Mohrs Deutschlandgefühl Pisa, Siesta, Fiesta

Die friedliche Sommerstimmung färbt sogar auf Polizisten und RTL-Kommentatoren ab. SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Reinhard Mohr misst bis zum 9. Juli täglich mit dem "Klinsimeter" den aktuellen Patriotismus-Pegel.


Pardon, aber wir müssen doch noch mal kurz vom Wetter reden. "Vom", nicht "über".

SPIEGEL-ONLINE-Leser Jakob von Weizsäcker, derzeit Brüssel, wies uns auf das historisch korrekte Zitat hin, obwohl er gar kein alter 68er ist. Nicht mal ein 78er – ein Nachgeborener der Revolte. "Alle reden vom Wetter. Wir nicht" – so hatte vor beinah 40 Jahren Rudi Dutschkes SDS die Werbung der Deutschen Bundesbahn persifliert, um sie für revolutionäre Umtriebe fruchtbar zu machen.

Nachdem auch gestern wieder das Wetter so unverschämt azurblau und sonnensatt über uns stand und die Glocken des Berliner Doms wie von weiter Ferne sehnsuchtsvoll herüber klangen, konnten wir nicht widerstehen und suchten per Fahrrad ein wenig Abstand zur farbenprächtig-lärmigen, bier- und bratwurstgestützten WM-Movida.

Schon am Kanzleramt, das auf einer Seite im hellen Grün des Tiergartens liegt, widmeten sich drei Polizeibeamte im Schatten eines alten Baumes ihrer Lektüre. Der eine las ein Buch, die anderen studierten Zeitschriften. Der arkadische Frieden einer antiken Schäferstunde lag über der Szenerie. Manchmal muss man sich den deutschen Polizisten eben auch als lesenden Hirten vorstellen. Ein klarer Punkt auf dem Klinsimeter.

Je mehr es gegen Westen ging, desto beschaulicher, ja verschlafener lag die Dreieinhalb-Millionen-Stadt in der Mittagssonne. An der Havel bei Spandau beginnt sie, die Idylle des alten grünen Westberlin, dort, wo tatsächlich noch "Weiße mit Schuss" getrunken wird und rüstige Witwen mit leicht violett getönter Stahlfrisur einsam, aber nicht unzufrieden vor ihrem Banana-Split sitzen.

Der wunderschöne westliche Uferweg zwischen Gatow und Kladow bis runter zum Wannsee, auf dem schon Heinz Rühmann lustwandelte, wirkt völlig zeitlos. Weder Mauerfall noch Fußball-WM beeindrucken hier jemanden sonderlich, obwohl der einstige Sperrgürtel der DDR bis Ende 1989 nur ein paar hundert Meter entfernt lag. Der frische Sommerwind weht die letzten Blüten des Frühlings auf die schon weiß eingestäubten Wege, die Segelboote blitzen auf dem Wasser und die Kinder machen sich schreiend gegenseitig nass.

"Anbaden" nennt das der Berliner, ein profanes, aber irgendwie auch heiliges Zeremoniell.

Im Hafen von Kladow sitzen zwei ältere Paare und schimpfen routiniert über Gesundheitsreform, Ökosteuer und die "korrupten Politiker". Dabei trinken sie ganz gemütlich ein Bier nach dem andern und bestellen schnell noch zwei dicke fette Eisbecher. Das Trinkgeld für die junge Bedienung stimmt auch. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Die friedliche Sommerstimmung wie aus einem Eric-Rohmer-Film, die derzeit über Deutschland liegt, färbt sogar auf RTL-Kommentatoren ab. Vom Fußball verstehen sie zwar nicht viel, aber sie haben was im Gefühl. Während Co-Kommentator Pierre Littbarski – Sie erinnern sich, der Kleine mit den krummen Beinen – jede Objektivität vermissen ließ und nicht müde wurde, die Mannschaft Irans anzufeuern, freute sich der RTL-Reporter schon über eine "mexikanische Siesta" nach dem Sieg in Nürnberg.

Pisa, Siesta, Fiesta – im Augenblick ist sowieso alles egal. Wir sind gut drauf in Deutschland.

