Mohrs Deutschlandgefühl Reden wir übers Wetter

Überall weht einem zur WM das Schwarzrotgold entgegen, nicht nur aus den Feuilletons, sondern auch aus den Autofenstern. Das neue Deutschlandgefühl, den Patriotismus-Pegel, misst SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Reinhard Mohr bis zum 9. Juli täglich mit dem "Klinsimeter". Heute Teil II.


"Alle reden über das Wetter. Wir nicht". Das behauptete 1968 frech der SDS und diskutierte stattdessen über die Revolution. So einfach können wir es uns nicht mehr machen.

Britische Fans nutzen den Springbrunnen vor dem Frankfurter Römer für ein Bad: Felix Germania
DDP

Britische Fans nutzen den Springbrunnen vor dem Frankfurter Römer für ein Bad: Felix Germania

Heute müssen wir übers Wetter reden. Derart wunderbar stand der Vollmond gestern Abend am dunklen Sternenhimmel, so makellos strahlt heute Morgen die Sonne am blauen Firmament, dass man sich fragt: Kann man eigentlich auf so was stolz sein, so ganz ohne Eigenleistung?

Anders gefragt: Erzeugt das traumhafte Sommerwetter patriotische Gefühle oder hat der transzendentale, also immer schon gefühlte Patriotismus nur eine verstärkende, rosafarbene Sonnenbrille auf? Was also war zuerst da: Der spontane, im Wortsinn opportunistische Wetterpatriotismus oder das patriotisch sich zur rechten Zeit einstellende Wahnsinnswetter, mit dem wir den eben noch frierenden Freunden aus aller Welt zeigen können, was wir immer schon wussten: Das wahre Dolce Vita gibt es nur hier. Felix Germania.

Schon die gut tausend Lederhosen bei der WM-Eröffnungsfeier in München waren ein klarer hedonistischer Hinweis auf zünftige Almfreuden, frivoles "Fensterln" und die geliebten Biergartenexzesse. In Frankfurt am Main soll deutsches Bier sogar seine berühmt-beruhigende Wirkung unter Beweis gestellt haben: Englische Fans, weltweit gefürchtet, schliefen am Mainufer, dessen Nordseite schon immer "Nizza" (!) genannt wurde, friedlich ein.

Auch in Berlin, zwischen neuem Hauptbahnhof, Brandenburger Tor und Potsdamer Platz, ist dies- und jenseits der riesigen "Fanmeile" eine einzige große "Movid" entstanden, ein mediterranes Hin- und Herwogen Hunderttausender, die zuweilen gar nicht mehr genau wissen, ob sie nun bei einer Fußballweltmeisterschaft sind oder schon im Sommerurlaub auf Mallorca.

Meteorologische Dialektik: Die Sonne brennt das vermeintlich "typisch Deutsche" ein wenig aus. Palmen an der Spree, Brasilianer am Pariser Platz, und am Hackeschen Markt stürmt ein zu allem entschlossener japanischer Einkaufstrupp den neuen Adidas-Shop. Wohin man schaut, nichts als Migrationshintergründe.

Dass man immer noch in Deutschland ist (wenn man nicht gerade wegen des Mitführens einer polnischen Flagge verfolgt wird), merkt man nur noch im Vorübergehen: "As the Nazis came up...", erklärt ein junger Deutscher seinen ausländischen Gästen in aller Kürze historischen Zusammenhänge.

Endgültig in Äquatornähe glaubte man sich gestern Abend beim Spiel Argentinien – Elfenbeinküste. Was für ein Tempo! Welche Verve und Eleganz! Zumindest sportlich kam da manch einer in Gefahr überzulaufen – zu den Ivorern der Côte d’Ivoire. Jeder Gedanke an die deutsche Abwehr musste dabei ganz ganz tief verdrängt werden.

