsere Politiker einmal aus dem ständigen Pragmatismus (auch bekannt als "Management by Crisis")mit dem sie handeln herauszuführen und zu erfahren, was sie wirklich denken. Vielleicht nehmen dann Leute auf beiden Seiten endlich mal eine fundierte Position ein. Das schärft die Meinungsbildung.
dericon, 01.06.2006
3.
---Zitat von Ulrich Ochmann--- Hier sollten wir ganz klar unterscheiden zwischen "Nationalismus" und "Patriotismus". Stolz auf die Nation ist etwas ganz anderes als Stolz auf das eigene Land. In den USA zum Beispiel sind viele auf ihr Land stolz (und zeigen die US-Flagge), von einer "Nation" kann man bei den vielen Einwanderern aber gar nicht erst sprechen. ---Zitatende--- Es spricht ja nichts dagegen, sondern eher vieles dafür, daß wir uns erst mal über die Bedeutung der Begriffe einigen, bevor wir über Inhalt und Verwendung diskutieren. Mir persönlich sind diese Begriffe zu schwammig, ich habe für ihre Bedeutung in Deutschland keine rechte Vorstellung. Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden.
Koepe, 01.06.2006
4.
---Zitat von dericon--- Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden. ---Zitatende--- Andere Nationen haben auch keine "saubere" Historie (Kolonialismus etc.), zugegeben, Deutschland "übertraf" das leider noch, trotzdem sind die Menschen stolz auf ihr Land! In Deutschland wird man doch bestenfalls noch schräg angeschaut, wenn man sich als Patriot bezeichnet. Viele fühlen sich emotional sogar noch eher zu anderen Ländern hingezogen als zu Deutschland, sie schämen sich fast dafür, deutsch zu sein!
loeweneule, 01.06.2006
5.
Ich finde es bezeichnend, daß solche "Werte"-Diskussionen immer dann hoch kommen, wenn der allgemeine Lebensstandard sinkt. Glaube, Vaterland, Familie etc. Wenn das Volk durch Konsum nicht mehr ruhiggestellt werden kann, weil es nicht mehr genug Kohle hat, greift man in die Kiste der üblichen Popanze. Du hast keinen Job, kannst die Miete kaum bezahlen, aber du darfst mächtig stolz auf deine Nation sein. Und wenn ich oben von "hochkommen" schrieb, so empfinde ich das für mich persönlich wörtlich.
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