Und wir dichten schon wie die Weltmeister.

"Eh, wir wollten Tore,
Und wir haben Tore gesehen,
Und dass Ballack nicht gespielt hat,
War kein großes Problem."

So sang die Münchner Hip-Hop-Band Blumentopf in "Waldis WM-Club".

Wenn das so weiter geht, muss die Patriotismus-Skala nach oben erweitert werden.

Für heute vergeben wir 9 Punkte auf dem Klinsimeter.

Bis morgen und Glück auf, Deutschland!



insgesamt 1648 Beiträge
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Seite 1
Koepe, 01.06.2006
1.
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Wieso muss über etwas, das eigentlich in fast jedem anderen Land eine Selbstverständlichkeit ist diskutiert werden? Eine gesunde Portion Patriotismus ist sicher nicht schlecht! Es sollte nur nicht in Nationalismus ausarten! Aufgrund unserer Vergangenheit schämen sich wohl viele patriotisch zu sein. Auf das was damals war bin ich ganz sicher nicht stolz. Sondern auf das was danach geschaffen wurde und deswegen bin ich patriotisch!
Bloomberg76, 01.06.2006
2.
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Klar. Wie in vielen Politikfeldern heute fehlt der philosophische Unterbau auch bei diesem Thema und wir täten nicht schlecht daran statt populistischer Phrasendrescherei einmal ein paar kritische Diskurse zum Thema was unsere Staatlichkeit und Nationalität definiert zu führen. Wer sind wir? Was verbindet uns? Was wollen wir? Das sind grundsätzlicher Fragen, denen kaum eine Politiker oder Journalist unserer Zeit wirklich gewachsen zu sein scheint. Eine ernste Wiederbelebung einer solchen "leeren" Debatte gibt Gelegenheit unsere Politiker einmal aus dem ständigen Pragmatismus (auch bekannt als "Management by Crisis")mit dem sie handeln herauszuführen und zu erfahren, was sie wirklich denken. Vielleicht nehmen dann Leute auf beiden Seiten endlich mal eine fundierte Position ein. Das schärft die Meinungsbildung.
dericon, 01.06.2006
3.
---Zitat von Ulrich Ochmann--- Hier sollten wir ganz klar unterscheiden zwischen "Nationalismus" und "Patriotismus". Stolz auf die Nation ist etwas ganz anderes als Stolz auf das eigene Land. In den USA zum Beispiel sind viele auf ihr Land stolz (und zeigen die US-Flagge), von einer "Nation" kann man bei den vielen Einwanderern aber gar nicht erst sprechen. ---Zitatende--- Es spricht ja nichts dagegen, sondern eher vieles dafür, daß wir uns erst mal über die Bedeutung der Begriffe einigen, bevor wir über Inhalt und Verwendung diskutieren. Mir persönlich sind diese Begriffe zu schwammig, ich habe für ihre Bedeutung in Deutschland keine rechte Vorstellung. Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden.
Koepe, 01.06.2006
4.
---Zitat von dericon--- Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden. ---Zitatende--- Andere Nationen haben auch keine "saubere" Historie (Kolonialismus etc.), zugegeben, Deutschland "übertraf" das leider noch, trotzdem sind die Menschen stolz auf ihr Land! In Deutschland wird man doch bestenfalls noch schräg angeschaut, wenn man sich als Patriot bezeichnet. Viele fühlen sich emotional sogar noch eher zu anderen Ländern hingezogen als zu Deutschland, sie schämen sich fast dafür, deutsch zu sein!
loeweneule, 01.06.2006
5.
Ich finde es bezeichnend, daß solche "Werte"-Diskussionen immer dann hoch kommen, wenn der allgemeine Lebensstandard sinkt. Glaube, Vaterland, Familie etc. Wenn das Volk durch Konsum nicht mehr ruhiggestellt werden kann, weil es nicht mehr genug Kohle hat, greift man in die Kiste der üblichen Popanze. Du hast keinen Job, kannst die Miete kaum bezahlen, aber du darfst mächtig stolz auf deine Nation sein. Und wenn ich oben von "hochkommen" schrieb, so empfinde ich das für mich persönlich wörtlich.
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