Erst der Stammtisch der drei Fußballweisen in "Waldis WM-Club" (ARD) schaffte wieder Ordnung im Kopf. Paul Breitner, Heiner Lauterbach und Harald Schmidt waren sich einig: Die deutsche Vierkette braucht Hilfe. Am besten durch eine "Abwehr-Bestie“ (Harald Schmidt) wie in guten alten Zeiten. Blutgrätsche inklusive: "Man muss da nur positiv patriotisch rangehen."

Macht zusammen 8 Punkte auf dem Klinsimeter.

Bis morgen und Glück auf, Deutschland!



insgesamt 1648 Beiträge
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Seite 1
Koepe, 01.06.2006
1.
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Wieso muss über etwas, das eigentlich in fast jedem anderen Land eine Selbstverständlichkeit ist diskutiert werden? Eine gesunde Portion Patriotismus ist sicher nicht schlecht! Es sollte nur nicht in Nationalismus ausarten! Aufgrund unserer Vergangenheit schämen sich wohl viele patriotisch zu sein. Auf das was damals war bin ich ganz sicher nicht stolz. Sondern auf das was danach geschaffen wurde und deswegen bin ich patriotisch!
Bloomberg76, 01.06.2006
2.
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Klar. Wie in vielen Politikfeldern heute fehlt der philosophische Unterbau auch bei diesem Thema und wir täten nicht schlecht daran statt populistischer Phrasendrescherei einmal ein paar kritische Diskurse zum Thema was unsere Staatlichkeit und Nationalität definiert zu führen. Wer sind wir? Was verbindet uns? Was wollen wir? Das sind grundsätzlicher Fragen, denen kaum eine Politiker oder Journalist unserer Zeit wirklich gewachsen zu sein scheint. Eine ernste Wiederbelebung einer solchen "leeren" Debatte gibt Gelegenheit unsere Politiker einmal aus dem ständigen Pragmatismus (auch bekannt als "Management by Crisis")mit dem sie handeln herauszuführen und zu erfahren, was sie wirklich denken. Vielleicht nehmen dann Leute auf beiden Seiten endlich mal eine fundierte Position ein. Das schärft die Meinungsbildung.
dericon, 01.06.2006
3.
---Zitat von Ulrich Ochmann--- Hier sollten wir ganz klar unterscheiden zwischen "Nationalismus" und "Patriotismus". Stolz auf die Nation ist etwas ganz anderes als Stolz auf das eigene Land. In den USA zum Beispiel sind viele auf ihr Land stolz (und zeigen die US-Flagge), von einer "Nation" kann man bei den vielen Einwanderern aber gar nicht erst sprechen. ---Zitatende--- Es spricht ja nichts dagegen, sondern eher vieles dafür, daß wir uns erst mal über die Bedeutung der Begriffe einigen, bevor wir über Inhalt und Verwendung diskutieren. Mir persönlich sind diese Begriffe zu schwammig, ich habe für ihre Bedeutung in Deutschland keine rechte Vorstellung. Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden.
Koepe, 01.06.2006
4.
---Zitat von dericon--- Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden. ---Zitatende--- Andere Nationen haben auch keine "saubere" Historie (Kolonialismus etc.), zugegeben, Deutschland "übertraf" das leider noch, trotzdem sind die Menschen stolz auf ihr Land! In Deutschland wird man doch bestenfalls noch schräg angeschaut, wenn man sich als Patriot bezeichnet. Viele fühlen sich emotional sogar noch eher zu anderen Ländern hingezogen als zu Deutschland, sie schämen sich fast dafür, deutsch zu sein!
loeweneule, 01.06.2006
5.
Ich finde es bezeichnend, daß solche "Werte"-Diskussionen immer dann hoch kommen, wenn der allgemeine Lebensstandard sinkt. Glaube, Vaterland, Familie etc. Wenn das Volk durch Konsum nicht mehr ruhiggestellt werden kann, weil es nicht mehr genug Kohle hat, greift man in die Kiste der üblichen Popanze. Du hast keinen Job, kannst die Miete kaum bezahlen, aber du darfst mächtig stolz auf deine Nation sein. Und wenn ich oben von "hochkommen" schrieb, so empfinde ich das für mich persönlich wörtlich.
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